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Buchcover: Frank Cottrell Boyce: Tschitti - Das Wunderauto fliegt wieder

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Tschitti - Das Wunderauto fliegt wieder von Frank Cottrell Boyce

erschienen bei Carlsen

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

in mein Bücherregal

Eigentlich fängt es damit an, dass Dad seinen Job verliert. Doch unverzagt sucht sich dieser neue Aufgaben und tüftelt am Haus herum, was bei der Familie Tooting gar nicht gut ankommt. Als Mrs. Tooting dann einen Schrotthaufen auf vier Rädern vor die Tür stellt, glaubt sie, ihren Mann damit vorerst beschäftigt zu halten. Wer hätte gedacht, dass sie damit das größte Abenteuer in Gang gesetzt hat, das man sich vorstellen kann!

Die Tootings, das sind Mum, Dad, Drama-Queen Lucy, Jem und als jüngsten der drei Geschwister „Klein-Harry“, der seine Familie trotz seiner Dino-Fixierung doch so manches Mal mit seiner kristallklaren Analyse überrascht.

Aber der Reihe nach: Eigentlich hat Jem, der es hasst „Jeremy“ genannt zu werden, ein schlechtes Gewissen, weil Dad eine so unlösbare Aufgabe vor die Nase gesetzt bekommen hat. Doch ähnlich wie bei einem Puzzle, packt auch ihn das Tüftelfieber. Gemeinsam mit seinem Vater zerlegt er den uralten VW-Reisebus. Bis ins kleinste Einzelteil. Nach wochenlanger, mühevoller Arbeit gelingt es ihnen tatsächlich, den Schrotthaufen in ein ansehnliches Urlaubsvehikel zu verwandeln. Dad ist überglücklich; kann die Familie doch noch in den Urlaub fahren – haben sie die Insel, auf dem das schöne England liegt, doch noch nie verlassen.

Allein mit den Zündkerzen stimmt immer noch etwas nicht. Jem hat gelernt, diese Feinheiten herauszuhören und sie fahren zu dem legendären Schrottplatz der aufgrund seiner gefährlichen Kurve so ziemlich jedes Fahrzeug – sei es auch noch so selten und alt – als Wrack beherbergt. Hier, so denken die beiden ganz richtig, müsste es für so einen alten VW noch die passenden Zündkerzen geben. Doch als sie sie tatsächlich finden, fesselt etwas ganz anderes die Aufmerksamkeit von Mr. Tooting: Ein riesiger Motor, wie er einst in einem Flugzeug eingebaut war und den man noch dazu mit einer Kurbel starten muss! Es gibt kein Halten mehr, dieser monströse Motor muss in den Bus! Und damit haben sie – nichts ahnend – dem legendären Auto „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ sein Herz wieder gegeben. Und es wird sich zeigen, dass nicht wirklich Familie Tooting bestimmt, wohin die Reise geht, sondern das eigenwillige Fahrzeug, das sogar auf dem Dach des Eiffelturms einen Teil seiner alten Ausstattung wieder findet. Dabei ist Tschitti ein echtes Wunderauto – wirklich: Es kann nicht nur besonders schnell fahren – obwohl es keine Autobahnen mag – es kann fliegen und es kann auch wie ein U-Boot tief in das Meer hinabtauchen. Am Ende fügt sich alles auf so wundersame Weise – wo wir wieder beim Puzzle sind – dass trotz des ganzen Durcheinanders alles gut ausgeht.

Frank Cottrell Boyce, der erfolgreiche britische Autor (u. a. „Galaktisch“) und ein echtes Ausnahmetalent unter den Kinderbuch-Autoren, erlebte im Kino mit dem Musical „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ zum ersten Mal die Faszination einer guten Geschichte und den ersten Cliffhanger seiner Kinolaufbahn. Er war als Kind so begeistert von dem Kinofilm, dass er sich sogleich Ian Flemings gleichnamiges Buch in der Bücherei auslieh. Er fand ein paar Unterschiede zum Film und beruft sich bei seiner Fortsetzung ganz auf das „toskanische Sprichwort“: „Eine Geschichte, in der nichts hinzugefügt wird, ist keine schöne Geschichte“. Und ich meine, das hat er hier mit Bravour unter Beweis gestellt.

Auch wenn man die ursprüngliche Gesichte aus dem Musical-Fantasyfilm aus dem Jahre 1968 nicht kennt, findet man schnell in die Handlung und wird von den haarsträubenden Ereignissen mitgerissen – und vor allem amüsiert von Dialogen, die so wohl nur in einer Familie vorkommen. Da wird aneinander vorbeigeredet was das Zeug hält, bis am Ende alle auf dem gleichen Stand sind – trotz oder gerade wegen des ganzen Durcheinanders.

