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Buchcover: Emma Carroll: Nacht über Frost Hollow Hall

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Nacht über Frost Hollow Hall von Emma Carroll

erschienen bei Thienemann

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

Die erst zwölfjährigeTilly hat es nicht leicht. Nicht genug, dass ihre Familie bettelarm ist, ihr Ernährer und Vater mit der älteren Schwester nach Amerika verschwunden ist, muss sie nun für sich und ihre Mutter ganz allein den Lebensunterhalt verdienen. Zum Glück findet sie eine Anstellung auf Frost Hollow Hall. Doch ihre eigentlichen Motive sind ganz andere...

Eigentlich mag Tilly Will, den eingebildeten Sohn des Metzgers, gar nicht – obwohl alle Mädchen für ihn schwärmen.

Sie bekommt  jedenfalls keine weichen Knie, wenn sie ihn sieht. Als Tilly wieder einmal sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Vaters wartet, kommt genau dieser Will Potter vorbei – und wie verlockend, er hat echte Schlittschuhe dabei! Da kann Tilly wirklich nicht nein sagen. Was zunächst als Mutprobe gedacht war – denn das Betreten des Familiensitzes der Familie Barrington auf Frost Hollow Hall ist strikt verboten – wird schon bald zu einem beinahe tödlichen Abenteuer. Und das ausgerechnet auf dem zugefrorenen See der Barringtons , wo vor 10 Jahren bereits der einzige Sohn und Erbe Christopher – genannt Kit – im Eis einbrach und ertrank. Trotz aller Warnungen Wills, die Mitte des Sees zu meiden, fährt Tilly genau zu dieser Stelle und bricht ein. Gerade als sie denkt, dass ihr Ende nah ist, kommt ihr ein Engel zur Hilfe und sie kann dem eisigen Grab entkommen. 

Erst in ihren Träumen gibt sich ihr der rettende Engel zu erkennen: Es ist Kit – und er bittet sie um Hilfe. Tilly soll die Wahrheit um seinen Tod ans Licht bringen, damit er seine Ruhe finden kann. Zunächst ist Tilly verwirrt, doch dann passieren so eigenartige Dinge, dass sie nicht länger ignorieren kann, dass sie Kits Geist begegnet ist und sie ihm Hilfe schuldig ist.

Nicht zuletzt da ihr Vater und ihre einzige Schwester die Familie ohne ein Wort verlassen haben, nutzt Tilly die Gelegenheit, auf Frost Hollow Hall eine Anstellung als Hausmädchen zu bekommen. Das geht erstaunlich einfach, da das Haus kaum noch Personal bekommt. Es soll auf dem Sitz der Familie Barrington ganz furchtbar spuken, so dass jede Magd schon nach kurzer Zeit das Weite sucht.

Und richtig: Bereits in der ersten Nacht muss Tilly feststellen, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht. Schon der Weg in das Mansardenzimmer, wo die Dienstmädchen schlafen, entpuppt sich zu einem wahren Albtraum: Als die einzige Kerze den beiden Mädchen herunterfällt und erlischt, hört Tilly in der vollkommenen Dunkelheit ein Flüstern an ihrem Ohr, doch es ist nicht das andere Dienstmädchen; außerdem  riecht Tilly etwas merkwürdig süßes, es wird plötzlich eiskalt und jemand hält sie ganz fest am Arm gepackt!

„Nacht über Frost Hollow Hall“ ist das erste Kinderbuch der Autorin Emma Carroll, die in den Hügeln von Somerset lebt, einer berühmten Grafschaft im Südwesten Englands. Keine Frage also, woher sie ihre schönen Schauplätze für diese stimmungsvolle Geschichte nimmt.

Es gibt mittlerweile vier weitere Bücher von Emma Carroll und ich muss sagen, dass ich gespannt auf diese bin, nach diesem rundum gelungenen Debüt. Eine kleine Warnung für ganz zart Besaitete muss ich vorweg schicken: Für sie ist vorliegendes Buch schon ein ganz schön spannender Stoff! Nicht nur dass die Protagonistin fast gestorben wäre, die Lebensumstände für Kinder sehr viel schwieriger sind und das gesellschaftliche Gefälle sehr viel größer, wird es immer wieder sehr unheimlich auf der Hintertreppe (denn das Personal durfte damals weder gesehen noch gehört werden) und in den Arbeitsbereichen der Bediensteten. Emma Carroll fängt diese Atmosphäre so lebendig ein, dass man sich unmittelbar in diese Zeit versetzt fühlt. Ebenso bildhaft wie die Räumlichkeiten schildert Emma Carroll auch den langen und harten Arbeitstag eines Dienstmädchens, aber auch ihre kleinen Freuden; aus Tillys Perspektive erzählt, wird schnell klar, dass ausreichende und gute Nahrung damals keine Selbstverständlichkeit war.

