Interview mit Cornelia Funke.

Kinderbuchautorin Cornelia Funke

Ein überaus ereignisreiches Jahr für Cornelia Funke findet neben ihrem Umzug nach L.A./Kalifornien ganz sicher in der kürzlich erfolgten Veröffentlichung ihres lang ersehnten Nachfolgers zu „Tintenherz“ einen ganz besonderen Höhepunkt.

Stefanie Eckmann-Schmechta hatte die Gelegenheit Cornelia Funke, die übrigens vom amerikanischen „Time-Magazine“ auf die Lister der 100 weltweit einflussreichsten Persönklichkeiten 2005 gesetzt wurde, einige Fragen nicht nur zu ihrem neuen Buch „Tintenblut“ zu stellen. Erfahren Sie mehr über Staubfinger, Fenoglio, den Einfluss des Mittelalters auf ihre Arbeit, ihre Beziehung zur Natur und das Schreiben an sich ...

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta.

Ein Buch ist eine Gelegenheit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was uns allen Angst macht und in die Dunkelheit hineinzugehen – ohne Gefahr für Leib und Leben,... Cornelia Funke

Kinderbuch-Couch: Die Langersehnte Fortsetzung von „Tintenherz“ – „Tintenblut“ – wird am 15. September endlich auf dem Markt sein. Mit welchem Gefühl lassen Sie den Nachfolger von „Tintenherz“ in die Welt?

Cornelia Funke: Es ist jedesmal wieder sehr aufregend, ein neues Buch zu veröffentlichen, und diesmal ist es für mich etwas ganz besonderes, weil ich glaube, dass es das beste Buch ist, was ich je geschrieben habe.

Kinderbuch-Couch: War mit dem Buch „Tintenherz“ von vornherein eine Trilogie geplant?

Cornelia Funke: Nein, überhaupt nicht. Aber die Figuren wollten mich nicht gehen lassen.

Kinderbuch-Couch: Während wir in Tintenherz mehr in „dieser Welt“ waren, ist es nun in „Tintenblut“ die Welt Fenoglios – in der Welt seines Buches „Tintenherz“. Vieles aus dieser Welt und deren Weltanschauung mutet mittelalterlich an. Haben Sie Recherchen über die Lebensumstände dieser Zeit gemacht, um diese Welt so authentisch darzustellen?

Cornelia Funke: Ja, ich habe viel über das Leben und vor allem das Alltagsleben im Mittelalter gelesen, aber natürlich bleibt es Fenoglios Welt, die nicht identisch mit dem realen Mittelalter ist – so dass ich mir etliches an Freiheiten nehmen konnte. Dennoch hat mir die Recherche sehr viele Ideen gebracht und sehr geholfen, die Atmosphäre dieser Welt zu beschreiben.

Kinderbuch-Couch: Welche Aspekte haben Sie aus dieser Zeit übernommen, stimmt es zum Beispiel, dass aus dieser Zeit und durch die Bücher, die es zu dieser Zeit gab, der Ausdruck „ein Buch aufschlagen“ stammt?

Cornelia Funke: Ja, das stimmt. Und es stimmt auch, dass man Spielleute ungestraft töten oder berauben konnte – und die Witwe eines Spielmannes nur den Schatten seines Mörders schlagen durfte.

...aber ich beobachte natürlich mich selbst beim Schreiben – und da stellt man fest, dass man ein Diktator ist. Cornelia Funke

Kinderbuch-Couch: Warum haben Sie gerade das Mittelalter gewählt – es ist ja nicht gerade eine besonders aufgeklärte und gewaltfreie Zeit – oder gerade deswegen?

