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Buchcover: Rufus (HG.) Beck: Geschichten für uns Kinder

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Geschichten für uns Kinder von Rufus (HG.) Beck

erschienen bei Rowohlt

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Geschichten für uns Kinder, das klingt nach mehr. Das klingt nach Geschichten für Kinder und für Kind gebliebene Erwachsene. Und genau diesem Anspruch wird der Sammelband aus dem Rowohlt Berlin Verlag, den Rufus Beck herausgegeben hat, gerecht.

Vor ca. einem Jahr bat der bekannte Künstler Rufus Beck einige AutorInnen darum, eine Geschichte aufzuschreiben, die sie selbst als Kind gerne gehört hätten. Dass dies keine leichte Aufgabe werden würde, war den AutorInnen gewiss schon bewusst. Doch es gab noch eine Richtschnur, an die sie sich halten sollten: Die Geschichten sollten klingen. Das war dem Herausgeber, der durch etliche Lesungen und Hörspiele als Sprecher bekannt ist, besonders wichtig.

Herausgekommen ist ein Sammelband mit 28 Texten, die kreativer und abwechslungsreicher nicht sein könnten.

Nehmen wir zum Beispiel Jenni Zylkas Geschichte „Der erste echte Fall“. Diese Geschichte weckt in uns Eltern, die wir Enid Blyton – Geschichten verschlungen haben, Erinnerungen. Und auch unsere Kinder, die humorvolle Detektivgeschichten lieben, kommen auf ihre Kosten.

Oder aber die märchenhafte Erzählung „Die Kürbiskönigin“ von Malin Schwerdtfeger, die uns in ihre phantastische Welt entführt.

In der Erzählung „Hundetagebuch“ von Judith Kuckart begegnen wir dem Hund Lucky, der sein Leben in einem Tagebuch festhält und dieses schreibt: „weil vielleicht jemand eines Tages mein Tagebuch findet, es liest und dann begeistert ruft: Dieser Hund, der kann ja schreiben!“ Diese Hoffnung sei ihm gegönnt, denn es ist ein eher trübseliges Leben, das er in seiner Familie führt.

Christian Ankowitsch greift in seiner Erzählung „Die zwei kleinen Jungen“ eine aktuelle Problematik auf: die Situation von Trennungskindern. Joseph, der betroffene Junge, versucht, es sowohl seiner Mutter als auch seinem Vater recht zu machen. Nach der Trennung seiner Eltern pendelt er zwischen diesen beiden Welten, zwischen den beiden Wohnungen. „Doch dieses stete Hin und Her lag schwer auf den Schultern des kleinen Jungen; manchmal war ihm nach einem ganz gewöhnlichen Tag, als habe er große Steine zu kleinen hauen müssen mit dem Spielhammer aus einem seiner beiden Zimmer.“ Eines Tages gesellt sich ein zweiter kleiner Junge zu Joseph, eine Phantasiefigur. Diese Phantasiefigur, Josephs „Zweiter“, erlaubt es ihm, schlechte Gedanken über seine Eltern zu haben und ihnen auch einmal Schuld an seiner Misere zu geben. Der kleine Junge möchte diese Gedanken natürlich nicht zulassen, bis ihm eines Tages von einem steinernen Bild, an dem er tagtäglich vorbeigeht, gesagt wird: „Jeder Mensch hat so einen Zweiten. (…) Und irgendwann kommt der Moment, in dem wir ihm ins Gesicht sehen sollten, ganz genau und sehr lange. Es ist nicht leicht, das wissen wir, aber versuche es einmal.“ Und genau das macht Joseph schließlich. Er geht zu seiner Mutter und seinem Vater und sagt: „Ich kann nicht mehr zwischen diesen Wohnungen hin- und herfahren.“ Das Ende der Geschichte lässt Christian Ankowitsch offen und bietet somit zahlreiche Anlässe, sich zu unterhalten, die Geschichte fortzuführen, sie auf die eigene Lebenssituation zu übertragen.

Aufheiternd dagegen wirkt Jens Sparschuhs Interpretation des Kinderreimes „Die kleine Hexe… und der dicke Heinz“. Viele Kinder kennen den Reim „Morgens früh um sechs, kommt die kleine Hex'“ schon aus dem Kindergarten oder aber aus der Schule – oftmals auch in Form des Kinderliedes. Jens Sparschuh führt diesen Reim fort und erfindet den „dicken Heinz“, der dann den Tag ab halb eins mit der Hexe erleben darf. Und was für ein Tag das ist…

Tief berührend ist die Erzählung „Kurzke“ von Guy Helmiger, in der es um erste ernsthafte Krankheitserfahrungen und den Tod eines Kindes geht. Eine Geschichte, die durch ihre bildhafte Sprache die menschliche Grunderfahrung des Todes thematisiert und somit gekonnt auf die kindliche Gedankenwelt, die metaphorische Philosophie von Kindern eingeht. Erwachsene sollten die Geschichte vor dem gemeinsamen Lesen mit ihren Kindern schon einmal selbst gelesen haben, um sie angemessen aufarbeiten zu können.

Hinweisen möchte ich noch auf die Geschichte „Omma“ von Pia Frankenberg, in der ein Mädchen seine ersten Erfahrungen mit dem Alkohol macht. Dies sollte kritisch betrachtet werden, zugute halten möchte ich der Geschichte aber, dass sie sich der Thematik durchaus achtsam nähert. So konsumiert das Mädchen während des Kegelabends seiner „Omma“ Schnaps und Bier heimlich und schlückchenweise. Nach dem Alkoholkonsum geht es dem Mädchen schlecht und somit wird auch die schädigende Wirkung des Alkohols deutlich.

Der bekannte Illustrator Wolf Erlbruch hat die Geschichten illustriert. Es sind durchweg farbige, aussagekräftige und auch humorvolle Illustrationen, die einen hohen Anspruch haben. Auch diese werden etliche Gesprächsanlässe bieten.

Fazit: 

Mit „Geschichten für uns Kinder“ ist Rufus Beck als Herausgeber und allen seinen AutorInnen etwas Besonderes gelungen. Entstanden ist ein Sammelband mit Geschichten und Gedichten für die ganze Familie, für Menschen, die Kind sind und auch Kind geblieben sind. Diese Anthologie bietet keinen leichten Stoff und greift Themen auf, die wir manchmal vielleicht ein wenig verdrängen. Insofern eignet sie sich nicht für jeden Menschen und für jede Lebenssituation gleichermaßen. Aber das Buch bietet auch humorvolle, ironische Geschichten. Und noch etwas gefällt an ihm: Dass es die Generationen verbindet, dass es Familien verbindet. Denn – es ist durchaus einen Versuch wert: Dieses Buch lebt auch und vor allem durch das Vorlesen. Jetzt kommt der Herbst, setzen Sie sich doch einmal im Kreise der Familie zusammen und lesen einzelne Geschichten vor. Ich bin mir sicher, es gibt genügend Gesprächsstoff für lange, dunkle Abende!

Alexandra v. Plüskow

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