Interview mit Andrea Paluch

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta

Andrea Paluch und Robert Habeck

 

Zusammen mit ihrem Mann Robert Habeck schreibt Andrea Paluch seit ihrem Studium Kurzgeschichten und Rundfunkessays. Mehrfach wurden sie für ihre Übersetzungen aus dem Englischen ausgezeichnet. Neben ihren vier Söhnen bestimmen Literatur, Musik und Politik ihr Leben. Für ihren Jugendroman „Zwei Wege in den Sommer“ wurden sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Mit „Wolfsnacht“ hat Sauerländer nun den ersten Teil der ursprünglich geplanten Trilogie um die beiden Romanfiguren Felix und Lea neu aufgelegt.

Ich möchte vor allen Dingen, dass die Leser sich gut unterhalten. Dann merken sie nämlich auch, dass es in den Büchern darum geht Verantwortung zu übernehmen und dass man fast alles auch anders sehen kann …Andrea Paluch

Kinderbuch-Couch: „Wolfsnacht“ erzählt von der Begegnung mit einem Wolf, an einem Ort, wo es ihn eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Was hat Sie auf die Idee gebracht, diese Geschichte zu erzählen?

Andrea Paluch: Als wir das Buch geschrieben haben, lebten wir in Lüneburg. Und da lasen wir in der Zeitung, dass nach dem Wegfallen des eisernen Vorhangs längst ausgestorben geglaubte Wildtiere zurückkehrten nach Westdeutschland, wie eben z.B. der Wolf. Wir hatten damals kleine Kinder und überlegten uns, wie wir reagieren würden, wenn wir wüssten, dass im Wald Wölfe rumlaufen. Würde man die Kinder noch guten Gewissens dort herumtollen lassen? Nach den ersten spontanen Abwehrreaktionen haben wir herausgefunden, dass Wölfe sehr scheu sind und stets zuerst die Flucht ergreifen würden.

Kinderbuch-Couch: Wie sieht Ihre Zusammenarbeit als Autorenteam aus: Gibt es so etwas wie eine Arbeitsteilung, wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Andrea Paluch: Unsere Zusammenarbeit basiert auf dem Reden. Wir plotten die Geschichte im Gespräch, wir entwickeln die Charaktere im Gespräch, wir sammeln Bilder und Metaphern im Gespräch. Das wird alles stichwortartig und schriftlich festgehalten. Anhand der Notizen entsteht dann der Fließtext im einzigen Arbeitsschritt, der wie Schreiben aussieht, tatsächlich jedoch reine Informationsverwaltung ist. Einer von uns (abhängig von Zeit und Lust) setzt sich an den Computer und drischt einen Text in die Tasten, der zwar den besprochenen Inhalt transportiert, stilistisch jedoch überhaupt keine Gültigkeit hat. Wenn die Geschichte komplett zu Papier gebracht ist, lesen wir sie uns wieder und wieder vor, streichen, schreiben neu, verlängern so lange, bis wir beide zufrieden sind.
Unser Arbeitsalltag war früher stark vom Rhythmus der Kinder abhängig. Grundsätzlich hat jeder einen halben Tag am Schreibtisch und einen halben Tag Kinderbetreuung. Wenn die Kinder schliefen, wurde zusammen gearbeitet.

Kinderbuch-Couch: Felix gibt vor, ein richtig „tougher“ Typ zu sein – und er ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Und doch ist er sehr verletzlich und unsicher, auch wenn er das nie zugeben würde. (Naja, was Lea angeht, macht er da schon mal eine Ausnahme.) Sie haben ja nun vier Jungs zu Hause. In wie weit werden Sie von Ihren Söhnen „inspiriert“?

Andrea Paluch: Als wir Felix und Lea (in „Jagd auf den Wolf“ noch unsere Wahl Martin und Camilla, war dem Verlag später nicht mehr modern genug) konzipierten, waren unsere Kinder noch zu klein oder gar abwesend, um uns zu inspirieren. Wir dachten eher, dass so ein Aufschneider die Geschichte sowohl für Jungen wie auch für Mädchen interessant machen kann.

Kinderbuch-Couch: Über die Rolle von Lea wird deutlich, welche politische Bedeutung heute Umwelt- und Naturschutz hat. Und auch, wie wichtig es ist, sich zu engagieren. Wie sehr liegt Ihnen daran, Kinder mit diesen Themen zu konfrontieren? Was gibt es Ihrer Meinung nach zu berücksichtigen, damit Kinder sich angesprochen und nicht belehrt fühlen?

