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Buchcover: Jan De Kinder: Tomatenrot

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Tomatenrot von Jan De Kinder

erschienen bei Atlantis

geeignet für Kinder im Alter ab 6 Jahren

in mein Bücherregal

Tom wird rot. Die anderen Kinder kichern, dann lachen sie ihn aus. Schließlich liegt Tom am Boden und wird verhauen. Bis die Lehrerin dazwischen geht.

Mobbing ist in aller Munde und überall. Wobei im Alltag längst nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung damit gemeint ist, nämlich sich ständig wiederholender, systematischer Psychoterror. Sondern auch das, was früher Hänseln, Ärgern, Triezen, Ausschließen, Piesacken war; heute kann es passieren, dass ein vierjähriger Knirps sich über den großen Bruder beklagt, der ihn nicht mitspielen lässt: Der Jonas mobbt mich, Mama.„

Nebenbei: im englischen Sprachgebrauch sagt man Bullying“ zu Mobbing, weswegen Cyber-Mobbing und Cyber-Bullying auch das gleiche sind; eine erst im digitalen Zeitalter möglich gewordene Art des Mobbings über Youtube, Facebook, Whatsapp: Beleidigungen, falsche Behauptungen, peinliche Clips oder Nacktaufnahmen sind per Mail oder SMS schnell in die Welt entlassen, mit einem Klick kann sich die ganze Schule verabreden, jemand Bestimmtes auszuschließen und zu quälen.

In Tomatenrot geht es ums klassische Schulhofärgern: Tom wir oft rot. Diesmal hat Lisa es gesehen und sie kann es sich nicht verkneifen, ihren Freunden davon zu erzählen und mit ihnen darüber zu kichern. Weswegen Tom natürlich noch roter wird und die anderen Kinder noch mehr kichern. Tom wird roter und stiller. Lisas Freund Paul wird lauter und lauter, er schubst Tom und der liegt schließlich am Boden und wird verhauen. Das finden Lisa und die anderen Kinder dann nicht mehr zum Kichern, aber vor Paul haben alle Angst.

Die Bilder – Kreidezeichnungen mit kleinen Collagendetails in gedeckten Farben und viel Rot – zeigen das auch sehr deutlich: Pauls scharfe Zunge, seine starken Fäuste und die Angst der anderen Kinder davor machen ihn groß wie einen ungeheuerlichen Drachen mit scharfen Zähnen. Ein Symbol dafür, wie groß für ein Kind die Angst und die Bedrohung in einer solchen Situation ist: es geht um mehr, als sich ein Herz zu fassen und einem stärkeren gegenüber mal eben Stopp„ zu sagen. Wer das tut, stellt sich gegen die ganze Klasse, gegen den Meinungsführer; er stellt sich zum Außenseiter, läuft Gefahr, ebenfalls zum Außenseiter, zum nächsten Opfer zu werden.
Also sagt auch keiner Stopp.

Letztendlich geht die Lehrerin dazwischen.
Und als sie die Kinder zu dem Vorfall befragt, meldet sich erst niemand; dann Lisa, die mit ihrem Spruch die Sache ja erst ins Rollen gebracht hat. Dann melden sich auch andere, alle erzählen wild drauflos. Als Paul nach der Schule sich an ihr, der Verräterin, rächen will, halten mehrere Kinder zu ihr. Pauls Macht ist gebrochen, er wird blass und still und grün und geht einsam in eine Ecke.

Der Text ist etwas gekünstelt-pathetisch, aber gut verständlich. Er beschreibt einige Aspekte zu den Bildern, innerhalb des ganzen Geschehens bleiben aber Lücken, die auch die Bildern nicht füllen: War Tom schon immer Außenseiter und alleine? Hat jemand Hilfe geholt oder ist die Lehrerin so“ gekommen? Was genau wird die Lehrerin mit Tom und Paul machen? Werden Lisa und Tom jetzt Freunde?