Diese lebendige Erzählweise ist u.a. auch Frank Cottrell Boyces Talent zu verdanken, seine Charaktere – egal wie sehr sie auch am Rande auftauchen – sehr greifbar und eigenständig auszustatten. Da wäre vor allem die Familie Tooting. Sie sind auf liebenswerte Weise unkonventionell, wobei der Vater sich als unverbesserlicher Optimist und Träumer entpuppt. Anders hätte es ja auch kein Abenteuer gegeben. Mrs. Tooting weiß mit den Eigenheiten umzugehen, die sie gleichzeitig an ihrem Mann so liebt und ist abenteuerlustig genug, um hoch über den Wolken aus der Koje zu klettern und erstmal Tee zu kochen.

Während des ganzen Abenteuers, in dem auch echte Schurken vorkommen, die Tschitti stehlen wollen, bewegt sich die Familie zwar von ihrer Heimat fort, aber auf wunderschöne Art auf einander zu. Das beste Beispiel ist die unerreichbare Lucy, die alles schwarz haben muss, die Zukunft finster und ihr Dasein trostlos findet. Da mögen ihre Eltern gedacht haben was sie wollten – dass sie etwa stundenlang frustriert aus dem Fenster oder an die Zimmerdecke starrt etwa – Lucy zeigt sich als sehr cleveres Mädchen, die ihre Zeit besser zu nutzen wusste. Zum Glück, den sie weiß eine Menge über Fremdsprachen und Astronomie und vielen anderen Dingen, die die Tootings auf ihrer Reise ganz dringend benötigen.

Jem findet über die Arbeit am Fahrzeug einen neuen Zugang zu seinen Vater – und auch umgekehrt – und selbst „Klein-Harry“ den sonst niemand groß beachtet, gibt während des Abenteuers eine mehr als überzeugende Vorstellung. Und was besonders schön ist, dass endlich jemand – nämlich Jem – erkennt, dass der Kleinste in der Familie immer die Ruhe bewahrt und auch im größten Chaos ein genialer Analytiker der Situation ist.

Die Liebeserklärung im französischen Fernsehen, die Mr. Tooting seiner Frau macht, muss man an dieser Stelle eigentlich nicht erwähnen, ginge es nach Lucy, die das mal wieder oberpeinlich findet, tut aber sein weiteres, dass die Familie aus ihrem Abenteuer als unschlagbaresTeam hervorgeht.

Frank Cottrell Boyce Immer findet einen humorvollen, leichten Unterton, verwebt die Eigenheiten seiner Darsteller in eine glaubwürdige Geschichte – auch wenn seine Fantasie zwischendurch etwas Kapriolen schlägt – und setzt damit eine Menge Gefühl damit frei, das auch beim Leser/der Leserin ankommt. Er beherrscht die Kunst, jedem Detail der Geschichte eine Bedeutung zu verleihen, und die hat es auch am Ende. Gerade durch die vielen kleinen und großen Ereignisse ist es ein absolut kurzweiliges Buch für junge Leser ab acht Jahren – und vor allem für erwachsene Vorleser, egal welchen Alters.

Aber um nicht einen falschen Eindruck zu erwecken: Das Abenteuer ist nicht nur ein beschaulicher Familienausflug, weit gefehlt. Frank Cottrell Boyce versteht es ganz nach Vorlage des damaligen Films, so manchen Cliffhanger aufzubieten, der die ganze Geschichte ungemein spannend macht.

Die zahlreichen einfallsreichen s/w Illustrationen von Joe Berger wirken in ihrem charmanten Retro-Stil genau passend und zeigen auf großzügige Weise sehr viele der tollkühnen Begebenheiten, die die Familie Tooting erlebt. So finden sich auch Sprechblasen aus Baby-Phones, lautmalerisches Darstellen über zwei Buchseiten von Tschittis Motorengebrüll oder die Anzeige von einem Armaturenbrett, das den Fortgang der Kapitel anzeigt …das alles macht ein abwechslungsreiches und spannendes Seitenlayout aus, mit vielen, teilweise sogar doppelseitigen Illustrationen, die auch mal ganz unter den Text gelegt werden, etwa, als Tschitti durch die Nacht fliegt.

Bleibt nur noch die Frage, ob es von Tschitti vielleicht noch eine Fortsetzung geben wird? Frei nach dem toskanischen Sprichwort, würde das ja eine gute Geschichte ausmachen.

Fazit:

Man merkt, dass Autor Frank Cottrell Boyce die Ursprungsgeschichte von Tschitti als Kind geliebt hat, denn er hat so viel Herz in seine Geschichte gelegt, so viel Einfallsreichtum – selbst in das kleinste Detail – dass er zur wahren Höchstform aufgelaufen ist. Eine verrückt-liebenswerte Geschichte für die ganze Familie!

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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