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Buchcover: Eva Ibbotson: Das Ungeheuer, das nicht Mami sagen konnte

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Das Ungeheuer, das nicht Mami sagen konnte von Eva Ibbotson

erschienen bei Cecilie Dressler

geeignet für Kinder im Alter ab 6 Jahren

in mein Bücherregal

In Eva Ibbotsons ungeheuerlichen Geschichtensammlung, kommt es nicht selten vor, dass der eine oder andere Protagonist verschluckt wird. Mal ist es einfach unerlässlich, ein anderes Mal geschieht es wirklich aus Versehen. Fast alle aber kommen wieder heraus – mehr oder weniger heil, aber immerhin. Doch das beste gleich vorweg: Das Gute siegt jedes Mal!

In der ersten der insgesamt fünf Geschichten mit dem Titel „Der Lindwurm und die Prinzessin, die “Puhh!„ Sagte“ verschluckt der Lindwurm die Prinzessin. Der wirklich sehr lange Lindwurm, der einen giftigen Atem hat, grüßt die Prinzessin freundlich. Doch die erwidert nur „Puhh!“ und das nicht nur einmal. Da tut der Lindwurm, was ein Lindwurm tun muss, wenn ihm mit so viel Unhöflichkeit und Hochnäsigkeit begegnet wird. Er verschluckt die Prinzessin. Die Prinzessin muss gerettet werden. Nur ein alter Ritter will die Prinzessin befreien. Er zerhackt den Wurm in kleine Stücke und wirft sie möglichst weit fort, da er weiß, dass sich so ein Lindwurm wieder zusammensetzen kann. Am Ende findet der Ritter die Prinzessin, die aber nicht mehr so gut ausschaut und zudem noch die Masern bekommen hat. Der Lindwurm aber kann es bewerkstelligen, sich wieder Stück für Stück zusammenzusetzen. Doch dann muss er feststellen, dass sein Kopf in die Mitte seines langen Körpers geraten ist. Nach längerem Überlegen findet der Lindwurm das aber ganz originell. Und die unbeliebte Prinzessin? Um ihre Hand will niemand mehr anhalten. Das hat sie nun davon; wäre sie nur ein wenig netter gewesen …

Auch in „Der Frid und der überaus törichte Hund“ geht es um eine zunächst ziemlich eingebildete Protagonistin. Die schnieke Hündin mit dem rosa Schleifchen auf dem Kopf, namens Gracia Georgina, will den Dorfhunden einfach nicht glauben, dass der Felsen oberhalb des Dörfchens einen bösartigen Frid beherbergt. So benimmt sich Gracia Georgina höchst flegelhaft und wird am Ende von dem Frid verschlungen. Doch auch sie kommt wieder heraus; allerdings ohne Fell. Kein einziges Haar ist ihr geblieben und es wird ihr auch keines mehr wachsen. Das aber ist nicht zu ihrem Nachteil, sie ist fortan die netteste Hündin weit und breit – noch dazu mit dem schönsten Strickensemble.

Ganz anders läuft es in „Der schreckliche Algernon und die Insel, die keine war“: Hier ist nicht der Riesenkrake das Ungeheuer, sondern ein kleiner Junge, der ständig schlimme Dinge tut und sich einfach nicht benehmen will. Dem Riesenkraken ist im Laufe der Jahre, da er sich in der ruhigen, verträumten Bucht nicht bewegt auf dem Buckel eine kleine Insel gewachsen. Die Leute machen Ausflüge auf die Insel, auf der bereits Bäume und Blumen wachsen. Algernon aber langweilt sich, während die anderen Kinder ein Picknick machen, sich vernünftig verhalten und artig sind. Und weil er weiß, dass es ganz und gar verboten ist, entzündet er auf dem Inselchen ein Feuer. Dies nimmt der sonst so friedliche Riesenkrake schmerzhaft wahr und taucht mitsamt Bäumen, Blumen und Picknick-Gästen unter. Alle können sich in das kleine Boot retten, nur Algernon nicht. Da aber der Riesenkrake keine Schiffe mit Mann und Maus mehr verschlingt, fragt er die Meerhexe um Rat. Algernon wird kurzerhand in eine Unterwasser-Nacktschnecke verwandelt. Der Krake wird zur Attraktion für alle Besucher aus fern und nah und versteht sich bestens mit den Menschen, die fortan viel Geld mit ihrem Riesenkraken verdienen.

