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Buchcover: Clémentine Beauvais: Das Babysitter-Chaos

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Das Babysitter-Chaos von Clémentine Beauvais

erschienen bei Rowohlt

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

in mein Bücherregal

Die beiden Schwestern Holly und Anna leben in dem kleinen fiktiven Küstendorf Doverport im fiktiven Land Engerland, und nie passiert dort etwas Aufregendes. Während Holly das gut findet, will Anna Action und als sie in einem Prospekt über intergalaktische Ferien liest, ist klar, sie will dahin und sie will dafür Geld verdienen. Mit einem Job als Babysitter für die Kinder der Königin, die auch einmal an einem Tag in den Urlaub fahren will. Problem: die sieben Prinzen sind fast alles kleine Monster – und ausgerechnet an dem Tag greift auch noch der König Potzsapperlot von Dämland an.

Der König Potzsapperlot von Dämland hat mal wieder Langeweile und überlegt, ob er nicht mal wieder im Nachbarland Engerland einmarschieren soll. Ein kurzes Telefonat mit Engerlands Königin, ob sie vielleicht auch Lust habe, ergibt ein eindeutiges Nein. Sie hat keine Zeit für so was, weil sie sich noch um einen Babysitter kümmern muss, um dann mit ihrem Mann König Steve Ferien zu machen, wenigstens einen Tag lang; und überhaupt redet sie eigentlich nicht mehr mit Potzsapperlot, weil er auch schon an Weihnachten und an Ostern versucht hat, einzumarschieren, „nur aus Langeweile und das ist kein Grund, diese Tage auch anderen zu verderben.“ Dann legt sie auf und in Potzsapperlot reift die Erkenntnis, dass dieser Tag ein besonders guter Tag sein könnte, um an die Küste von Engerland zu segeln und dort einzumarschieren.

Klar, hier wird ein Krieg angekündigt, aber vom ganzen Tonfall her ist schnell klar, dass es eher lustig als blutig zugehen wird, also ruhig weiterlesen. Denn noch ist ja auch die Sache mit dem im Titel angekündigten Babysitterchaos noch gar nicht losgegangen. Das beginnt in Kapitel 2. Der Schauplatz wechselt erst mal, zu zwei Schwestern, Holly und Anna, die eine eher wild und zupackend, die andere besonnen und klug. Auch ihnen ist langweilig, während ihre Freunde zum Beispiel in ein U-Boot-Ferienlager fahren oder auf dem Mars zelten, bleiben sie zu Hause und spielen Kiesel-Kicken am Strand. Anna mault und Holly versucht zu mäßigen. „Hier gibts doch auch interessante Dinge, schau doch mal, ein Seestern.“ „Wie interessant“, höhnt Anna. „Schau doch mal, er surft, das ist doch interessant.“ Darauf Anna: „Das ist nicht interessant, der gibt nur an.“ In dieser komisch-skurrilen Richtung marschiert das Buch weiter und das sehr ideenreich: die Orte sind verfremdet wieder zu erkennen, Amerikanada oder eben Engerland oder Dämland; die Personen sind mit ein bisschen Klischee und viel Fantasie und ein paar schwarz-weißen Strichen zu ganz eigenen Charakteren geworden: die warzige Nase von Potzsapperlot, die braven Hollyzöpfe, die kurzhaarige Anna mit den zerschrammten Knien und der Prinzensohn in seiner Prinzenkleidung und einem Gesichtsausdruck, als würde er immerzu denken „Huch“.

Die Bilder sind Schlüsselszenen, die man mitlesen muss – und beim Vorlesen herumzeigen muss – weil sie den Text nicht nur illustrieren, sondern ganze Szenen transportieren, die so im Text nicht erwähnt werden, aber fürs Verständnis wichtig sind. Ein Beispiel: Potzsapperlot lässt eine Stachelschweingranate explodieren. Dann ist im Bild ein echtes kleines Stachelschwein zu sehen, das explosionsartig seine Stacheln abschießt und dann als nacktes Ohne-Stachel-Schweinchen davon wieselt und sich ein Versteck sucht, im Verlauf der Geschichte aber immer mal wieder einfach so als kleiner Running-Gag auf den Bildern auftaucht. Ein anderes Beispiel: Holly fällt aus luftiger Höhe, in die sie von einer eisernen Kampfkrake gehoben wurde herunter, weil sie das Maschinentier so gekitzelt hat, dass es den Tentakel loslassen musste – und der nächste Satz ist „Autsch“, stöhnt der König. „Das war aber keine weiche Landung.“ Nur das Bild zeigt, dass Holly doch durchaus weich mitten auf ihn drauf geplumpst ist.

