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Buchcover: John Boyne: Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket von John Boyne

erschienen bei Fischer Schatzinsel

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

ab 11 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Barnaby, jüngster Spross der Familie Brocket, schwebt. Für Mutter Eleanor und Vater Alistair eine Katastrophe. Schließlich ist man stolz darauf, ganz und gar normal zu sein und niemals Aufsehen zu erregen. Barnaby´s fehlende Erdanziehungskraft stellt somit eine schwere Bürde für seine Eltern dar; so schwer, dass sie beschließen, sie nicht länger tragen zu wollen …

Dabei lief mit Barnabys älteren Geschwistern – Melanie und Henry – alles ganz normal. In dieser Hinsicht ist das Adjektiv „normal“ von allergrößter Bedeutung. Doch als Barnaby schon bei der Geburt dem Arzt durch die Hände flutscht und nach oben, gegen die Decke des Krankenhauszimmers schwebt, dämmert es Mrs. Brocket bereits, dass mit diesem Kind – aus ihrer persönlichen Sicht – etwas ganz und gar nicht stimmt.

Allen Widrigkeiten zum Trotz versuchen Mr. Und Mrs. Brocket dem ungewöhnlichen Kind gerecht zu werden. Doch besonders gern haben sie es nicht – nicht einmal das Wort „Baby“ kommt der Mutter zunächst über die Lippen. Anders die Geschwister Henry und Melanie, die als einzige in der Familie sehen, wer Barnaby ist. Ein ganz besonderes, ein liebenswertes Kind. Um Barnaby davor zu schützen, sich ständig den Kopf an der Zimmerdecke zu stoßen, werden praktischerweise dicke Federkernmatratzen unter der Zimmerdecke angebracht. Von nun an ist dies der gut gepolsterte Aufenthaltsbereich von Barnaby. Sie behalten ihn so weit es geht im Haus, binden ihn höchstens für eine Weile an der Wäscheleine im Garten fest, damit er etwas frische Luft bekommt – stets um ihn herum der Familienhund Captain W.E. Johns, der längst nur Barnaby als sein einzig legitimes Herrchen ansieht.

Doch eines Tages muss Barnaby doch in die Schule. Obwohl er ziemlich intelligent ist, wird er auf eine Schule für „besondere Fälle“ geschickt – wo er aber auch ein Freak ist. Wenigstens findet er dort einen ersten echten Freund, Liam. Er rettet ihm sogar das Leben, als die Schule brennt und er Barnaby – der an den Stuhl gefesselt ist, damit er nicht wieder abhebt- aus den Flammen befreit.

So wenig Barnaby auch gehorsamst versucht nicht aufzufallen, so wenig gelingt es ihm. Als schließlich sogar die Medien auf seinen Widerstand gegen die Erdanziehungskraft aufmerksam werden, ist das Maß für die Eltern voll. In Eleanor Brocket keimt so ein Verdruss auf ihren Sohn auf, dass ihr herzloser Plan, sich von diesem Jungen zu befreien, immer mehr Formen annimmt.

Zusammen mit Alistair beschließt sie, Barnaby während eines Spaziergangs einfach davon schweben zu lassen …

Das Gleichnis passt

Eltern möchten ihre Kinder zu bodenständigen, vernünftigen Menschen machen, die im Leben bestehen können. Ein Kind, das sich weigert, mit beiden Füßen am Boden zu bleiben, noch dazu, wenn es ein Kind von krankhaft angepassten Eltern ist, kann nicht erwarten, dass es so geliebt wird, wie es ist. So denken jedenfalls die Eltern von Barnaby.

Aber auf die eine oder andere Weise irgendwo „verloren“ zu gehen, ist ja eine Sache – vor allem, wenn es die Eltern selbst in die Wege leiten; aber wie ungewiss ist das Schicksal eines achtjährigen Jungen, der einfach so gen Himmel davonfliegt?

Darauf findet der irische Erfolgsautor John Boyne eine Menge fantastischer Antworten, oder besser gesagt: Als Antwort darauf präsentiert er uns ein fulminantes Abenteuer, das so reich an Menschen und Schicksalen ist, dass es die Leser im nu mitreißt.