Andrea Paluch: Ich weiß gar nicht, ob es schlimm wäre, Kinder zu belehren. Die müssen ja noch eine Menge lernen. Ich habe vor Belehrungen keine Angst. Solange es interessant gemacht ist. Was vielleicht schwieriger ist: sich nicht anzubiedern durch übertriebene oder künstliche Kindersprache.

Kinderbuch-Couch: Stellt Felix den Gegenpol zu Lea dar, da er zunächst auf seinen Vorteil bedacht, scheinbar oberflächlich und ein wenig gleichgültig ist?

Andrea Paluch: Auf jeden Fall. Felix und Lea haben beide Mankos, für die der jeweils andere das Korrektiv ist. Die zugrunde liegende Idee der Bücher ist eine Trilogie, in der sich mit zunehmendem Alter (jedes Buch ein Jahr älter) auch die Beziehung der beiden verändert. Von kratzbürstig (Wolf) über freundschaftlich – irritiert (Falke) bis verliebt (Turm). Leider haben interne Verlagsangelegenheiten und -wechsel einen Strich durch diese Konzeption gemacht.

Ich weiß gar nicht, ob es schlimm wäre, Kinder zu belehren. Die müssen ja noch eine Menge lernen …Was vielleicht schwieriger ist: sich nicht anzubiedern durch übertriebene oder künstliche Kindersprache. Andrea Paluch

Kinderbuch-Couch: Das heißt also: Mit Felix und Lea sind bereits zwei weitere Bände erschienen („Felix und Lea – Der Turm ohne Türen“ und „Felix und Lea – Jagd auf den Falken“). Obwohl es in „Wolfsnacht“ auch um die beiden Protagonisten geht, scheint der neue Roman in puncto Titel- und Covergestaltung zu einer ganz neuen Buchreihe zu gehören. Gibt es einen Grund für diesen Wechsel?

Andrea Paluch: Wahrscheinlich schon. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich den Überblick verloren. Wir hatten bei diesem Projekt unterschiedlichste Lektoren und unterschiedliche Verlage mit oft wechselnden Verlagsadressen. Die Idee der Trilogie wurde irgendwann verworfen, jetzt soll jedes Buch für sich stehen. Die Cover gestaltet jeder Verlag nach Marketingüberlegungen. Als Autoren haben wir damit nichts zu tun.

Kinderbuch-Couch: Sie schreiben auch Kurz- und Radiogeschichten und übersetzen sehr erfolgreich aus dem Englischen. Haben Sie durch Ihre Arbeit als Übersetzer/in vielleicht einen anderen Blick auf das Schreiben, auf die Dramaturgie einer Geschichte und ihre Sprache?

Andrea Paluch: Wir sind beide studierte Literaturwissenschaftler und hatten von Anfang an unser theoretisches Rüstzeug. Das Handwerk allerdings haben wir tatsächlich vor allem beim Übersetzen englischer Lyrik gelernt.

Kinderbuch-Couch: Welche Kinderbücher haben Sie in Ihrer Kindheit am meisten gemocht?

Andrea Paluch: Ich habe als Kind Karl May gelesen. Der erste Kinderbuchklassiker war für mich Krabbat. Dann Onkel Toms Hütte. Ach ja, und dann diese Reihen „Geheimnis um...“, „...der Abenteuer“, „Fünf Freunde“ aus der Bibliothek.

Kinderbuch-Couch: Für welche Art von Kinder-/Jugendliteratur stehen Sie heute als Autoren ein? – was möchten Sie Ihren Lesern auf welche Art vermitteln?

Andrea Paluch: Ich möchte vor allen Dingen, dass die Leser sich gut unterhalten. Dann merken sie nämlich auch, dass es in den Büchern darum geht Verantwortung zu übernehmen und dass man fast alles auch anders sehen kann.

Kinderbuch-Couch: Gibt es jemanden, außer Ihnen beiden natürlich, dem Sie Ihre ersten Entwürfe anvertrauen und dessen Meinung Ihnen wichtig ist?

Andrea Paluch: Kurz und knapp: nein.

Kinderbuch-Couch: Verraten Sie uns, ob Sie schon eine neue Idee für ein Kinderbuch haben oder vielleicht schon an einem neuen Buch arbeiten?

Andrea Paluch: Mein Mann hat den Beruf gewechselt und ist jetzt Politiker. Ich habe gerade mein erstes Erwachsenenbuch alleine geschrieben und hoffe, dass es einen Verlag findet. Unsere Zukunft als Doppelautoren ist erst einmal gekappt, und wann ich wieder ein Jugendbuch in Angriff nehme, kann ich noch nicht sagen.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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