Und dann sind da ja noch die Babys, die gesittet werden sollen. Prinzliche Sechslinge: Albert, Norbert, Herbert, Kunibert, Engelbert und Bertram, alle unter dem einem Begriff „Berti“ geführt, wuselige kleine Monsterchen mit spitzen Zähnen, die alles mit Möhrenpampe zu sauen und ihre Windeln zum Explodieren bringen, wenn man sie nicht ständig im Auge hat. Und um das Geld für das intergalaktische Feriencamp zu verdienen, nehmen Holly und Anna den Job an, auf die Bertis aufzupassen, während König und Königin einen Tag Ferien machen. Holly und Anna geben ihr Bestes, ansatzweise unterstützt vom großen Prinzen Peppino, der eigentlich aber immer nur ans Eisessen denkt. Und: kaum sind die Königin und der König in Flipflops zu ihrem Tagesausflug aufgebrochen, kommt ein Zeppelin angefahren, daran ein großes Banner: „Der folgende Einmarsch wird ihnen präsentiert von König Potzsapperlot von Dämland.“ Und dann marschiert er wirklich ein, mit seiner Mutti und mit allerlei Gerät: Kolibri-Kanonen, besagten Stachelschweingranaten und eisernen Seeungeheuer-Kampfmaschinen. Auch darum kümmern sich die Kinder, einfallsreich und zupackend. Und die im Getümmel immer wieder auskneifenden Bertis helfen nach Kräften mit, wenn auch eher aus Versehen, weil sie statt Seile und Spielzeug auch mal eben die brennende Zündschnur durchkauen und mit ihren hochexplosiven Windeln die Robotermeerjungfrauen-Armee in die Flucht schlagen.

Ein großes Chaos, wie ein Spiel, wie ein Traum und weil es gut ausgeht für alle: ein riesengroßer Spaß. Potzsapperlot wird zurückgeschlagen, aber sonst wäre sowieso seine Mutti gekommen, um ihm zu sagen, dass langsam Feierabend und Badezeit ist. Und weil Holly und Anna so gute Arbeit geleistet haben, belohnt die Königin sie mit einem ganzen Herzogtum und nicht nur mit schnödem Geld. Was natürlich heißt, dass sie die intergalaktischen Ferien immer noch nicht bezahlen können – und deswegen einen neuen Ferienjob brauchen. Den finden sie – in Band 2 – in Pariso, wo sie bei den Vorbereitungen zu einer königlichen Hochzeit helfen sollen. Wobei es schnell genauso turbulent und aufregend zugeht wie in Engerland. Der zweite Band Das Hochzeitschaos erscheint übrigens im November 2016 – für alle, die von dem ganzen Chaos nicht genug bekommen können.

Fazit:

Die zu sittenden Babys in diesem Buch sind nicht süß. Sondern spitzzahnige kleine Monsterchen mit vollgeschissener Windel und schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe. Und die beiden Babysitterinnen keine gackerigen Chicks, sondern zwei patente Mädchen, die auf den spitzzahnigen Sack Flöhe aufpassen, um sich das Geld für coole Ferien zu verdienen. Und nebenbei noch die Stachelschweingranaten und Robotermeerjungfrauen des aus Langweile einmarschierenden Königs von Dämland zurückschlagen. Also welche Assoziationen auch immer der Titel Das Babysitter-Chaos wecken sollte, mit pinkem Nagellack und süüüüßen Kinderchen hat es rein gar nichts zu tun. Es ist ein tolles Ideen-Potpourri, komisch, voller Action, mit Wiedererkennungseffekten, klasse illustriert und lesenswert für Jungs und Mädchen.

Sigrid Tinz, Oktober 2016

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