Interview mit Nina Petrick

Für die Kinderbuch-Couch: Karin Hahn

Nina Petrick

Nina Petrick lebt mit ihrer Familie in Berlin-Schöneberg. Nach dem Germanistik- und Kunstgeschichtsstudium arbeitet sie seit 12 Jahren als Autorin für verschiedene Verlage ( dtv – Die unglaubliche Fledermaustante, Charlie und die Halstuchbande, Charlie und die Diamantenräuber, Boje Verlag – Prinzessin für einen Tag, Luzies zweite Chance u.a.). Außerdem schreibt sie regelmäßig Geschichten für die Rundfunksendung „Ohrenbär“, sie bietet Schreibwerkstätten an und geht auf Lesereisen. Wer mehr über Nina Petrick und ihre Bücher wissen möchte, sollte sich ihre Website anschauen: www.nina-petrick.de.

Die Berliner Autorin vertieft sich gern in Kinderbücher, ob es nun aktuelle Neuerscheinungen oder die Klassiker von Erich Kästner sind. Vor 60 Jahren erschien sein Kinderroman „ Das doppelten Lottchen“. In „Zweimal Marie“ nimmt Nina Petrick die Kästnersche Grundidee auf, denkt sich aber eine völlig neue Handlung über getrennte, eineiige Zwillinge in den beiden damaligen deutschen Staaten aus.

Ich baue immer Autobiographisches ein, auch wenn ich für kleinere Kinder schreibe oder für Jugendliche, was ich erlebt habe, ein schönes oder trauriges Gefühl fließt sowieso immer mit ein …Nina Petrick

Kinderbuch-Couch: Ein wichtiges Datum: 20 Jahre Mauerfall. War das Kinderbuch „Zweimal Marie“ eine Auftragsarbeit vom Tulipan-Verlag oder wolltest du gern über diese Zeit schreiben?

Nina Petrick: Nein, ich wollte schon immer eine Trennungsgeschichte schreiben. Ich habe beobachtet, dass in meinem Umfeld und in der Klasse meiner Tochter viele Kinder in Patchworkfamilien oder nur mit einem Elternteil leben und so entstand die Idee, dieses Thema aufzugreifen. Da ich Erich Kästner gern lese, bot sich sein „Doppeltes Lottchen“ an, aber es gibt ja in der Weltliteratur noch mehr Beispiele, in denen es um getrennte Zwillinge geht. Aber mir hat dieser Ausgangspunkt gefallen. Es war auch sehr knifflig sich eine gut gebaute Handlung auszudenken, die den Leser überzeugt.

Kinderbuch-Couch: In deinem Buch taucht das Kinderbuch von Erich Kästner nur indirekt auf, die Mädchen erinnern sich an die Geschichte vom Rollentausch der Zwillinge. Wie wichtig ist Erich Kästner für dich?

Nina Petrick: Ich mag Erich Kästner sehr gerne und habe ihn als Kind auch viel gelesen, alle Bücher eigentlich mehrmals und habe dann später auch meiner Tochter alle Kästner-Bücher vorgelesen. Im Studium haben wir uns dann intensiv mit seiner literarischen Arbeit beschäftigt und da störte dann doch diese moralische Haltung. Aber sein Gerechtigkeitssinn überzeugt mich heute immer wieder. Und wie aktuell er weiterhin ist, dass zeigt ja auch „Das doppelte Lottchen“.

Kinderbuch-Couch: Dein Buch endet mit dem Mauerfall vor 20 Jahren, Anne und Maries Familien werden sozusagen wiedervereinigt. Wie hast du diese Zeit erlebt und war es schwer sich zurück zu erinnern?

Nina Petrick: Das war nicht so schwer, weil ich die Zeit sehr bewusst erlebt habe. Vor 20 Jahren habe ich noch studiert, habe in Westberlin gelebt und natürlich hat es sich schon abgezeichnet, wenn man die Nachrichten gehört hat, dass irgendetwas passieren wird. Aber wirklich damit gerechnet, dass jetzt die Mauer fällt, hat man nicht. Und ich habe bis spät abends gearbeitet und dann den Fall der Mauer verschlafen. Erst am nächsten Tag habe ich die Trabis gesehen. Das war verrückt, aber alle haben sich gefreut. Auf einmal konnten wir ohne große Anträge nach Ostberlin spazieren. Wir in Westberlin mussten ja schriftliche Anträge stellen, die bewilligt werden mussten, die Westdeutschen konnten ja mit ihrem Pass einfach jederzeit nach Ostberlin oder in die DDR, wir nicht, und das war schon ein tolles Gefühl.

Meine Kinderbücher, z.B. von Peter Härtling wurden immer einkassiert, weil die nicht erwünscht waren in der DDR und Stofftiere wurden abgetastet als hätte man da sonst was drin geschmuggelt. Nina Petrick

Kinderbuch-Couch: Und kannst du dich erinnern wie es als Kind war, von Westberlin aus in die DDR zu fahren?

Nina Petrick: Ja, meine Eltern sind Künstler und wir hatten so ein Auto, das denen immer verdächtig vorkam und wir wurden immer rausgewunken. Das ganze Auto wurde durchsucht. Meine Kinderbücher, z.B. von Peter Härtling wurden immer einkassiert, weil die nicht erwünscht waren in der DDR und Stofftiere wurden abgetastet als hätte man da sonst was drin geschmuggelt. Meine Eltern fanden das absolut erniedrigend, ich habe das gar nicht verstanden, was das eigentlich sollte. Fand es aber auch schrecklich. Als Kind fiel mir auf, dass es bei meiner Oma in Thüringen schon viel weniger gab. Die Leute waren ärmer, aber sie wirkten nicht unglücklich. Man hatte das Gefühl, es gibt einen tollen Zusammenhalt, der vielleicht auch aus der Not heraus entstanden ist.