Zunächst einmal die gute Nachricht: Barnabys Höhenflug kann zum Glück gestoppt werden, und zwar von einem Heißluftballon, den zwei ältere Damen fahren. Da so ein Ballon nicht einfach kehrt machen und ihn wieder in Sydney absetzen kann, schwebt Barnaby mit den Damen weiter nach Südamerika. Seine Heimreise von der brasilianischen Kaffeeplantage führt ihn mit dem Zug über New York, weiter nach Toronto (weil er ein paar Stationen verschlafen hat), über das große Meer nach Irland, um dann durch den Weltraum – 20.000 Meilen über der Erde – nach Australien zurück zu kehren.

Während der vielen Begegnungen und Erlebnisse, die durchaus nachdenklich stimmen, bleibt der Grundtenor der Geschichte durchweg positiv und in seiner Überspitzung satirisch-komisch. Die Menschen, die Barnaby unterwegs trifft, werden zum Teil ernsthafter ins Visier genommen, denn auch sie sind alle etwas Besonderes. Egal, welcher Lebensweg sie geprägt hat, sie fühlen sich mit dem Jungen verbunden – und der sensible Junge fühlt sich mit ihnen verbunden. Beeindruckt, wie wenig Groll Barnaby seinen Eltern gegenüber empfindet – er bleibt stets offen, neugierig und zugewandt – schließen seine Reisegefährten ihn unversehens ins Herz und uns Lesern ergeht es nicht anders. Barnaby ist ein wunderbarer, aufrichtiger Mensch, der nach den wichtigen Antworten sucht und sie findet.

John Boyne blickt durch seine Figuren in ihre Lebensgeschichten und Motive, weshalb ein Mensch nicht mehr Teil seiner Familie oder der Gesellschaft sein darf oder kann. Die Tatsache, dass Frauen Frauen lieben, dass reiche Söhne einfach kein Imperium leiten wollen, weil sie aus tiefster Seele Künstler sind, dass ein gealterter Mann, der nur noch kurze Zeit zu leben hat, einfach nicht anders kann, als alles nachzuholen, was er in seinem bisherigen Leben versäumt hat, oder dass der einst schöne Mann, der von seiner erfolgreichen und schönen Familie nicht mehr gesehen wird, sich von seinen Wurzeln abwendet …Barnaby trifft auf seiner langen Reise auf all diese Menschen – und immer geht es um Toleranz, Akzeptanz oder zumindest um Verständnis.

John Boyne unterhält seine Leser durch seine leichte, unbeschwerte Erzählweise, mit der er stets gerne auf die Spitze treibt, vermeintlich unwichtige Details hervorhebt und so seinen selbst geschaffenen Kosmos zum Leben erweckt, bestens. Selbst die der beiden „Normalos“, die kaum spießiger sein könnten liefern tragik-komische Einblicke in ihre Vergangenheit, liefern mögliche Motive für ihr zwanghaft angepasstes Verhalten. Aber selbst mit diesem Hintergrundwissen wird es kaum verständlich, warum sich Eltern derartig herzlos verhalten. Das mag auch – in all seiner Übertreibung – in der Absicht des Autors gelegen haben. Denn sieht man die Brockets exemplarisch für unsere Gesellschaft wird so etwas wie ein Spiegelbild daraus.

Dass John Boyne dies alles mit so viel Herz und Humor verpackt und das Ergebnis so manches Mal sehr fantastische – ja geradezu groteske Blüten treibt, macht dieses Abenteuer letztlich so reizvoll. Ist es doch auch nur konsequent, treibt John Boyne es mit der Idee, dass ein Kind nicht am Boden bleiben kann, doch bereits auf die Spitze.

Die Botschaft am Ende ist für uns Leser – die wir Barnaby ganz gut kennen gelernt haben – keine Überraschung und ein Plädoyer dafür, sich mit all seinen Eigenheiten anzunehmen. Gar nicht so leicht, aber vielleicht genau deshalb muss Barnaby immer dann davon schweben, wenn ihn nichts am Boden hält.

Fazit:

Es gibt Geschichten, die können fantastische Kapriolen schlagen – und doch sind sie so wahr, dass man sie nie vergisst – egal ob man nun 10 oder 99 Jahre alt ist. „Die unglaublichsten Abenteuer des Barnaby Brocket“ von John Boyne ist so eine Geschichte.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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