In „Der Broobie und die drei Schotten“ ist Eva Ibbotson wieder ganz auf der Seite des Ungeheuers. Der riesige Broobie frisst am liebsten die Schafe und Rinder der Bauern. Drei Schotten finden heraus, dass es sich bei dem Exemplar um eine Broobie-Mutter handelt, die Junge hat. Sie ersinnen eine List, um den Riesenvogel ein- für allemal unschädlich zu machen. Sie verkleiden sich nur mäßig erfolgreich als Schafe und führen ihre Waffen mit sich. Doch als die Mutter die drei Schotten ihren Kindern zum Fraß vorwerfen will, protestieren ihre Küken. Da eine gute Mutter ihren Kindern kein schlechtes Essen vorsetzt, entsorgt sie die drei kurzerhand und wirft sie in den Teich – vielmehr „Loch“. Das überstehen die drei Schotten nicht so gut und kehren ziemlich verfroren wieder heim. Auch dumme, große Vögel erkennen mit der Zeit, dass ein Schotte kein Schaf ist.

In der letzten Geschichte geht es um eine böse Hexe, die an ihrem merkwürdiges Kind – ein Brollachan – kein gutes Haar lässt. Dabei hat so ein Brollachan nicht einmal eins. Das grüne, unförmige Wesen besteht nur aus Maul und Augen. Es absorbiert die Dinge, die es verschluckt und kann jede Form annehmen. Der Brollachan soll wenigstens „Mami“ sagen, so die erboste Hexenmutter. Als der Brollachan, der für den Geschmack der Hexe viel zu liebenswert ist, eines Tages im Wald davonläuft, findet er in der Hütte eines alten Mannes eine so friedliche Stille, dass er sich vor das Kaminfeuer legt und einschläft. Mit der Ruhe ist es aber schon bald vorbei, als die Hexe ihn dort ausfindig macht. Sofort setzen die nicht enden wollenden Schimpftiraden wieder ein. In einem letzten Bemühen, es seiner Mutter recht zu machen, bringt der Brollachan tatsächlich „Mami“ heraus verschluckt dabei aber aus Versehen dieselbe. Und so bleibt es auch in dieser Geschichte. Der alte Mann und der Brollachan leben fortan in friedlicher, stiller Eintracht.

Die Originalausgabe mit dem Titel „The Worm and the Toffee-Nosed Princess and other Stories of Monsters“ erschein bereits 1983 bei Macmillan Children´s Books, London. 2010 veröffentlicht nun der Cecile Dressler Verlag das humorvolle Buch mit dem etwas sperrigen Titel „Das Ungeheuer, das nicht Mami sagen konnte“ in seiner deutschen Erstausgabe. Nicht nur der Buchtitel, sondern auch der Blick auf das Buchcover zeigen an, dass es hier nicht ganz so ernst zugeht. Wir sehen eine missmutig dreinschauende Hexe mit Putzlappen, die von ihrem Canapé angehimmelt wird. Dies bezieht sich ganz eindeutig auf die Hexe und ihren Brollachan. Die weiteren Geschichten sind allesamt – bis auf die Tatsache, dass sich das Muster des Verschluckens wiederholt – sehr verschieden und haben einen schönen Spannungsbogen, der Kinder sehr schnell für sich einnimmt.

