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Buchcover: Martin Baltscheit: Die Elefantenwahrheit

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Elefantenwahrheit von Martin Baltscheit

erschienen bei Kinderbuchverlag Wolff

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

[ab 5 Jahren]

Martin Baltscheit ist der Wahrheit auf der Spur – zusammen mit fünf blinden Wissenschaftlern, einem Zirkusdirektor und einem Elefanten. Was aber ist eigentlich „Wahrheit“?

Fünf blinde Wissenschaftler möchten sich in der Sonne aufwärmen, nachdem sie einige Erfindungen gemacht haben und mal eben die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet haben. Doch plötzlich wirft ein Elefant seinen Schatten auf die Wissenschaftler und  beraubt sie so der wärmenden Sonnenstrahlen. Das können die blinden Wissenschaftler natürlich nicht sehen und sie beschließen sofort herauszufinden, wer oder was sich dort vor ihnen befindet, damit sie es vertreiben können. Der erste Wissenschaftler fasst den Rüssel des Elefanten an und vermutet einen Feuerwehrschlauch von einem Feuerwehrwagen. Also meint er, müsse man ein Feuer legen, denn dann müsse der Feuerwehrwagen ausrücken und wäre fort. Der zweite Wissenschaftler ist ganz anderer Meinung. Eine Sekundeneiche muss es sein, versucht er die anderen zu überzeugen, als er das Bein des Elefanten zu fassen kriegt. Man müsse sie nur fällen. Der dritte Wissenschaftler vermutet anhand des Elefantenschwanzes, daß es sich um eine Klobürste handeln müsse und erntet mit dieser These schallendes Gelächter. Beim vierten Wissenschaftler wird es noch etwas verrückter. Er bekommt die Ohren des Elefanten zu fassen und ist sich sicher, dass es sich um einen fliegenden Teppich handelt, den sie verkaufen könnten, um sich dann neue Heizdecken zu kaufen. Wieder brechen die anderen in schallendes Gelächter aus und nachdem der fünfte Wissenschaftler einen Berg hinter dem Elefanten vermutet, bricht ein handfester Streit unter den Wissenschaftlern aus, der schließlich so laut wird, dass sich der Elefant auf und davon macht. Bevor sich die Wissenschaftler ernsthaft etwas antun können, erscheint ein Zirkusdirektor und fragt nach seinem Elefanten. Der ist ihm nämlich entlaufen. Wie er denn ausgesehen habe fragen die blinden Wissenschaftler. „Nun“, sagte der Zirkusdirektor: „Er ist groß wie ein Berg, hat Ohren wie Teppiche, Beine wie Baumstämme, einen Schwanz wie eine Klobürste und einen Rüssel wie ein Feuerwehrschlauch“. Wen wundert es, dass die Wissenschaftler antworten, dass ihnen ein Elefant mit diesen Eigenschaften nicht begegnet sei.

Was ist Wahrheit, wie kann ich sie erkennen und wer bestimmt eigentlich was die richtige Wahrheit ist? Auf diese Fragen gibt auch „Die Elefantenwahrheit“ von Martin Baltscheit keine eindeutige Antwort. Aber sie macht deutlich, dass es nahezu unmöglich ist, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, wenn man verbissen nur eigene Ansichten und Meinungen gelten lässt. So verschließen sich unsere fünf blinden Wissenschaftler gänzlich den Meinungen der anderen, verspotten diese sogar mit Gelächter. Dabei liegen sie zusammengenommen der Wahrheit recht nah, wenn man den Beschreibungen des Zirkusdirektors zuhört. Aber selbst in dem Moment der vermeintlichen Erkenntnis gelingt es ihnen nicht, die richtigen Schlüsse zu ziehen – denn sie wollen es auch gar nicht. Engstirnig, verbohrt, eingebildet, egoistisch – passende Adjektive gibt es wohl genügend für dieses Verhalten, das es einem unmöglich macht, sich den Geheimnissen der Welt offen zu stellen, um sie entdecken zu können – vom Sinn des Lebens dann einmal ganz zu schweigen.

Martin Baltscheit gelingt es in besonderem Maße ein philosophisches und für Kinder ungewöhnliches Thema mit viel Augenzwinkern zu verpacken. Zugegeben, Aufmerksamkeit und Motivation sind gefragt und kleineren Kindern wird sich die Bedeutung in dieser Komplexität zunächst nur schwer erschließen. Macht nichts, denn auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Dafür sorgen Martin Baltscheits Mitstreiter, wie der Illustrator Christoph Mett.

