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Buchcover: Marjolijn Hof: Mutter Nummer Null

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Mutter Nummer Null von Marjolijn Hof

erschienen bei Bloomsbury

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

In Fejzos Familie werden wieder und wieder, einem Ritual gleich, dieselben Geschichten erzählt. Immer geht es darum, auf welchen Wegen Fejzo und seine Schwester An Bing Wa als Babys zu ihren jetzigen gemeinsamen Eltern gelangt sind. Als Fejzo auf seiner Lieblingsbank im Park ein Mädchen trifft, dass ihn mit ihren neugierigen Fragen durcheinanderbringt, beginnt er darüber nachzudenken, wer eigentlich seine Mutter Nummer Null, seine „echte“ Mutter ist. Diese Gedankenspiele bringen so einiges durcheinander, nicht Fejzos Eltern, sondern ihn und seine Schwester, denn beide sind adoptiert.

In Fejzos Familie sehen alle anders aus und das liegt daran, dass seine Schwester aus China stammt und er von einer Frau aus Bosnien in den Niederlanden geboren wurde. Fejzo mag seinen Namen nicht besonders und nennt sich Fee, aber das klingt auch wieder ein bisschen nach Mädchen. Warum die Eltern den Kindern ihre Namen gelassen haben, liegt daran, dass sie der Meinung waren, dass sie zu ihnen gehören. Fejzos und Bings Eltern gehen sehr offen mit den Kindern um, Geheimnisse gibt es in dieser Familie nicht. Als Fee auf seiner Lieblingsbank im Park dann Maud trifft, die neu im Ort ist, lässt er sich auf ein Gespräch ein. Er malt gern große Vögel, Hühner oder Truthähne. Beim Plaudern mit dem Mädchen kommt heraus, dass er adoptiert ist. Von einem Fernsehprogramm beeinflusst, redet Maud ihm nun zu, doch seine wahre Mutter zu suchen. Fee weiß, dass sie aus Bosnien stammt und in der Zeit des Krieges nach Holland kam. Sie war mit dem Baby überfordert. Wie sie ist, wer sie ist, hat ihn bisher nicht interessiert. Als er im Unterricht eine Art Lebensbaum von seiner Familie zeichnen soll, trägt er seine Mütter ein. Allerdings will er seine Adoptivmutter nicht mit Nr.2 bezeichnen und so entsteht die Bezeichnung der Mutter Null, der biologischen und der Mutter Eins, der wichtigen. Immer wieder fragt Maud, ob Fee denn nun angefangen hat, zu suchen.

„Das war mir auf einmal zu viel Mädchen.“, ist dann Fees Reaktion. Als er mit den Eltern und Bing über die Suche spricht, reagiert Bing sehr empfindlich. Sie wird auch Eisbaby genannt, denn sie ist im Winter als Findelkind gefunden worden. Niemand weiß, wer ihre Eltern sind und es besteht auch keine Chance das je herauszufinden.
Maud sucht Fees Nähe und sagt ihm auch, dass sie ihn mag. Damit kann er so gar nichts anfangen und hat auch Angst, dass sie ihn küssen will. Er spielt lieber mit seinen Freunden Hamid und Jesse Fußball. Außerdem sammelt Fee Bilder von Tiermalern, Albrecht Dürer u.a., die er in sein Buch einklebt.

Je mehr Fee über seine wahre Mutter nachdenkt, um so mehr glaubt er, er hat das Zeichentalent vielleicht von ihr geerbt. Er stellt sich vor, wie es ist, wenn er an ihrer Tür klingeln würde. Wie würde sie reagieren? Wäre sie freundlich, neutral oder gar abweisend?
Die Eltern sorgen sich um Fee. Der Junge erfährt nun auch, dass die Eltern die bosnische Mutter nie gesehen haben und dass es eine Bedenkzeit für die Mutter gab, ehe sie ihr Baby zur Adoption freigegeben hat. Kann es sein, dass die Mutter Fee vielleicht gar nicht sehen möchte? Kann es sein, dass die Mutter vielleicht so ein Tierbuch wie er hat und sie sich in vielem gleichen? Immer neue Tagträume spinnt Fee sich zusammen.

Die Eltern beschließen nun, Fee bei seiner Suche zu helfen. Inzwischen planen die Jungen eine Kung-Fu-Nummer für ihre Abschlussfeier. Fee maust dafür die Schriftzeichen von Bings Namen, um sie effektvoll auf ein Laken zu zeichnen als Deko für die Programmnummer in der Schule.