Cornelia Funke: Ich habe sie gewählt, weil phantastische Geschichten fast immer in einer Art mittelalterlicher Welt spielen und ich auch die seltsame Faszination, die wir für diese Zeit empfinden, thematisieren wollte (in all ihrer Zwiespältigkeit) Das Mittelalter (und es ist natürlich sehr vereinfacht, das so zu sagen, denn es gibt in diesem langen Zeitraum so unendlich verschiedene Zeiten wie das Früh-und das Spätmittelalter) bietet einen guten Hintergrund für eine Geschichte, die mit Märchen-und Mythenmotiven spielt, weil viel aus dieser Zeit stammen, und außerdem war es die Zeit der Spielleute und illuminierten Bücher – zwei weitere wichtige Motive für meine Geschichte.

Kinderbuch-Couch: Apropos Staubfinger. Es findet sich keine direkte Erklärung wie er zu diesem Namen gekommen ist (anders als zum Beispiel Zauberzunge) – hat es eine besondere Bewandtnis, dass er so heißt? Oder greifen wir damit bereits dem 3.Band etwas vor.

Cornelia Funke: Meine englische Übersetzerin hat mir dieselbe Frage gestellt – und meine Antwort war, dass der Staub in seinem Namen mich an die verlorenen Dinge auf einem Dachboden denken lässt und an den Staub der Sterblichkeit. Auf diese Antwort bin ich allerdings wirklich erst durch ihre Frage gestoßen. Staubfinger hatte seinen Namen einfach von Anfang an dabei.

Kinderbuch-Couch: Besonders hintergründig empfinde ich die Person Fenoglios, denn er zeigt alle Eigenheiten eines in seine Kunst etwas selbst verliebten und dazu mit einer gewissen Skrupellosigkeit ausgestatteten Dichters. Damit bleibt seine Rolle immer etwas zwiegespalten, zwar will er stets das Gute – ist aber in seine Kunst selbst so verliebt, dass er über dessen Auswirkungen nicht lange nachdenkt und den Respekt vor seinen Kreaturen so manches mal vermissen lässt. Fließen da einige Erfahrungen mit der „Gattung Schriftsteller“ im Allgemeinen ein?

Cornelia Funke: Über die Gattung weiß ich nicht viel. Die meisten Zunftgenossen, die ich bisher getroffen habe, waren sehr angenehme Menschen (und sehr glücklich mit ihrem Beruf) aber ich beobachte natürlich mich selbst beim Schreiben – und da stellt man fest, dass man ein Diktator ist. Beim Schreiben von Tintenherz und Tintenblut ist mir das erst so richtig klar geworden – da stellt sich dann irgendwann unwillkürlich die Frage, ob man seinen Figuren tatsächlich nur in schlimmste Situationen bringt, weil sie dramatisch wirkungsvoll sind – oder ob der Schriftsteller der geschichet ebenso folgen muss wie die Personen darin? Ich bin mir über die Antwort immer noch nicht ganz im Klaren. Aber ich weiß, dass es unendlichen Spaß macht, die Fenoglio-Szenen zu schreiben (auch wenn ich wirklich hoffe, dass ich nicht so selbstverliebt und mit etwas mehr Mitgefühl gesegnet bin!)

Ja, ich glaube, dass nichts mehr inspiriert und Kraft gibt als die Natur. Cornelia Funke

Kinderbuch-Couch: Die arme Elinor ist ja eigentlich die beiden Bände hindurch stets das Opfer, das eingesperrt und bedroht wird. Aber sie ist ein sehr widerspenstiger Charakter, der zunehmend an Herz und Wärme gewinnt. – gab es da (wie es ja auch Fenoglio beim Erfinden seiner Figuren macht) eine wahre Person, die sozusagen ihre „Vorlage“ war?

Cornelia Funke: Nein, bei Elinor gab es das wirklich nicht. Sie ist einfach so auf die Seiten spaziert – aber natürlich sind wir alle schon Frauen wie ihr begegnet.

Buchcover: Cornelia Funke, Tintenblut

Kinderbuch-Couch: Welcher Ihrer Charaktere hat Ihnen beim Schreiben besonders viel Freude gemacht, an welcher hängt Ihr Herz besonders?