Etwas seltsam ist der Anblick der blinden Wissenschaftler mit den dunklen Sonnenbrillen zunächst schon. Beinahe selbstherrlich liegen sie in ihren Stühlen und genießen die Sonne. Spätestens aber wenn ein roter Feuerwehrelefant durch die Straßen zieht und ein Feuer löscht oder ein grüner Elefantenbaum aus einem Übertopf wächst, ist der deutlich humorvolle Anstrich der Bilder spürbar. Mit viel Charme überzeichnet Christoph Mett die Vermutungen der Wissenschaftler und überträgt diese wörtlich. Mit etwas nostalgischem Flair tragen die Illustrationen vor allem durch das ausgewogene Farbspektrum zu einem sehr harmonischen Eindruck bei. Dabei wirkt der leichte Karikaturstil der „reifen“ Thematik humorvoll entgegen. Im letzten Bild scheint sich möglicherweise Christpoh Mett´s Meinung über soviel Verbohrtheit der Wissenschaftler zu äußern: Die Wissenschaftler stehen kurz davor, in einen Elefantenhaufen zu trampeln …

Dem Bilderbuch liegt eine Hörspiel-CD bei. Nun mag man voreilig fragen, wie knapp 5 Minuten Vorlesespaß ein beinahe halbstündiges Hörerlebnis ergeben sollen. Aber die CD gibt eben nicht nur den Inhalt des Buches gelesen wieder, sondern komplettiert diesen mit ebenso einfachen, wie wirkungsvollen Mitteln. Den akustischen Höhepunkt markieren ganz sicher drei Lieder von Peter Riese. Sie überzeugen mit ihrem klassischen Instrumentarium durch sorgfältige Arrangements und vor allem durch die inhaltlich ansprechende und einfühlsame Ausarbeitung der Liedtexte, welche die Titel weit über gesungenes Beiwerk hinausheben. Der für mich stärkste – und wunderbar gesungene – Titel Nummer zwei thematisiert zum Beispiel das Auslachen, wenn eine vermeintlich falsche oder unpassende Aussage geäußert wird. Einige Wissenschaftler müssen diese Erfahrung ja machen. So appelliert das Lied – auf kindlicher Verständnisebene – an einen respektvollen Umgang mit der Äußerung und Kommentierung von Meinung: „Wenn du es selber besser weißt, dann sag es schon heraus, aber bitte lach mich doch nicht aus.“ heißt es im Refrain. Gerade für Kinder ist es besonders schlimm, wenn sie aus der Angst heraus, ausgelacht zu werden, gar nicht erst an Diskussionen oder Gesprächen teilnehmen. Schade und absolut unverständlich ist aber, dass sich die Liedtexte nirgendwo im Buch abgedruckt finden.

Die Sprache des Hörspiels ist durchweg sehr gut intoniert, es macht Spaß und es ist spannend zugleich, den charakterstarken Stimmen zu lauschen. Viele Hintergrundgeräusche und vor allem die akustische Betonung der „wissenschaftlichen“ Vermutungen schaffen eine, im besten Sinne, spannungsgeladene Atmosphäre.

Nach Durchhören des Hörspiels wird aber klar, daß es sich hierbei um die eigentliche Vorlage für das Bilderbuch handeln muss, enthält die CD doch die entscheidenden Zwischentöne und den kompletten Handlungsverlauf. Es verwundert also nicht, zu erfahren, dass „Die Elefantenwahrheit“ bereits im Jahr 2000 als Hörspiel erschienen ist und nun zusammen mit dem Bilderbuch eine Neuauflage erfährt. Uns stört es nicht, ist die Symbiose doch mehr als gelungen.

Fazit:

„Satire für Kinder“, so könnte hier durchaus der Untertitel lauten. Mit viel Charme und engagiert inszeniert, bieten Buch und CD ungewöhnliche Unterhaltung. So können auch Themen mit Tiefgang kindgerecht transportiert werden. „Die Elefantenwahrheit“ ist für mich absolut hör- und lesenswert ...das ist ganz bestimmt die Wahrheit!

Stefanie Eckmann-Schmechta 


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