Maud knutscht indessen mit Jesse, fragt Fee aber immer wieder nach der Mutter.
Fee zeigt und das ist ein echter Vertrauensbeweis und auch sein Geheimnis, Maud sein Tierbuch. Sie hat kein Gefühl für diesen Moment und versteht nicht, was Fee ihr damit sagen will. Sie lächelt eher noch über ihn und sein kleinkindhaftes Einklebebuch.
Im Park, wo die Kinder sich treffen, lebt ein Penner, der Brotklauer. Die Kids machen sich einen Spaß daraus, ihn zu überraschen. Nach einem geplanten „Überfall“ am Morgen, die Kinder erschrecken den Mann, beginnt der Brotklauer, die Gründe bleiben im Dunkeln, Fee zu grüßen. Sie kommen sich näher, trotz Alkoholfahne. Ein Satz des Penners lässt Fee nachdenklich werden: „Ganz gleich, wie viel man erlebt – der eine verkraftet es und der andere nicht.“

Ging es auch so seiner Mutter? Was hat sie im Krieg erlebt? Fee wird langsam klar, dass seine Mutter eine Fremde für ihn sein wird.
Auf der Beratungsstelle trifft Fee Jost. Er bereitet den Jungen darauf vor, wie es sein wird, wenn seine Mutter ausfindig gemacht wird. Es kann sein, dass sie ihn nicht sehen will. Damit muss er rechnen.

Bing beginnt zu Hause zu rebellieren. Sie fühlt sich benachteiligt, denn Fee könnte seine wahre Mutter finden und sie nie. Es wird immer komplizierter.
Fees Eltern reagieren sehr ruhig und gefasst auf die Entwicklung, die die Ereignisse nehmen. Sie sind davon ausgegangen, dass Fee viel später auf die Idee kommen würde, seine Mutter kennenlernen zu wollen.
Nun ist es soweit. Jost hat einen Termin vereinbart, denn er hat Neuigkeiten für Fee.

Der Roman „Mutter Nummer Null“ basiert auf Marjolijn Hofs eigenen Erfahrungen als adoptiertes Kind. Auf ihrer Website wird diese Tatsache aber nur kurz erwähnt.

Aus der Sicht eines adoptierten Jungen, den dieses Thema vorher kaum interessiert hat, erzählt die niederländische Autorin chronologisch, aber unaufgeregt und gelassen. Äußerlich bewahrt Fee die Ruhe, scheint cool zu sein, aber vor seinem inneren Auge laufen ganze Filme voller harmonischer und dann wieder dramatischer Szenen ab. Nicht möglich sich wirklich einen Menschen, seine biologische Mutter, vorzustellen, der ihm nah sein müsste, es aber gar nicht sein kann. In wenigen kurzen Sätzen, die die Gefühle Fees präzise auf den Punkt bringen, kommt Marjolijn Hof schnell zum Kern der Geschichte und zu einem Konflikt, der eher von außen an den Jungen herangetragen wird. Fejzos ist eher mit seinen Zeichnungen, seiner eigenen, sehr speziellen Welt befasst und kann mit der Zuneigung und Neugier Mauds noch gar nichts anfangen. Fußball mit den Freunden, seine Suche nach Bildern von Tiermalern, die Begegnung mit dem Penner aus dem Park und die zunehmenden Konflikte mit seiner Schwester schildert Marjolijn Hof und verknüpft diese immer wieder mit den Reflexionen des Jungen. Fejzos fällt in kein emotionales Loch, dazu ist der Junge zu stabil. Er ist eher unschlüssig und wird von seinen Gedanken, Hoffnungen und Vorstellungen hin- und hergeworfen. Er ist der typische weder Ja- noch Nein-Sager. Doch einen Mittelweg gibt es nicht.

Mit großem Gespür für Alltagskomik und vor allem auf wenigen Seiten, findet Marjolijn Hof Charaktere, Bilder, Worte, Szenen, die kindgerecht sind. In jener Logik, die gerade die kindliche Phantasie auszeichnet, erzählt sie von einem langsamen Entwicklungsprozess, der Fee verändert. Aus seiner Perspektive betrachtet, verhalten sich seine Eltern erstaunlich ruhig und offen. Liebevoll und einfühlsam begleiten sie den Jungen auf seiner Suche, fangen aber auch ihre Tochter mit all ihrem Schmerz auf, denn Bing wird nie erfahren, woher sie eigentlich stammt. Die Eltern lassen den Kindern ihre Freiheiten und zeigen doch klare Grenzen auf.
So sollten realistisch erzählte Alltagsgeschichten für Kinder sein. Sie fangen ehrlich und subtil das Denken, Empfinden und Reflektieren ihrer jungen Protagonisten ein und sind weder gewollt komisch, noch pädagogisch wertvoll.

Fazit:

Marjolijn Hof schreibt in ihren Geschichten immer am Leben entlang, wobei sie sich die besonderen Konflikte sucht. Sie löst diese jedoch glaubwürdig und vor allem realitätsnah und warmherzig. Ein wundervolles Buch über das aufwühlende Innenleben eines Jungen, den ein Mädchen beeinflusst und doch nicht erreichen kann.

Karin Hahn

 

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