Eingebettet in diese Szenerie entspinnen sich mehrere Handlungsfäden. Der Hauptstrang: Um Kits rastlose Seele zu retten, muss Tilly die wahren Umstände seines Todes herausfinden und natürlich hängt noch so viel mehr daran. Tief verborgene Geheimnisse, hervorgerufen von großer Schuld, machen es ihr auch unter den Lebenden schwer das Versprechen an Kit einzulösen. Und so nimmt sie ihre Leser/innen mit in ein zum Teil schauriges, aber auch sehr berührendes Abenteuer von Liebe, Verlust und tiefer Freundschaft.

Einen weiteren Faden spinnt Emma Carroll um die Beziehungen zu Will und zu Tillys Mutter – einer harten Frau, die ihre Gefühle nur schwer zeigen kann – und damit auch zu ihrer Trauerarbeit um ihre zerbrochene Familie. Auch die erste Liebe spielt hier mit hinein und Emma Carroll verpackt all diese komplexen Gefühle in eine Erzählweise, die weder kitschig, abgedroschen noch simpel klingt. Sie findet Bilder und Beschreibungen, die Nähe herstellen und junge Leser/innen erreichen. Gerade Kinder im Alter ab 10 Jahren empfinden sich und ihr Lebensumfeld als zunehmend komplex; sie beginnen ihre und die Gefühle anderer besser zu verstehen, versetzen sich in andere Rollen und erkennen die Motive anderer.

Tilly macht einen Entwicklungsprozess durch, der sie reifen lässt. Dabei fällt es ihr schwer ihre Impulsivität und ihren Drang, ihre Meinung offen zu sagen, zu bremsen. Aber genau das macht sie so sympathisch und lässt die Leser/innen mitfiebern: Verhält sie sich doch eher wie ein Teenager dieser Tage, ein Betragen,  mit dem sie auf sehr massive Gegenwehr stößt -  bis hin zum Rauswurf mitten in der Nacht, hinein in einen tobenden Schneesturm …wirklich, an Dramatik spart Emma Carroll nicht.

Zusammen mit den gruseligen Ereignissen in und um Frost Hollow Hall eine durchweg spannende Geschichte, bei der man immer wieder die Luft anhalten möchte. Gemildert wird dies mit Sicherheit aber dadurch, dass man das Buch (z.B. abwechselnd) gemeinsam liest. Wer also  ein Buch sucht, das man in der Winterzeit zusammen, warm eingekuschelt auf dem heimischen Sofa genießen möchte – wohlige Schauer inklusive-, der hat in diesem Buch die perfekte Unterhaltung für lange Winterabende gefunden!

Denn mit sehr viel Herz und viel Gefühl – auch das für das richtige Timing – entführt uns Emma Carroll in eine verzauberte Welt längst vergangener glanzvoller Tage. Das gefällt ganz sicher auch erwachsenen Fans von Downton Abbey. Mir jedenfalls ging es so und ich habe auch die schöne Sprache Emma Carrolls genossen (aus dem Englischen übersetzt von Gerda Bean) die niemals verschachtelt oder gestelzt wirkt, aber dennoch ganz und gar in die Zeit passt und seine Leser/innen ein stimmungsvolles und atmosphärisches Lesevergnügen bereitet. Kinderliteratur auf hohem aber nicht abgehobenem Niveau.

Das Ende wird natürlich nicht verraten aber Emma Carroll beweist auch hier Augenmaß. Natürlich werden die Toten nicht wieder lebendig, Tillys Vater kehrt nicht zurück – sie bleibt allein mit ihrer Mutter, doch sie macht eine beeindruckende Entwicklung durch und das zu lesen ist einfach fesselnd und ergibt einen sehr schönen Abschluss.

Die klirrende Kälte, knisternde Feuer, alte Paläste mit uralten Geheimnissen, lebendige Momentaufnahmen unterteilt in vielen kurzen Kapiteln, mit Überschriften, die schon neugierig auf nächste Kapitel machen sowie der schönen Aufmachung des Buches inklusive der stimmungsvoll-frostigen Vignetten von Verena Körting, machen dieses Buch vielleicht zu einem, das immer wieder zur kalten Jahreszeit hervorgeholt wird, wie der der „Kleine Lord“. Wobei: eine Verfilmung dieses Buchs wäre sicherlich eine gute Idee, wer weiß …

Fazit:

Eine klare Empfehlung für lange Winterabende und zwar für die ganze Familie. Wer Downton Abbey mag und es auch gerne etwas gruselig- atmosphärisch hat-  aber trotzdem mit viel Gefühl – dem kann ich „Frost Hollow Hall“ nur wärmstens ans Herz legen!

Stefanie Eckmann-Schmechta

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