Das Buch – explizit als Thema-Buch zum Thema Mobbing beworben – soll Kindern so Raum bieten, die Bilder und Ereignisse zu deuten, darüber zu reden und auch von eigenen Erlebnissen zu erzählen.
Es lässt sie aber an vielen Stellen doch eher alleine. Zwar gibt es beim Verlag Materialien zum kostenlosen Download, wenn man das Buch in Kindergarten oder Schule im Rahmen eines Projekts bearbeiten will. Normalen Eltern, die mit ihrem Kind ein solches Buch ja einfach nur lesen möchten, ist damit wenig geholfen – erstens. Zweitens dreht sich in diesen Materialien viel allgemein um Gefühle, wenig um konkrete Handlungsanweisungen: Was kannst du tun, wenn du etwas siehst, hörst, weißt, ahnst? Was kannst du tun, wenn dir so etwas passiert? Und viel wichtiger: was können wir Erwachsenen tun?

Kinder denken zunächst mal, sie seien selber schuld, wenn ihnen so etwas passiert. Sie sagen es ihren Eltern nicht, damit die sich keine Sorgen machen müssen. Kinder, die Mobbing beobachten, sagen lange nichts, weil sie eben nicht selber in die Schusslinie geraten wollen oder weil sie ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ab und zu ja auch ein bisschen Mitmobben. Wenn Kindern niemand sagt, dass sie nicht selber schuld sind, wenn ihnen niemand signalisiert, dass sie nicht alleine sind, keine Angst vor Strafe haben müssen, wird das so bleiben. Kinder brauchen Erwachsene, die hinschauen. Und diskret, aber deutlich, die Initiative ergreifen. Dieser Aspekt kommt viel zu kurz im Buch, was leider ziemlich genau der Wirklichkeit entspricht. An unserer Schule gibt es so etwas nicht„ ist verbreitete Auffassung. Und was es nicht gibt, gegen das muss ich auch nichts machen – wie praktisch.

Wer von Cybermobbing betroffen ist, findet oft keinerlei Hilfe. Weil Eltern und Lehrern die Problematik oft unbekannt ist, sie sich das Ausmaß nicht vorstellen können oder weil die sozusagen verborgen im Netz stattfindenden Quälereien es eben besonders leicht machen, nicht hinsehen zu müssen. Das klassische Schulhofärgern wie in diesem Buch hat gegenüber dem Cybermobbing deshalb den Vorteil – wenn man es mal so ausdrücken will – dass es gehört und gesehen wird, wenn jemand ausgelacht, beschimpft, verprügelt wird, dass irgendwann einmal jemand eingreifen wird.

Wie die Lehrerin von Tom, Paul und Lisa. Allerdings hat sie keine aktuellere Idee als alle Kinder vor versammelter Klasse zu verhören: Wer hat was gesehen?“ Das Opfer Tom wird noch mehr bloßgestellt, der Täter Paul brüskiert, alle anderen Kinder in einen Gewissenskonflikt gezwungen zwischen ehrlich sein und Paul (und auch ein bisschen sich selbst) verpetzen.

Eine aktuellere Methode wäre zum Beispiel der „No Blame Approach“ (wörtlich „Ansatz ohne Schuldzuweisung“), der Mitte der 80er Jahre in England entwickelt und mittlerweile in der Schweiz und auch in Deutschland von mehr und mehr Schulen angewendet wird. Die besondere Faszination des Ansatzes liegt darin, dass – trotz der schwerwiegenden Mobbing-Problematik – auf Schuldzuweisungen und Bestrafungen gegenüber dem oder den Tätern verzichtet wird und auf Mitleid für das Opfer auch. In moderierten Gesprächen mit allen Mobbingbeteiligten und zu Helfern bestimmten Kindern geht es auch nicht um Problemanalyse (Wer war das? Wer hat gesehen, wer das war? Warum hast du das gemacht? Warum habt ihr nicht eingegriffen?) sondern ausschließlich um Lösungen: wie das Mobbing zu stoppen ist.

Den Rädelsführer auszugrenzen, wie es Paul im Buch geschieht, kann ja auch nicht die letzte Lösung sein. Das ist dann ja auch wieder Mobbing

Fazit

Mobbing ist ein Thema, das immer brisanter zu werden scheint. Im Kindergarten und in der Grundschule geht es oft noch klassisch zu: auslachen, ausgrenzen, verhauen. Auch das ist nicht schön. Dieses Buch will zeigen, wie sich Kinder gegen Mobbing wehren können, will, dass sie beim Anschauen und Lesen ins Drüber-Reden kommen. Die Bilder sind toll, die Handlung macht es sich an vielen Stellen für ein explizites Themen-Buch aber zu einfach.

Sigrid Tinz, September 2014

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