Eva Ibbotson gelingt mit ihren Monster-Kurzgeschichten ein wunderbarer Spagat zwischen dem Makabren und einer humorvollen Leichtigkeit. Ähnlich wie im Märchen siegt – auf welche Art auch immer – am Ende stets das Gute. Und nicht selten kommt Hochmut vor dem Fall. Dass dies manchmal recht schonungslos geschildert wird, wie etwa in der Geschichte vom Lindwurm, mag vor allem uns Erwachsene irritieren. Doch für die Kinder ist es häufig ein willkommener Nervenkitzel, da ihre Fantasie genau in diese Richtung spielt und diese, zugegeben, etwas unappetitlichen Details mit Spannung entgegennimmt. Sie haben Spaß dabei und sehen nicht, wie wir, das tatsächlich Grausame. Dies wird gar nicht so weit verinnerlicht, da Eva Ibbotson sehr schnell den Bogen zum Humorvollen zieht. Im Grund verlässt sie zu keinem Moment ihren amüsierten, sorglosen Unterton. Und das ist wichtig, um die Geschichten genau dort anzusiedeln, wo sie hingehören: Sie sind großer Monsterspaß, unterlegt mit ein wenig Moral. Die aber kommt eher als ein „Na, siehste.“ über und sollte ebenfalls nicht allzu ernst genommen werden. Ähnlich wie in vielen Märchen und Fabeln finden wir auch hier so manchen moralischen Fingerzeig, der am Ende zu Tage tritt. Auch die Tatsache, dass alle Geschichten für die Ungeheuer sprechen, eröffnet Kindern eine entspannte Perspektive auf die Geschehnisse.

Für zartbesaitete Grübler/innen würde ich Eva Ibbotsons Geschichtensammlung jedoch nur bedingt empfehlen. Am besten wäre es in diesem Fall, wenn Eltern das Buch erst einmal selbst lesen, um sich ein Bild zu machen. Sie können am besten einschätzen, wo der Spaß bei ihrem Kind aufhört. Letztlich ist es nämlich eine Frage des Humors, ob das Buch gefällt. Die meisten Jungen werden aber diese zotigen und fantasievollen Geschichten durchaus schätzen, da bin ich mir sicher.

Ihr Sprache ist einfach und doch von einer solchen Spritzigkeit, dass das Vorlesen einfach Spaß macht. Allein Eva Ibbotsons Randbemerkungen, die sich direkt an die Kinder wenden, sind schon lesenswert. Sie zeigt in ihren Texten ganz unverkrampft ihr gutes Gespür für ihre jungen Leser und begegnet ihnen auf Augenhöhe. Ihre lockere und doch geradlinige Erzählweise eignet sich sowohl für Jungen als auch für Mädchen. Dabei sind Eva Ibbotsons „Antennen“ ganz eindeutig auf die Kinder gerichtet; und das erklärt sicherlich auch, warum viele ihrer „Einwürfe“ so pointiert daherkommen. Sicherlich ist es auch Sabine Ludwigs gelungener Übersetzung aus dem Englischen zu verdanken, dass wir – Eltern und Kinder – so viel Spaß beim Lesen haben. Dabei gefällt mir, neben der Sprache, besonders die fantasievolle Umsetzung der Themen. Das alles zusammen macht aus einer an sich schlichten Geschichte etwas sehr Eigentümliches, das haften bleibt.

Dies ist nicht zuletzt auch durch die humorvollen Illustrationen von Sabine Büchner der Fall. Sie unterstützen die kuriosen Geschichten auf absolut gelungene Weise. Sabine Büchner erzählt in ihren Bildern Details, die in der Geschichte nicht ausgebaut werden aber für Kinder sehr unterhaltsam sind. Auf diese Weise wird der Text humorvoll und treffend bereichert. So scheint mir der eingebildete Hund mit rosa Schleifchen eine Langhaardackelhündin zu sein und auch dass diese am Ende ein Strickensemble trägt, ist nicht den Schilderungen der Autorin zu entnehmen, sondern erschließt sich allein aus der Illustration. Doch noch einen weiteren Aspekt bedienen die humorvollen, fröhlichen Illustrationen. Sie lassen kaum einen Zweifel daran, dass die Geschichten Kindern Spaß machen sollen. Dadurch, dass der Lindwurm – der ja nicht gerade appetitlich beschrieben wird – eher niedlich ausschaut, wird sofort der Schrecken genommen und Sympathie geweckt.

Fazit:

Vergnüglicher Ungeheuer-Spaß für Freunde des trockenen Humors. Pointiert, ein wenig hintergründig und durchweg spannend sind Eva Ibbotsons Antennen eindeutig auf ihre Leser, die Kinder gerichtet. Dabei gefällt mir neben der lebendigen und einfallsreichen Sprache die fantasievolle Umsetzung die, zusammen mit den witzigen Illustrationen von Sabine Büchner, eine willkommene Abwechslung für pfiffige Jungen und Mädchen darstellt.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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