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Buchcover: Philip Ardagh: Familie Grunz hat Ärger

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Familie Grunz hat Ärger von Philip Ardagh

erschienen bei Beltz und Gelberg

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

in mein Bücherregal

Schwupps – im Vorbeigehen schnappen sich Mutter und Vater Grunz einen Sohn von der Wäscheleine. Der lebt fortan in einem blauen Kleid mit ihnen im Wohnwagen und zieht durch die Lande, wohin die vorgespannten Esel gerade laufen. Und ernährt sich wie sie von überfahrenen Dachsen und Eichhörnchen, Tannzapfensuppe und Autoreifen – Hauptsache, es gibt genug Pfeffer und Salz dazu. So absurd geht die Geschichte weiter. Und zwanzigmal rasanter.

Die Geschichte beginnt mit einem handfesten, handgreiflichen Streit der Eheleute Grunz, den sie noch vor dem Aufwachen austragen. Und danach weiß der Leser eigentlich schon, wen er vor sich hat: die Grunzens sind griesgrämig, blöd, dreckig, schimpfwortkompetent, leben in einem selbstgebastelten Dings, das ein Wohnwagen sein soll und von zwei alten Eseln gezogen wird. Ein bisschen wie die Olchis, aber viel unfreundlicher und ekliger und insgesamt so exakt das Gegenteil von sauberen Fingern, Tischmanieren, „Sch …sagt man nicht“ und „Wir wollen uns doch hier nicht streiten“, dass sie jedes Kind vom Fleck weg ins Herz schließt. Sie und die anderen. Da gibt es nämlich noch ihren Sohn – Sohnemann – den sie vor Jahren als Baby geklaut und in ein mit blauer Tinte gefärbtes Kleid gesteckt haben. Da gibt es die Familie von Guuth, die den Guuthshof bewohnt, früher sehr reich war, und jetzt arm und verrückt ist. Und denen vor Jahren ein kleiner Junge geklaut worden ist. (Aber dieser offensichtliche Zusammenhang wird nicht groß thematisiert.) Da gibt es deren Angestellte: Allergien-Agnes, den Butler, den Gärtner und den Schuhputzjungen Mimi (die ein Mädchen ist, aber weil es den Titel Schuhputzmädchen in Herrn von Guuths Weltbild nicht gibt, ist sie eben Schuhputzjunge) und den ehemaligen Schuhputzjungen Hans. Dann noch die Mitglieder eines ehemaligen Zirkus und Larry Schlecht, der der ehemalige Direktor des ehemaligen Zirkus ist und eine Bürgerinitiative gegen Herrn von Guuth gegründet hat.

Irgendwann kommen alle Personen irgendwie zusammen: Sohnemann freundet sich mit Mimi an und die Eltern Grunz kaufen den ehemaligen Zirkuselefanten, weil ihre Esel zu alt geworden sind. Das heißt, sie tauschen ihn gegen eine Tasche voller Dynamit. In die sie aber in Wirklichkeit nur billige Silvesterraketen gelegt haben, weswegen Herr Schlecht den Guuthshof nicht in die Luft jagt, sondern nur ein gigantisches Feuerwerk veranstaltet und es irgendwie gut ausgeht und in einem weiteren Buch bestimmt auch weiter.

Puh. Und das waren ja nur der Anfang und das Ende und dazwischen gibt es jede Menge Begebenheiten: mit Bienen, einer wehrhaften alten Dame und ihrer Donnerbüchse, dem Schwein Majonette und einem Mann, der in einer Tomate wohnt. Die ganze Geschichte passiert nicht gradlinig – sondern in etwa so wie die Grunzens, die morgens die Esel anspannen und dann dorthin ziehen, wohin die trotten. Nicht arrangiert wie im Roman, sondern es passiert einfach so, wie im richtigen Leben. Und so absurd vieles ist, es bewegt sich immer alles auf dem Boden der Naturgesetze – und könnte theoretisch möglich sein.

Kurz: Die Geschichte ist toll – für alle, die absurde, skurrile und chaotische Geschichten mögen und den Humor: Wenn zum Beispiel das eine Kapitel endet, wie Herr Grunz Mittagessen macht – Tannenzapfensuppe – und wenn das nächste Kapitel so anfängt „Mit nur ganz leichten Bauchschmerzen spannte Sohnemann die Esel Klipp und Klapp nach dem Essen wieder an.“ Oder wenn Sohnemann den ehemaligen Zirkusdirektor fragt, ob es nicht grausam sei, Tiere zu Kunststücken zu zwingen. Und der antwortet.: „Nein, so wie ich es gemacht habe nicht. Wir haben die Tiere selbst herausfinden lassen, was für Talente sie hatten.“

Die Geschichte ist toll – aber das Buch ist kompliziert zu lesen. Ein Beispiel? „Larry Schlecht war weißglühend vor Inkandeszenz und wenn du nicht weißt, was Inkandeszens ist, so wirst du es gleich erfahren: Weißglut. Und dies wiederum nennt man einen Pleonasmus oder eine Tautologie oder doppelt gemoppelt – so wütend war Larry Schlecht.“
Beim Selberlesen geht den meisten Kindern im empfohlenen Alter die Lust aus, weil sie damit beschäftigt sind, die komplizierten Worte und langen Sätze und dauernden Einklammerungen und Einlassungen des Autors zu sortieren und keine Kapazitäten mehr für das Komische haben. Und auch für Vorleser ist das Buch – sagen wir – anspruchsvoll. Nicht jeder und jede hat Atem für seitenlange Sätze und mehrere Stimmen für Pingpong-Dialoge wie den typischen Ehestreit der Eltern Grunz: „Hab ich nicht“ – „Hast du doch“ „Hab ich nicht“ – „Hast du doch“ „Hab ich nicht“ – „Hast du doch“ „Hab ich nicht“ – „Hast du doch“ „Hab ich nicht“ – „Hast du doch“.

Übersetzt hat das Buch Harry Rowohlt – laut Eigenaussage einer der genialsten Übersetzer, was durchaus stimmen mag. Es könnte sein, dass er es so übersetzt hat, dass er beim Einlesen für die Hörbuchausgabe so richtig viel Spaß hat und zeigen kann, dass er auch einer der genialsten Vorleser ist. Das ist ihm genial gelungen. Für alle, die wegen der vielen sprachlichen Umschweife immer wieder die Komik und die eigentliche Geschichte aus den Augen verlieren, deshalb folgender Tipp: Hörbuch besorgen, anhören, lachen und mit der bärigen Stimme von Harry Rowohlt im Ohr klappt es dann auch mit dem Vorlesen gut.
Auf das Buch zu verzichten wäre nämlich schade, schon der Bilder wegen. Gezeichnet hat die neuen Figuren des englischen Kinderbuchautors Ardagh nämlich Axel Scheffler, ja, der den Grüffelo erfunden hat – mit den typischen Knollennasen und Kulleraugen. Alle paar Seiten gibt es einen kleinen, sehr lustigen Mini-Cartoon und überall eingestreut sind Kleckse, Fussel und andere kleine Spuren, die die Grunzens auf ihrem Weg durch die Geschichte hinterlassen haben.

Fazit:

Wer die Olchis mag, wird die Grunzens lieben. Das gilt aber auch umgekehrt: wer schon die Olchis zu unappetitlich und anarchisch fand, wird sich wundern, was noch geht. Familie Grunz dürfte die unflätigste, ekligste, seltsamste Familie der Kinderliteraturwelt sein, ihre Geschichte ist ziemlich abgedreht, verschlungen und voller langer Sätze – und sehr, sehr spaßig.

Sigrid Tinz

 

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