Cornelia Funke: Oh, beim Tintenblut ist das wirklich kaum zu beantworten. Ich glaube, ich liebe sie alle, vor allem die Guten: Staubfinger und Mo liegen mir vielleicht am meisten am Herzen, aber die anderen folgen dicht auf, Meggie, Fenoglio, Elinor, der Schwarze Prinz, Resa und Roxane, Farid...selbst die kleinen Charakter haben großen Spaß gemacht wie der Glasmann oder Tullio – oder die Hässliche, die zur Zeit im dritten Teil immer mehr Raum beansprucht.

Kinderbuch-Couch: Das Ende ist alles andere als vorhersehbar – immer neue „Fallstricke“ tun sich für unsere Helden auf. War es da immer leicht, alle Fäden in der Hand zu behalten, um sie am Ende doch noch zu einem Strang bündeln zu können – bis hin zu der Fortsetzung, in der es hoffentlich mit „Staubfinger“ weitergeht?

Cornelia Funke: Leicht ist das natürlich nicht immer, aber ich verlasse mich darauf, dass die Geschichte mir irgendwann ganz von selbst den Weg weist – und bisher ist das zum Glück auch immer passiert. Beim dritten Tteil muss ich die Verwicklungen natürlich besonders sorgsam beobachten, weil sich am Ende schließlich alles auflösen oder verknüpfen soll.

Kinderbuch-Couch: Das Buch „Tintenblut“ ist noch spannender als sein Vorgänger, so habe ich es empfunden. Schlägt der Autorin beim Schreiben manchmal auch das Herz ein wenig schneller, besonders wenn kurz vor Erreichen des Ziels sich abermals neue Widersacher einstellen und der Ausweg fast unmöglich erscheint?

Cornelia Funke: O ja, das ist beim Schreiben fast noch aufregender als beim Lesen. Und so manches mal ist es ziemlich furchtbar, etwas dann in Worte zu fassen – ich nenne jetzt besser keine Szenen, sonst verrate ich zuviel, aber jeder Leser wird wissen, welche ich meine – und dass ich mich immer noch bei Mo und Staubfinger entschuldige.

Kinderbuch-Couch: Ihre Beschreibungen der Natur in Tintenherz aber auch in der „realen Welt“ sind sehr lebendig und man gewinnt den Eindruck, dass Sie selbst die Natur sehr lieben und sie Ihre Inspirationsquelle für viele Abenteuer ist. Ist das so?

Cornelia Funke: Ja, ich glaube, dass nichts mehr inspiriert und Kraft gibt als die Natur – weshalb ich es hier in Kalifornien zur Zeit sehr genieße, mit einer ganz anderen Art von Natur umgeben zu sein – Bergen und Meer, Kolibris in meinem Garten...aber in der Wildnis zurechtkommen wie Staubfinger würde ich bestimmt nicht (auch wenn ich es gern lernen würde).

Kinderbuch-Couch: Wie lange denken Sie über eine Idee nach, bevor sie daraus eine Geschichte konstruieren. Wie lange lebte die Idee von Tintenherz in Ihnen, bevor Sie sich an die Arbeit machten? Machen Sie sich zunächst umfangreiche Notizen, oder „legen“ Sie erst einmal los, weil vieles bereits in Ihrem Kopf ist, bzw. sich aus der Geschichte heraus entwickelt?

Cornelia Funke: Ich bereite ein solches Buch mehr als ein halbes Jahr vor, lese, mache Notizen, bereite Kapitel vor, hänge Fotos an die Wand und Gliederungsentwürfe auf Karteikarten – und dann irgendwann fange ich an – und alles wird anders....fast als finge es plötzlich an zu leben.

Kinderbuch-Couch: Auch bei „Tintenblut“ finden wir zu Beginn eines jeden Kapitels sehr schöne und teilweise auch ausdrucksstarke Zitate aus anderen Büchern. Hatten Sie stets im Kopf, wo Sie das passende Zitat finden würden, oder haben Sie sich manches Mal auf die Suche machen müssen?

