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Buchcover: Katherine Applegate: Crenshaw - einmal schwarzer Kater

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Crenshaw - einmal schwarzer Kater von Katherine Applegate

erschienen bei Sauerländer

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

in mein Bücherregal

Wenn die Not am größten ist, dann braucht man einen Freund. Und Jackson hat ihn wirklich bitter nötig; aber doch bitte nicht in Gestalt eines riesigen, schwarzen Katers, den nur er sehen kann.

Jackson ist gerade mal 10 Jahre jung und schon hat er die Härte des Lebens mit voller Wucht zu spüren bekommen. Das erste Mal, dass ihm Crenshaw begegnete, campierte Jackson mit seiner Familie auf einem Autobahnrasthof obdachlos in einem Minivan. Die Familie hatte alles verloren. Der Vater chronisch krank, die Mutter ohne festen Job.

In einer Rückblende berichtet Jackson von dieser schrecklichen Zeit, in der alle – seine Eltern und seine kleine Schwester – versucht hatten, das Beste aus der schlimmen Situation zu machen. Er berichtet von Menschen, die ihnen halfen und von Menschen, die ihnen noch mehr nahmen. Und wie sie es allen Widrigkeiten zum Trotz doch geschafft haben, wieder einigermaßen Fuß zu fassen. Leider nur sehr wackelig, denn aktuell stehen seine Eltern wieder an dem Punkt, mitsamt Kindern und Hund obdachlos zu werden. Auch nachdem sie alle Möbel und Habseligkeiten – auch die der Kinder – verkauft haben, bleibt nicht genug Geld, um die Räumung aus der kleinen Mietwohnung zu verhindern. Und genau hier taucht Crenshaw wieder auf. Er liegt in der Badewanne und nimmt ein ausgiebiges Schaumbad. Zunächst will Jackson seinen eigenen Augen nicht trauen und schickt seine „Halluzination“ fort, doch Crenshaw besteht darauf bei ihm zu bleiben um ihm zu helfen, denn das sei seine Aufgabe. Für Jackson, der früh gelernt hat, nur den Fakten zu vertrauen, gibt es keinen Platz für einen überdimensionierten, schwarzen Kater mit absonderlichen Vorlieben. In seinem Universum findet so etwas einfach nicht statt. Basta.

Die darauf folgende, ziemlich lange Rückblende nimmt einen Großteil des Buches ein und dadurch entsteht der Eindruck, das Buch würde zweimal beginnen: einmal in der Vergangenheit und noch einmal in der Gegenwart. Das ist sicherlich nicht für alle jungen Leser/innen einfach, das vorneweg.

Jackson beginnt seine Erzählung – in der Jetzt-Zeit – mit den Schilderungen, wie sie mit Spielchen versuchen, selbst Kleinigkeiten mit einer Langsamkeit zu essen, dass sie den Hunger besser aushalten. Gleich vermutet man die Kinder in einem sehr armen Land dieser Erde. Doch irgendetwas passt da nicht …schnell wird klar, sie leben in den USA und wirken nach außen, wie eine normale Familie. Gut, die Kleidung von Jackson ist stets zu klein, und er weiß viel zu gut, wo es wann Gratis-Essen gibt, leider weiß er auch, wie es ist zu stehlen, um dann mit dem schlechten Gewissen zu leben.

Die erste Frage, die einem sofort in den Sinn kommt: Trifft die Eltern eine Schuld? Ganz sicher nicht, weil Jacksons Vater einfach Pech hatte – krank kann schließlich jeder werden – und auch nicht, weil er so nicht mehr genug Geld für die Familie verdienen kann. Schlimm ist jedoch, dass beide Eltern die Wahrheit vor den Kindern verschweigen und ihnen mit einem fröhlichen Gesicht all das zumuten, so als wäre es ein lustiges Spiel. Und die Kinder spielen es den Eltern zu liebe mit. Ein offenes Gespräch über das, was gerade mit ihnen geschieht und wie es weiter gehen soll, gibt es nicht.

Das ist das eine, aber angesichts dieser Not zu stolz zu sein, Hilfe jedweder Art anzunehmen, um lieber betteln zu gehen, ist schon unverantwortlich und trifft vor allem auf den Vater zu, der vor der Gesellschaft nicht als Bittsteller dastehen will.

Und wo spielt da Crenshaw eine Rolle?

