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Buchcover: Holly Black: Die Puppenkönigin - Das Geheimnis eines Sommers

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Puppenkönigin - Das Geheimnis eines Sommers von Holly Black

erschienen bei Cbj-Verlag

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

ab 11 Jahren

Fremde Welten zu erschaffen, Charaktere zum Leben erwecken und weiter zu entwickeln: Die drei Freunde Zach, Poppy und Alice sind die Regisseure ihres eigenen, nicht enden wollenden Abenteuerfilms und sie sind mit jeder Faser ihres Herzens dabei. Es ist ein wunderbares, unschuldiges Spiel mit der Faszination des Augenblicks, wenn ihre eigene fantastische Welt lebendig wird. Doch Zachs Vater findet, dass der Junge zu alt für Actionfiguren ist und schafft eigenmächtig Tatsachen, die Zach ihm niemals verzeihen wird …

Schon seit sie ganz klein sind, sind Zach, Alice und Poppy Freunde. Sie kennen sich in- und auswendig und genießen die Zeit, die sie miteinander verbringen. Denn die Welten, die sie erschaffen, die Geschichten die sie gemeinsam immer weiter spinnen, üben eine Faszination aus, die sich für Zach viel besser anfühlt, als alles andere, was Jungs in Zachs Alter sonst so tun. In der Schule kennen sie einander nicht und stecken sich geheime Botschaften zu, auf denen sie ihr „Drehbuch“ weiter entwickeln: Fragen nach dem logischen Fortgang, ob und wie es mit den Charakteren vereinbar ist und natürlich, ob es an diesem Nachmittag mit dem Treffen klappt. Der Zwölfjährige Zach ist viel zu gern mit den beiden so verschiedenen Mädchen zusammen aber für die anderen Jungs möchte er lieber der sportliche, kantige Basketball-Spieler sein. Poppy, die aus keinem besonders behüteten Elternhaus stammt, bietet mit all ihren Freiheiten, die sie von ihren scheinbar desinteressierten Eltern bekommt, einen wunderbaren Raum für ihre Spiele. In der Vitrine, im Wohnzimmer sitzt denn auch die alles beherrschende böse Königin ihres Spiels – in Gestalt einer uralten Porzellanpuppe. Nach Meinung von Poppys Mutter, das einzig wertvolle Stück im ganzen Haus. Von der Puppe geht etwas Unheimliches aus, sie scheint Zach zu beobachten, ihm direkt ins Herz zu sehen.

Als Zach eines Tages nach Hause kommt und seine Action-Helden sucht, um am Nachmittag zu Poppy zu gehen und das Abenteuer weiter zu spielen, kann er seine Figuren nicht finden. Es stellt sich heraus, dass Zachs Vater die Figuren einfach eigenmächtig in den Müll geworfen hat, weil er der Meinung ist, dass Jungs in Zachs Alter nicht mehr mit solchem Kinderkram spielen. Für Zach eine Katastrophe: Hat er noch nie ein besonders gutes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, der immer mal zwischendurch ausgezogen ist, um woanders sein Glück zu suchen, steht er nun ohnmächtig da, weil er seinem Vater nicht klar machen kann, was ihm die Figuren bedeutet haben. Ohne die Figuren kann Zach die Geschichte mit Alice und Poppy nie mehr spielen. Weil er nicht zugeben will, dass sein Vater ihm das angetan hat, brüskiert er die Mädchen, indem er behauptet, keine Lust mehr auf das Spiel zu haben. Sie sind entsetzt, weil sie doch mitten in der Geschichte sind und es doch wenigstens ein Ende geben muss.

Eines Nachts stehen Poppy und Alice unter seinem Fenster und fordern ihn auf, mit ihm zu kommen. In einer alten Hütte in der Finsternis offenbaren sie ihm das unglaubliche Geheimnis: Die Puppe trägt die Asche eines Mädchens in sich, der Porzellankörper besteht aus ihren Knochen. Sie hat Poppy aufgetragen, sie zu ihrem Grab zu bringen, damit sie endlich ihre letzte Ruhe findet. Andernfalls wird sie die drei Kinder ihr Leben lang verfolgen. Alice gruselt sich, will aber auch ihrer Freundin helfen, obwohl sie die Heimsuchung ihrer Freundin nicht so recht glauben mag. Und Zach? Er hat sowieso vorgehabt fort zu laufen und wieso nicht zusammen mit Alice und Poppy?

