Interview mit Nina Blazon

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta

Nina Blazon Foto-Copyright Isabelle Grubert, Randomhouse
Foto-Copyright: Isabelle Grubert, Randomhouse

Die vielseitige Autorin, die bereits als Jugendliche begeisterte Leserin der Fantasy-Literatur war, begann während ihres Slawistik- und Germanistik-Studiums – mit Schwerpunkt Theaterstücke und Kurzgeschichten – selbst zu schreiben. Mit ihrem Fantasy-Jugendroman „Im Bann des Fluchträgers“ wurde sie 2003 mit dem Wolfgang-Hohlbein-Preis und 2004 mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet.

Nina Blazon ist heute Autorin in den Genres Fantasy, Krimi und historische Romane und erhielt noch zahlreiche weitere Auszeichnungen. Mit „Laqua – Der Fluch der schwarzen Gondel“ schrieb sie einen Fantasy-Roman für Kinder, der viele historische Hintergründe der sagenhaften Stadt Venedig aufgreift. Stimmungsvoll führt ihre Geschichte immer tiefer über verschlungene Pfade in das Herz der uralten Lagunenstadt und zeigt uns ihre dunklen Geheimnisse.

Ich lege Wert darauf, dass die Personen in meinen Büchern nie einer völligen Hilf- und Hoffnungslosigkeit ausgeliefert sind …Nina Blazon

Kinderbuch-Couch: Liebe Frau Blazon, wann haben Sie „La Serenissima“ („Die Durchlauchtigste“), wie Venedig auch genannt wird, zum ersten Mal kennen gelernt? Was waren Ihre Eindrücke?

Nina Blazon: Bewusst kann ich gar kein „erstes Mal“ nennen, Venedig gehörte seit meiner Kindheit ganz selbstverständlich zum Sommer dazu. Ich stamme aus dem »kleinen Venedig«, dem Städtchen Piran in Slowenien. Es gehörte lange Zeit zur Republik Venedig, hat einen Campanile und die typische Architektur seiner großen Schwester. Geflügelte Steinlöwen finden sich hier an vielen Stellen. Als Kind war ich unzählige Male »schräg gegenüber« im »großen« Venedig. Ich war zu dieser Zeit vor allen Dingen von den bunten Glastieren aus den Glasbläserwerkstätten und den vielen Tauben fasziniert.

Kinderbuch-Couch: Was hat Sie gereizt, aus diesem „Material“ ein Kinderbuch entstehen zu lassen?

Nina Blazon: Venedig ist seit jeher meine Herzensstadt, seit Jahren mogle ich sie immer wieder in meine Romane. Und ich finde einfach, sie übt auch auf Kinder eine besondere Faszination aus. Man kann viel entdecken, sich verirren und verstecken. Jeder Winkel birgt Geheimnisse und im Winter bekommt die Stadt sogar etwas Gruseliges, Verwunschenes. Ideal für ein Abenteuer.

Kinderbuch-Couch: Wie sehr haben Sie sich auf die Stadt eingelassen, um die vielen alten Geschichten, Gassen und Winkel so greifbar zu beschrieben?

Nina Blazon: Natürlich habe ich sehr viel dazu gelesen, aber fast noch wichtiger war, die Stadt selbst noch einmal ganz neu kennen zu lernen. Hier hatte ich das Glück, bei einem Besuch hinter die Reiseführer-Fassaden blicken zu dürfen. Irene, meine Gastgeberin, ist gebürtige Venezianerin, ich durfte einige Wochen lang in ihrer Wohnung leben und mich ganz in den Alltag der Stadt fallen lassen. So habe ich viel über die Mentalität und Lebensart gelernt und unzählige Streifzüge gemacht. Jeder (reale) Weg, den die Kinder im Buch laufen, wurde bei dieser Recherchetour abgesteckt, jeder Granatapfelbaum, jede Treppe, jeder Winkel ist authentisch. Ich hoffe sehr, dass die Geschichte dadurch plastischer und greifbarer, einfach lebendiger, wirkt.

Venedig
Foto-Copyright: Nina Blazon

Kinderbuch-Couch: Wie gut haben Sie die Venezianer dabei kennen gelernt? Was, würden Sie sagen, zeichnet sie besonders aus?