Ich beschloss, Marisol von einem kranken Verwandten zu erzählen, um den wir uns kümmern müssten, &und dass sich alles ganz plötzlich ergeben hatte. Aber gerade als ich anfangen wollte, beugte sich Crenshaw zu mir und flüsterte mir ins Ohr: >> Die Wahrheit, Jackson.<<

Obwohl Jackson sich das Leben auch so zurecht legt, dass es für ihn erträglich ist, kann er dem Offensichtlichen nicht länger ausweichen. Crenshaw bereitet ihn auf unkonventionelle Weise darauf vor, die Wahrheit zu sehen und sie auch zu benennen. Leider taucht Crenshaw eigentlich erst so richtig am Ende auf. Zwischendurch gibt er nur hin und wieder ein kurzes Gastspiel.

Und dann erzählte ich Marisol alles. Ich erzählte ihr, dass ich mir große Sorgen gemacht hatte, wie hungrig wir manchmal waren und dass ich oft Angst hatte, was wohl als Nächstes käme.

Auch erzählt er Marisol von Crenshaw und hier – am Ende des Romans – betritt die erfolgreiche Kinderbuch Autorin Katherine Applegate, aus deren Feder auch Der unvergleichliche Ivan stammt, ein märchenhaftes Terrain. Sie alle, die vielen unsichtbaren Gefährten der Kinder, warten in einer Art Wartezimmer für unsichtbare Freunde, bis sie wieder gebraucht werden. Obwohl es in der Kinderliteratur viele berühmte unsichtbare Freunde gibt, zeichnet sich besonders dieser dadurch aus, wie sehr er sich in der Seele seines kindlichen Freundes widerspiegelt. Crenshaw zeigt die Sprunghaftigkeit und Sorglosigkeit die Kindern sonst so eigen sind, die aber Jackson abhandengekommen sind.

Es war, als würde ich einen Autoskooter ohne Lenkrad fahren. Ich wurde ständig angerempelt und musste einfach dasitzen und mich festhalten.

Sätze wie diese zeigen, wie anstrengend das Leben für Jackson ist und soll hier als Beispiel für die sehr treffsichere, bildhafte Sprache Katherine Applegates stehen. Applegate erzählt eindrucksvoll, wie groß die Wut im Innern ist und wie groß die Scham im gleichen Moment: Jackson kontrolliert seine Verzweiflung, denn, so sagt er sich dann, es gibt doch so viele Familien, denen es noch viel schlechter geht. Wie allein gelassen er sich mit seiner Angst fühlt, können auch die jüngeren Leser/innen gut nachvollziehen. Zwar gibt es in Crenshaw Passagen, die etwas aus dem Kontext gerissen wirken und ganz und gar nicht witzig sind, aber nichtsdestotrotz spannend zu lesen sind, da sie gerade dadurch sehr glaubhaft sind.

Vieles das Jackson im Verlauf erzählt, hat einen starken Nachhall und man begreift erst so nach und nach. Seine Verzweiflung, noch einmal so leben zu müssen, wird durch die Gefühls-Bilder Appelgates sehr greifbar. Dass er es am Ende ist, der eine einsame aber sehr erwachsene Entscheidung trifft, macht ihn für seine Leser/innen zu einer verletzlichen aber zugleich auch sehr starken Identifikationsfigur.

Wer also eine „Unsichtbarer Freund“ Geschichte erwartet, in der es durchweg witzig zugeht, der dürfte enttäuscht sein. Crenshaw ist wesentlich ernster und näher an dem eigentlichen Thema, weshalb Kinder unsichtbare Freunde brauchen. Gerade zu Beginn erzählt der Ich-Erzähler Jackson ziemlich abgeklärt von seiner bisweilen sehr hoffnungslosen Situation, der er hoffnungslos ausgeliefert ist. Umso unbeschwerter wirkt da der große, schwarze Kater. Er ist der Gegenpol gegen all die Vernunft, die der Junge bereits in sich hat, er ist das unbeschwerte Gute-Laune-Paket. Auf eine liebevoll-sture Weise bleibt der Kater in seiner Nähe, wo er immer wieder auftaucht, wenn Jackson am wenigsten damit rechnet.

Fazit

Wieder einmal verbindet Katherine Applegate die traurigen Wahrheiten des echten Lebens mit einer fantastischen Ebene, die dem Thema die Härte nimmt. Ich finde, eine gute Mischung und eine charmante Art, Kindern zu begegnen, sie ernst zu nehmen, ohne sie zu überfordern. Ihre authentischen Gefühls-Bilder machen es Kindern leicht, die Situation Jacksons nachzuempfinden – und ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Sicherlich kein Buch für Leser/innen, die ein unterhaltsames Abenteuerbuch suchen oder eine lustige Geschichte von einem unsichtbaren Tierwesen erwartet haben. Aber wie so oft sind es gerade diese Bücher, die Kinder überraschen und gleichzeitig fesseln, da sie ihnen intensive Einblicke in ein Kinderschicksal geben, wie viele es (hoffentlich) nicht kennen.

Stefanie Eckmann-Schmechta

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