Holly Black bringt den Kern ihrer Geschichte mit klaren Worten erstaunlich gut auf den Punkt; sie hat ein gutes Timing und kann so die Spannung beständig aufrechterhalten. Dabei spielt sie ganz geschickt mit der Grauzone zwischen Realität und Fantasie – was ja auch die drei zusammenhält, das ist ihr Spiel – immer bleibt aber auch beim Leser noch ein Zweifel, immer fehlt zur Erklärung noch das letzte bestätigende Gefühl, die Plausibilität und so bleibt das ganze Abenteuer in einer ganz eigenen, bittersüßen, fast melancholischen Schwebe.

Dabei stattet Holly Black ihre drei Protagonisten mit sehr glaubhaften und berührenden Charakterzügen aus. Die Hauptperson, Zach, ist ein sensibler und kluger Junge, der sich nicht von den Erwartungen, die an ihn gestellt werden, einengen lassen möchte; er will an die Macht der Magie glauben und kein Erwachsener ohne Träume werden – so wie sein Vater, der von der Suche nach einem besseren Leben desillusioniert und verbittert zurückgekehrt ist.

Die Reise an jenen Ort, dem Grab des Mädchens, der den Kindern so unglaublich weit entfernt scheint, ist auch eine Reise zu sich selbst und zueinander. Wie unter einem Brennglas verdunstet nach und nach die sonst so gefällige Oberfläche; wahre Gefühle, Ängste, Motive und auch Feindseligkeiten treten schließlich zu Tage. Die Extreme, mit denen die drei zu kämpfen haben, stellt eine Prüfung für ihre Freundschaft dar – die etwas exzentrische Art von Poppy, die gerne den Ton angibt und im Mittelpunkt steht, lässt Alice und Zach zweifeln. Eine schwere Vertrauenskrise schwelt unter den Freundinnen – dabei nähern sich Zach und Alice einander an. Poppy aber bleibt bei ihrer Geschichte und scheint regelrecht besessen von ihrem Auftrag zu sein. Und wenn Zach ehrlich ist, was er zunächst nicht sein will, hat er auch das Gefühl, dass es da doch mehr geben muss; denn am Ende bleibt das Rätsel, warum so viele Personen, denen sie auf ihrer Reise begegnet sind, noch ein drittes Mädchen gesehen haben?

Keine Frage, die Atmosphäre, die Holly Black hier erschafft, ist alles andere als unbeschwert. Der ernsthafte Blick auf die drei Kinder, der schaurige Auftrag sowie die Auflösung der Geheimnisse um die Porzellanpuppe mit all seinen Gefahren und Entbehrungen machen kein fröhliches Buch aus. Dennoch bleibt ein tröstlicher, fast romantischer Unterton, der die Darsteller auch humorvoll darstellt und sie glaubhaft miteinander agieren lässt. Ihre anfängliche Naivität, mit der sie sich in dieses Abenteuer stürzen, ihren Einfallsreichtum und ihre Klugheit geben dem Leser immer wieder positive Impulse. Mit vielen kleinen, unerklärlichen Details löst Holly Black wohligen Grusel bei ihren LeserInnen aus und durch die Tiefe der Geschichte ist die „Puppenkönigin“ ein Buch, das Sogwirkung hat. Nicht nur die klare, stringente Erzählweise, die gefühlt immer rasanter auf den Höhepunkt der Geschichte zusteuert, auch die gefühlvoll geschilderten Eindrücke und gedanklichen Rückblenden aus Zachs Sicht, zeichnen einen Abenteuerroman der besonderen Art aus.

Bei vielem fühle ich mich auch an den US-amerikanischen Abenteuerfilm „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ erinnert, nach der Erzählung „Die Leiche“ von Stephen King. Hier machen sich vier Jungen auf den Weg, um einen toten Jungen an den Bahngeleisen zu finden. Bei Holly Blacks Reise ist es ein Mädchen, das schon lange nicht mehr lebt, ein Geist, gefangen in einer Porzellanpuppe. Der Untertitel „Das Geheimnis eines Sommers“ ist gleich und auch der innere Prozess der zum Abschied von der Kindheit führt, ist derselbe. Die drei Freunde in Holly Blacks Roman wissen, dass es ihr letztes Spiel ist, bei dem sie die Figur sein können, die sie immer sein wollten. Was in ihnen schlummert darf hervorbrechen und zeigt zukünftiges Potential, das es zu nutzen und zu entdecken gilt.

Fazit:

Das erste echte Abenteuer ist zugleich ihr letztes und besiegelt das Ende ihrer Kindheit. Bittersüß, spannend, atmosphärisch – ein Buch, das fesselt und zugleich berührt. Es erinnert daran, dass der Abschied von der Kindheit für jeden von uns ein Abenteuer ist.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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