Nina Blazon: So ganz allgemein lässt es sich natürlich nicht in zwei Sätzen sagen – ich habe ganz verschiedene Menschen kennengelernt. Es war sehr leicht, auch engere Kontakte zu schließen. Und in so einer Stadt kennt ohnehin jeder jeden, denn man läuft sich zwangsläufig oft über den Weg. Ein typischer Gruß lautet hier deshalb sinngemäß: „Bis zur nächsten Begegnung“. Aufgefallen ist mir oft, wie viele Venezianer eine ausgeprägte Faszination für das Übernatürliche haben. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man in Venedig ganz selbstverständlich mit der Vergangenheit lebt, sie ist hier Alltag. Jeder Palazzo und sogar jede Gasse hat sein bzw. ihr Gespenst, fast jeder Einheimische kennt Geschichten über Flüche oder Geistererscheinungen. Zum Beispiel am Eingang zu den giardini publicci: Das Denkmal von Guiseppe Garibaldi wurde, so heißt es, vom Geist eines jungen Mannes bewacht, der Passanten angriff und zu Boden stieß, die der Statue zu nahe kamen. Schließlich erkannte ein Anwohner den Geist – es war ein junger Mann, der aus dem Viertel stammte und vor seinem Tod glühender Verehrer von Garibaldi gewesen war. Und es offenbar im Tod immer noch war. Der Geist fand erst Ruhe, als die Einwohner des Viertels zusammenlegten und den jungen Mann als Bronzestatue verewigten und zu Garibaldis Statue stellten. Manche Touristen wundern sich heute über diese zweite Figur.

Kinderbuch-Couch: Neben den beiden Protagonisten sind auch viele weitere Akteure in „Laqua“ sehr lebendig beschrieben – sei es der alte Cesare oder die beiden Pezzis, Luca und Pippa – gibt es für den einen oder anderen vielleicht Vorbilder aus dem wahren Leben?

Nina Blazon: Männer wie Cesare wird man in Venedig sehr oft wiedererkennen. Aber bewusst habe ich nur bei einer Person auf ein Vorbild aus dem wahren Leben zurückgegriffen: Sara (die junge Tante der Kinder) ist im echten Leben meine Freundin und Kollegin – eine gebürtige Neapolitanerin mit dunklen Locken. Einen echten Fedele gibt es in ihrem Leben übrigens auch, allerdings ist er nicht Polizist wie sein Namensvetter in »Laqua«.

Kinderbuch-Couch: Wie viel Einfluss hatten Ihre Recherchen auf den Verlauf der Geschichte?

Nina Blazon: Sehr viel! Schauplätze wie das Ospedale kamen dazu und auch die Szenen, die in San Zanipolo spielen, wurden durch den Ort inspiriert. Die alten Legenden vom kopflosen Geisterdogen und vom Ungeheuer, das in der Lagune haust, beeinflussten die Handlung und auch die Auflösung sehr stark. So kam auch die Magie ins Spiel, denn auf der Reise entdeckte ich, dass Venedig früher auch die Stadt der Alchimisten war: Wenn man genau hinschaut, entdeckt man nicht nur geflügelte Löwen, sondern auch den Hippogreif, das Symbol der Alchimie, an den Fassaden. Und noch heute finden sich Spuren der »Theriak«-Herstellung in der Stadt (direkt an der Rialto-Brücke zum Beispiel: ein goldener Kopf). Diese »Himmelsarznei«, die sogar gegen die Pest helfen sollte, hat zum Reichtum Venedigs beigetragen. Deshalb spielt sie in Laqua eine wichtige Rolle. Und auch der Makaro, das Ungeheuer, das der Legende nach in der Lagune lebt und mit seinem Atem die Stadt vernebelt, kam erst im Laufe der Recherche dazu.

Kinderbuch-Couch: Am Ende fügen sich alle Puzzleteile – sogar die gespenstisch-fantastischen – wunderbar ineinander. Haben Sie bei „Laqua“ lange „tüfteln“ müssen, damit alles zusammen passt – oder ist der Plot immer als erstes da, bevor Sie anfangen zu schreiben?

Nina Blazon: Die Grundgeschichte ist da, auch die wichtigsten „Schachzüge“, damit sich am Ende alles fügt. Bei Laqua habe ich schon viel getüftelt und Zeichnungen mit Pfeilen und Querverweisen angefertigt, damit alles gut ineinandergreift. Aber viel entsteht auch noch während des Schreibens. Zum Beispiel die Geschichte zwischen Sara und Fedele. Sie hat sich beim Schreiben weiter entwickelt, als ursprünglich geplant war – und am Ende passte das auch wunderbar zur Handlung.

Kinderbuch-Couch: Warum hat Sie gerade das Dunkle und Geheimnisvolle an dieser Stadt so gereizt?

Nina Blazon: Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich selbst Grusel- und Geistergeschichten liebe. Und wenn man im Winter durch ein nebliges, sehr stilles Venedig wandert, dann scheinen tatsächlich Geister lebendig zu werden – und diese Atmosphäre ist so schön und geheimnisvoll, dass ich sie unbedingt in einem Buch umsetzen wollte.

Kinderbuch-Couch: Stellenweise geht es ja ganz schön gruselig zu – war es schwierig für Sie, die jungen Leser dabei im Auge zu behalten und sich für die bedrohlichen Momente, eine Erzählform zu überlegen, die einerseits spannend aber andererseis auch nicht zu düster ist?

