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Buchcover: Kate DiCamillo: Eine große Freude

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Eine große Freude von Kate DiCamillo

erschienen bei Jacoby & Stuart

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

[ab 5 Jahren]

Es ist Winter, es schneit und die dunklen Straßen der Stadt glitzern in freudiger Erwartung auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Die kleine Helen ist gerade bei der Anprobe ihres Engelskostüms, als sie an der Straßenecke den Leierkastenmann mit der Drehorgel sieht, dessen Äffchen den Passanten keck den Becher für das Geld hinhält. Helen fragt ihre Mutter, wo der alte Mann und das Äffchen wohl nachts bleiben …

„In der Woche vor Weihnachten tauchte ein Äffchen an der Ecke Fith Street und Vine Street auf.“ So beginnt die wunderschön illustrierte Weihnachtsgeschichte des amerikanischen Erfolgsduos Kate DiCamillo und Bagram Ibatoulline.

Schon bei diesem ersten Satz wird deutlich, dass die Geschichte ganz aus der Kinderperspektive erzählt wird. Sie beginnt mit der „Sensation“, dass ein kleines Äffchen mit grüner Weste und rotem Hut genau an der Straßenecke vor dem eigenen Haus aufgetaucht ist.

Es ist für uns Betrachter eine kleine Zeitreise in das Amerika der 40er Jahre, zu der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als es alle schwer hatten. Wenige schwarze, kurvige Limousinen fahren die Straße hinab und Damen, die einen „Muff“ vor ihrer Brust halten, eilen durch die winterliche Kälte. Obwohl klar erkennbar ist, dass sich diese Geschichte in einer Stadt abspielt, ist von dem hektischen Treiben heutiger Tage nichts zu spüren. Bagram Ibatoullines stimmungsvolle und aufwändige Illustrationen spiegeln die Ruhe vergangener Tage wieder und erzeugen auf Anhieb eine wunderschöne, aber auch etwas melancholische Atmosphäre.

Das Krippenspiel, bei dem Helen den Engel der freudigen Verkündung spielen soll, steht kurz bevor. Ihren Text kann sie bereits auswendig, auch ist sie schon ein wenig aufgeregt, weil sie bald auf der Bühne stehen wird. Doch sie ist gar nicht recht mit ihren Gedanken bei der Sache. Immer wieder schaut sie zu dem Leierkastenmann hinüber, der an der Straßenecke steht und seine traurigen Lieder spielt. Auf die Frage, wo der Mann und das Äffchen nachts bleiben, reagiert die Mutter etwas missmutig. Sie beschwichtigt ihre Tochter, dass ein jeder irgendwo unterkäme. Doch damit will Helen sich nicht zufrieden geben. In der darauffolgenden Nacht stellt sie allerlei Dinge an, um nicht einzuschlafen. Als es schließlich spät genug ist, geht sie an das Fenster und schaut auf die dunkle, menschenleere Straßenecke; das goldene Licht ihrer Taschenlampe überstrahlt fast die Szene. Dort ist immer noch der Leierkastenmann; das Äffchen warm unter seinem Mantel versteckt. Eigentlich möchte Helen, dass der Affe zu ihr hinauf blickt, doch es ist der alte Mann, der Helen am Fenster entdeckt und ihr zuwinkt. Es hat begonnen zu schneien.

Am nächsten Morgen erzählt Helen ihrer Mutter von ihrer Entdeckung und ist ganz erschrocken darüber, dass der Mann und sein kleiner Affe selbst dann draußen bleiben, wenn es schneit. Doch die Mutter will von Helens Bitte, die beiden zum Essen einzuladen, nichts wissen. Man sieht Helen an, dass sie nicht verstehen kann, dass man „Fremde“, die in der Nacht draußen frieren nicht einladen darf.

Es hat den ganzen Tag geschneit. Als sie sich zu Helens großem Auftritt aufmachen, drängt die Mutter, denn sie sind bereits spät dran. Doch Helen nutzt die Gelegenheit, um zum Leierkastenmann hinüber zu laufen. Sie schenkt dem Äffchen eine Münze, erzählt dem Mann von der Weihnachtsgeschichte, die in der Kirche aufgeführt wird, und lädt beide ein, auch zu kommen.

Als Helen auf der Bühne steht, mit Flügeln auf dem Rücken und einem Blumenkranz auf dem Haar, ist ihr großer Moment gekommen, doch sie bringt kein Wort heraus. Sie denkt an den alten Mann in der Kälte und „wie traurig die Augen des Leierkastenmannes geblickt hatten, selbst als er lächelte“.

