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Buchcover: Sophy Henn: Ein Platz für Bär

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Ein Platz für Bär von Sophy Henn

erschienen bei Annette Betz

geeignet für Kinder im Alter ab 3 Jahren

in mein Bücherregal

Kinderbuch des Monats Ausgabe 05/2015*
Ein kleiner Junge und sein kleiner Bär – beste Freunde, tolle Spielkameraden. Allerdings wird der kleine Bär sehr schnell sehr groß und ist irgendwann einfach zu „bärig“ fürs Kinderzimmer. Er braucht also ein neues Zuhause. Aber wo kann das sein?

Ein kleiner Junge und sein Bär. Auf dem ersten Bild scheint es ein Stoffteddy zu sein, wie der Junge ihn da im Arm hält und mit ihm knuddelt, so wie viele Kinder es mit ihren liebsten Kuscheltieren halt tun. Aber dieser Bär wird größer und größer; ob in echt oder in der Fantasie des Jungen, das bleibt offen – und der Fantasie des Lesers überlassen.

Der Erwachsenengedanke ist: Welcher Junge lebt schon mit einem Bären zusammen, und dann auch noch mit einem Eisbären, das sind ja die gefährlichsten von allen. Der Bär wird also nur in der Fantasie wachsen, einer dieser unsichtbaren Gefährten sein, die Kinder in einem gewissen Alter oft haben. (Von denen Sie in unserem Special „Unsichtbare Gefährten“ übrigens noch viele mehr treffen können.)

Was Kinder denken? Tja. Wahrscheinlich was anderes. Kinder zwischen drei und sieben sind entwicklungspsychologisch gesehen in der sogenannten magischen Phase: sie trennen noch nicht zwischen Fantasie und Realität, für sie ist alles möglich und die ganze Welt erstaunlich, rätselhaft und auch ein bisschen unverständlich. Ein Elefant ist genauso fantastisch wie ein Einhorn, das Dreirad geht abends im Schuppen schlafen, sie glauben an den Osterhasen und auch an Monster hinterm Schrank. Warum dann kein Bär als Haustier, der sprechen und spielen kann?

Jede Doppelseite hat eine matte, klare, bunte Grundfarbe und beschreibt eine eigene kleine Szene für sich, gestaltet mit eher weniger Details als mehr. Im Mittelpunkt immer der Junge und der knuddelige weiße Bär, sehr reduziert, mit großen schwarzen Kulleraugen, die Bände sprechen können. Der von Bild zu Bild größer wird und lauter und wilder – bis er den Jungen weit überragt und einfach zu bärig geworden ist. Das Sofa hat auf seiner Seite schon eine richtige Delle.

Die klaren Zeichnungen erzählen im Wesentlichen die Geschichte. Der Text beschränkt sich auf eine Minimum an Fakten und ist gleichzeitig durch die unterschiedliche Größe und Form der Buchstaben Teil der Illustration und sehr lautmalerisch. Außerdem gibt es kleine Dialoge. Etwa:

„Wir müssen ein neues Zuhause für dich finden“, sagt der kleine Junge. „Aber – wohin willst du, Bär?“

Und dann geht es los: Doppelseite für Doppelseite macht der Junge seinem Bären einen neuen Vorschlag – und das Bild zeigt gleich, wie der Bär sich da vermutlich fühlen würde: Im Spielzeuggeschäft – eingequetscht ins Regal? Im Zoo – in einem kleinen Käfig, getrennt von Freunden und anderen Tieren? Im Zirkus, mit panisch zusammengekniffenen Augen und albernen Ringerleibchen hoch hoben am Trapez? Bärs Antwort lautet denn auch immer „Nein“ – worauf der Junge fragt: „Wohin dann, Bär?“ Wie der Refrain in einem Lied wiederholt sich dieser kleine Dialog immer wieder. „Wohin dann, Bär?“ In den dunklen Wald, in eine noch dunklere Höhle, in den sattgrünen Dschungel, wo der Tiger sich schon die Lippen leckt? Nein. Neieiein. NEIN. Nein. Nein. Die Kinder sprechen, rufen, schreien, flüstern, flehen schon bald mit.

Eigentlich ist es „nur“ eine Geschichte über einen Jungen, der ein neues Zuhause für seinen Bären sucht. Aber man kann noch viele andere Geschichten herauslesen: Übers Groß- und Erwachsenwerden, über Freundschaft, Verantwortung, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über Entwicklung, Veränderung und Abschied. Übers Freunde bleiben auf weite Strecken. Darüber, dass man es manchmal keinem Recht machen kann, oder darüber, dass man nicht gleich die erste Möglichkeit für die beste Lösung halten sollte. Auch darüber, dass exotische Tiere keine Haustiere sind, dass Tiere sich nicht in winzigen Wohnungen oder Käfigen wohlfühlen, dass Tiere Tiere sind und keine Menschen.

Wie bei vielen guten Büchern gibt es nicht die eine klare Botschaft, sondern viele, die sich anbieten, ganz nach dem, was uns oder unsere Kinder momentan beschäftigt, interessiert, bewegt, Thema ist. Und alle andern schwingen mit, egal, welche jeweils im Vordergrund stehen mag.
Für mich ist das Buch neben allem anderen ein Buch über einen unsichtbaren Gefährten. Den ja viele Kinder haben – und der irgendwann aber auch wieder geht.

So wie hier auch: Nachdem alle Vorschläge nichts gebracht haben, essen Bär und Junge erst einmal ein Eis. Dabei kommt ihnen die Idee: Ein weißer Bär ist ein Eisbär! Und ein Eisbär, der wohnt in der Arktis! Also nichts wie hin. Und der Bär sagt diesmal nicht „Nein“, sondern „Schnee!“ Und der Junge sagt: „Also hier.“ Und geht nach Hause

Und auf der vorletzten Seite sieht man links den Bären, umgeben von anderen Bären. Und rechts den Jungen, zusammen mit Freunden, einem Hund und einer Katze. Aber, und das finde ich als Erwachsene, die von der magischen Phase ja schon so lange und so weit entfernt ist, am schönsten: „Ab und zu telefonieren sie noch miteinander.“

Fazit

Ein Junge sucht ein neues Zuhause für seinen zu groß gewordenen Bärenfreund – damit gehört dieses Buch auf jeden Fall in die Kategorie „Unsichtbare Freunde von Kindern“. Und auf einen der vorderen Plätze! Weil erstens noch so viele anderen Geschichten mitschwingen, von Abschied bis Wiedersehen, von Abenteuer bis Tierschutz. Und zweitens weil kein Bär solche Augen hat wie dieser: groß, schwarz und oval, die mehr sagen als tausend Stücke Text.

Sigrid Tinz

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