Venedig
Foto-Copyright: Nina Blazon

Nina Blazon: Meine Erfahrung ist, dass Kinder gar nicht so einfach zu verschrecken sind, sondern gerade das Gruselige sehr spannend und faszinierend finden. Aber ich habe natürlich schon sehr darauf geachtet, dass immer eine gewisse Distanz zum Bösen bestehen bleibt, dass die Fronten eindeutig geklärt sind: Wer ist hier gut, wer böse? Das muss, so glaube ich, bei einem Kinderbuch deutlich klarer strukturiert sein als etwa in einem Thriller für Erwachsene. Deshalb habe ich in Laqua für die „bösen Momente“ die Perspektive des Dogen gewählt. So ist das Buch deutlich untergliedert, die Bedrohung ist eindeutig und der Leser weiß mehr als die Figuren. Mit ihnen kann er Lösungen und Abwehrstrategien finden. In einem Roman für ältere Leser könnte man das Dunkle viel näher kommen lassen, es vielleicht in eine der „guten“ Personen schlüpfen lassen, Schwarz und Weiß durchmischen, die Grenze zwischen Gut und Böse verwischen. Aber das wäre für zehnjährige Leser zu düster und vielleicht auch zu beängstigend.
Schwierig war es nicht, darauf zu achten, nachdem ich den Rahmen für mich deutlich abgesteckt hatte.

Kinderbuch-Couch: Welche Aspekte sind Ihnen wichtig, wenn Sie für junge Leser schreiben?

Nina Blazon: Ganz allgemein gesagt: Ich lege Wert darauf, dass die Personen in meinen Büchern nie einer völligen Hilf- und Hoffnungslosigkeit ausgeliefert sind. Sie durchleben natürlich Momente größter Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, aber sie behalten stets einen Rest von innerer Stärke, der sie weiterführt, sie im innersten Kern stützt, auch wenn ihnen Schlimmes zustößt. Sie wachsen daran und gehen gestärkt aus solchen schlimmen Situationen hervor. Bei mir wird es nie ein völliges Zerbrechen einer Figur geben, ein hoffnungsloses Ende. Das mag zwar nicht immer realistisch sein, wenn man sich das „wahre Leben“ anschaut, aber eine Geschichte ist auch immer ein Begleiter, ein Gefährte auf Lebens- und Gedankenwegen, und ich finde es wichtig, dass man einem Lese-Reisenden die Hoffnung mitgibt, dass das Leben zwar auch schmerzvolle Abschnitte hat, aber dass man weitergehen kann und dass es auch schön werden kann.

Kinderbuch-Couch: Warum haben Sie als Protagonisten ein Geschwisterpaar, also Schwester und Bruder gewählt?

Nina Blazon: Ich fand, es passte einfach gut. Schwestern und Brüder haben beim Streiten einfach eine schöne Dynamik. Und ich glaube, für die Leser ist es auch ganz nützlich: So können die Jungs mit Jan mitfiebern und die Mädchen sich eher auf Kristina konzentrieren, wenn sie möchten.

Venedig
Foto-Copyright: Nina Blazon

Kinderbuch-Couch: Die entstehende Liebe zwischen Sara und Fedele wird während der ganzen Geschichte zunächst humorvoll erzählt und bekommt erst am Ende mehr Bedeutung – dennoch hatte ich nicht den Eindruck, dass es unbedingt ein „Mädchenbuch“ ist. Haben Sie bei der Entwicklung der Geschichte berücksichtigt, dass es Jungen und Mädchen gefallen sollte? Oder spielte dieser Gedanke keine so große Rolle?

Nina Blazon: Nicht bewusst, aber, wie oben schon erwähnt, ich hatte mit den Figuren Jan und Luca schon im Sinn, auch den Jungs ein paar Figuren zu bieten, die ihnen vielleicht näher sind als Kristina, Pippa und Sara.

Kinderbuch-Couch: Der Untertitel „Der Fluch der schwarzen Gondel“, aber auch der Ausgang der Geschichte lassen vermuten, dass es vielleicht eine Fortsetzung von „Laqua“ geben könnte – sind noch weitere Bände geplant?

Nina Blazon: Nein, mit Laqua beginnt und endet die Geschichte des magischen Lagunenfluchs.

Kinderbuch-Couch: Wären Sie so nett uns zu verraten, woran Sie derzeit arbeiten und welche Projekte Sie in Zukunft planen?

Nina Blazon: Das nächste Fantasy-Buch wird wieder etwas für ältere Leser ab 14, ich arbeite mich gerade darin ein, die Figuren auf eine lange gefährliche Reise zu schicken, die sie auch in das Reich der Toten führen wird. Es wird also noch einmal gruselig werden. Und ansonsten gibt es noch einige Ideen für Kinderbücher und Krimis in der Schublade.

Kinderbuch-Couch: Vielen Dank für das Interview.

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