Als alle gespannt darauf warten, dass Helen endlich ihren Text sagt, geht die Kirchentür auf. Im Lichtschein der Straße tritt der alte Mann in die Kirche, auf seinem Arm der kleine Affe. Und da reißt Helen die Arme hoch und ruft laut und deutlich: „Fürchtet euch nicht!..Denn ich verkünde euch eine große Freude.“

Die Geschichte endet mit der Darstellung einer anheimelnden Weihnachtsfeier, die keiner weiteren Worte bedarf. Viele lächelnde Gesichter sind zu sehen. In warmes Licht getaucht, im Hintergrund ein glitzernder Tannenbaum, finden wir auch den Leierkastenmann unter den Gästen. Er hat seinen Umhang und seine Schiebermütze abgelegt und hält einen Punsch in der Hand, während er sich fröhlich mit Helens Mutter unterhält. Glücklich schaut Helen auf das fröhliche Treiben, während das kleine Äffchen einem Jungen fürsorglich die Kopfhaare laust – wie es Affen eben machen, wenn sie jemanden besonders mögen.

Die schöne Geschichte über das Mitgefühl eines kleinen, klugen Mädchens passt wunderbar in die Weihnachtszeit. Ganz aus kindlicher Sicht zeigt Kate DiCamillo Helens Sorge. Wahrscheinlich hat sie, wie viele gutbehütete Kinder gar nicht geahnt, dass es Menschen gibt, die bei dieser Kälte nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Helen sieht die Not des Mannes und kann nicht anders, als sich betroffen zu fühlen. Sie kann nicht einfach schlafen, während sie nicht weiß, ob der Mann und sein Äffchen wirklich irgendwo unter gekommen sind. Anders als ihre Mutter, der es unangenehm ist mit dem Leid des Mannes konfrontiert zu werden, trägt Helen noch ein ganz natürliches, kindliches Mitgefühl in sich, das sich nicht darum schert, ob jemand Fremder oder Freund ist.

Kate DiCamillo beschreibt diese Gefühle nicht explizit; die Hinweise finden sich in den kurzen Dialogen und den knappen aber intensiven Zeilen, die eindeutig beschreiben, welchen Blick Helen auf diese Situation hat. Der lebensechte Ausdruck, den Bagram Ibatoulline den Menschen in ihre Gesichter zaubert, erübrigt darüber hinaus jede weitere Erklärung. Die Darstellungen der Personen wirken einerseits sehr real, aber auch – ähnlich der Werbung im Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts – ein wenig zu glatt, als dass sie wirklich echt wirken.

Ähnlich wie in dem Bilderbuch von Deborah Noyes „Hannah in der Zeit der Tulpen“ oder dem wunderschönen Buch „Die wundersame Reise des Edward Tulane“ ebenfalls von Kate DiCamillo, legt Bagram Ibatoulline seine Bilder wie kleine Kunstwerke an.

Die aufwändigen Acryl-Gemälde, die im vorliegenden Buch die weihnachtliche Stimmung einfangen, zeigen ein beeindruckendes Spiel mit Licht und Dunkelheit. Die leuchtenden Schaufenster, die in der grau-braunen Umgebung und dem nach hinten verschwimmenden Dunst hell erstrahlen, die Weihnachtsdekoration in den Schaufenstern, die in dem trüben, kalten Licht so stimmungsvoll funkeln, fangen perfekt die warmen Lichtinseln und die Stimmung in der winterlichen Stadt ein.

Dabei nimmt sich Ibatoulline die Freiheit, die wichtigen Dinge auf besondere Weise hervorzuheben. Dies gelingt ihm auf fast unmerkliche Weise, so dass jede seiner Illustrationen unmittelbar fasziniert. Hier findet sich auch die Antwort auf die Frage, warum Helens Vater nicht bei der Aufführung dabei sein kann. Ein gerahmtes Foto auf dem Schreibtisch vor dem Fenster, das den Blick zur Straßenecke freigibt, zeigt einen Mann in Uniform.

Fazit:

„Die große Freude“ zeigt das spontane und reine Mitgefühl eines Kindes. Obwohl der Handlungsstrang sehr einfach angelegt ist, erzeugt Kate DiCamillo mit nur wenigen Worten eine gefühlvolle und dichte Atmosphäre. Zusammen mit den beachtenswerten Illustrationen von Bagram Ibatoulline ist es ein wunderschönes, zeitloses Werk, das auf seine schlichte Weise alles ausdrückt, was den Weihnachtsgedanken ausmacht: die Nächstenliebe.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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