Cornelia Funke: O ja, da muss ich natürlich oft noch suchen. Aber inzwischen sammle ich, wann imemr ich kann, Zitate und sortiere sie nach Themen, um einen Vorrat zu haben.

Kinderbuch-Couch: Haben Sie beim Schreiben von „Tintenherz“ und insbesondere von „Tintenblut“ daran gedacht, dass es sich um ein Kinderbuch handelt – oder schreiben Sie einfach auf Ihre eigene Art, ohne auf diesen Aspekt ständig Rücksicht zu nehmen?

Cornelia Funke: Ich schreibe einfach zu meinem Vergnügen – aber natürlich denke ich ab und zu daran, dass ich für Kinder schreibe, frage mich, ob bestimmte Szenen nur Erwachsene interessieren, hole mir bei meinen Kindern Rat – und werde von ihnen für meine Bedenken belächelt. Ich denke auch, dass ich bei Gewaltszenen vorsichtiger bin, aber der Geschichte und dem Schreibstil schadet das sicherlich kaum.

Kinderbuch-Couch: Anders und sehr direkt gefragt, haben Sie nicht manches Mal Bedenken gehabt, dass die Gewalt (auch die sehr häufig angedrohte Gewalt) und das Töten sowie die, so möchte ich sie nennen, „Willkür der Bösen und der Mächtigen“ auf Kinder Angst einflössend wirken könnte?

Cornelia Funke: Nicht angsteinflössender als das, was sie jeden Tag über unsere Wirklichkeit erfahren. Und ich glaube fest daran, dass nichts mehr Angst macht als das zu leugnen, was man fürchtet und sich nicht damit auseinanderzusetzen. Ein Buch ist eine Gelegenheit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was uns allen Angst macht und in die Dunkelheit hineinzugehen – ohne Gefahr für Leib und Leben, wie man so schön sagt. Außerdem sind Kinder manchmal, was das Böse oder Gewalt betrifft, wesentlich hartgesottener als Erwachsene – vielleicht, weil es für sie wirklich noch etwas nur Gelesenes und nicht Erfahrenes ist. UND sie wollen davon hören!

Kinderbuch-Couch: Welche Umstände benötigen Sie, um schreiben zu können, welche sind für Sie ideal? Was waren die wesentlichen Beweggründe für den Umzug nach Kalifornien, finden Sie dort etwas vor, das Sie in Deutschland vermisst haben?

Cornelia Funke: Das sind gleich viele Fragen auf einmal. Zur Zeit habe ich die allerbesten Umstände zum Schreiben, die man sich wünschen kann – ein Schreibhaus im Garten (d.h. ich bin zuhause und doch etwas abgetrennt) viel Platz für meine Bücher, sogar Platz zum Hin-und Hergehen (sehr förderlich beim Denken), Platz, Notizen an die Wand zu hängen, Bilder etc. Die Beweggründe für den Umzug waren: Lust auf ein Abenteuer, Lust, einmal in einem anderen Land zu leben, die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen hier, das gute Wetter, ein paar sehr sehr gute Freunde in L.A., der Wunsch, eine Weile von Meer und Bergen umgeben zu sein …

Kinderbuch-Couch: Was wird uns mit dem Film „Tintenherz“ erwarten? Werden Sie maßgeblich an dem Drehbuch mitarbeiten und Einfluss auf die Auswahl der Schauspieler und Drehorte haben?

Cornelia Funke: Ich werde Einfluß haben, was aber nicht heißt, dass alles so gehen wird, wie ich will. Das vorliegende Drehbuch ist wunderbar, aber ob daraus ein wunderbarer Film wird, kann niemand sagen. Was Schauspieler und Regisseur betrifft – das hängt leider nicht nur an meinen Wünschen, sondern auch daran, wer gerade wann frei ist.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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