Kinderbuch-Couch: Wie weit fließen auch autobiographische Details in den Roman ein?

Nina Petrick: Ich baue immer Autobiographisches ein, auch wenn ich für kleinere Kinder schreibe oder für Jugendliche, was ich erlebt habe, ein schönes oder trauriges Gefühl fließt sowieso immer mit ein. Nun habe ich zwar keine Geschwister und meine Eltern haben sich nicht getrennt, aber hier habe ich mir einfach vorgestellt, wie ist es, wenn man als Kind aus Ostberlin kommt, wo ich selber als Kind eben auch war, weil meine Oma in Thüringen gewohnt hat. Wir waren auch öfter in Ostberlin und ich habe sehr bewusst diesen Gegensatz erlebt. Dieses triste Ostberlin, auch wenn da schöne Altbauten standen, die Fassaden waren grau, die Straßen waren leerer, es war im Winter auch sehr kalt, da die Straße sehr, sehr breit sind, es gab weniger Bäume. Der Gegensatz dann dazu Hamburg, diese reiche, weiße Stadt, mit den Luxusautos, den Geschäften, wo einfach alles da ist. Also das ist schon autobiographisch gewesen.

Kinderbuch-Couch: In „Zweimal Marie“ spielt das Leben der Thälmannpioniere eine wichtige Rolle. Wie hast du recherchiert?

Nina Petrick: Ich habe viele Leute befragt, die in der DDR aufgewachsen sind und in meinem Alter oder älter sind und sich an die Zeit noch gut erinnern können. Dann habe ich viel im Internet gegoogelt, viel gelesen und habe mir dann ein Bild zusammengesetzt. Das hat mich doch lange beschäftigt und ich hoffe auch, dass alle Fakten stimmen. Obwohl natürlich die Zwillingsgeschichte im Vordergrund steht, die Hintergrundinformationen müssen korrekt sein.

Kinderbuch-Couch: Marie und Anne ahnen nicht, in welche Gefahr sie ihre Familien und sich selbst beim Rollentausch bringen?

Nina Petrick: Nein, das ist ihnen gar nicht bewusst, dass sie zwei Welten tauschen. Also einerseits kriegen sie ja mit, okay, es gibt die Mauer, die teilt nicht nur Berlin als Stadt, die teilt wirklich Deutschland in zwei Welten und ihnen ist in der Tat gar nicht so bewusst, dass sie, wenn sie wollten, gar nicht so ohne weiteres zurück könnten. Dass es Probleme gibt. Das denke ich, ist für Zehnjährige glaubwürdig, für Dreizehnjährige wäre es natürlich nicht mehr glaubwürdig.

Kinderbuch-Couch: Um für Kinder zu schreiben, erinnert man sich sicher an seine eigene Zeit als Kind, aber Kindheit heute ist ja ganz anders. Belauschst du auch mal deine Tochter und ihre Freunde?

Nina Petrick: Das wird sie mir später irgendwann vorhalten, aber ich höre da schon gut zu, weil Schriftsteller wie ein Schwamm sind und alles aufsaugen. Aber ich schreibe selten eins zu eins dann ganze Sätze auf, sondern es sind eher einzelne Worte, die wie so ein Stichwort sind, um darum dann eine Geschichte zu spinnen.
Ich denke, das hat auch Erich Kästner mal gesagt, man muss nur an das Kind denken, das man selber einmal war und sich zurück erinnern. Dann fällt einem auch wieder viel ein, was einem als Kind gefallen hat oder was einen gestört hat.

Kinderbuch-Couch: Für deinen ersten Roman „Die Regentrinkerin“ für Leser ab 14 Jahren hast du den Peter-Härtling-Preis erhalten. Jetzt, so ist mein Eindruck, schreibst du doch lieber für jüngere Leser?

Nina Petrick: Ja, das hat sich so ergeben. Absurderweise habe ich erst für Erwachsene geschrieben, da habe ich richtig im Stücke-Theater eine Lesereihe geleitet mit Tanja Dückers, die damals nur Lyrik geschrieben hat. Und dann hatte ich auf einmal Lust, ein Jugendbuch zu schreiben und habe irgendwie die Idee gehabt, über ein melancholisches Mädchen zu schreiben. Witzigerweise heißt sie auch Anne, wie das Mädchen aus „Zweimal Marie“. Dann habe ich neben dem Jobben und Studieren geschrieben, habe von dem Peter-Härtling-Preis erfahren und das Manuskript eingereicht. Ich hatte mir ein Jahr gegeben, um als Autorin zu landen und das hat geklappt. Ich habe vier Jugendbücher geschrieben. Aber dann habe ich entdeckt, es ist auch so spannend für Kinder zu schreiben, obwohl ich diese Trennung so ein bisschen schwierig finde, weil eigentlich schreibt man ja für Leser. Ich finde es als Erwachsener auch sehr interessant Kinderbücher zu lesen. Ich habe das gar nicht bewusst entschieden, das hat sich auch aus dem ergeben, was ich gern erzählen wollte.

Kinderbuch-Couch: Gibt es Themen, die dich immer wieder beschäftigen?

Cover von Zweimal Marie

Nina Petrick: Ich schreibe gern über Themen, die auch in der Erwachsenenliteratur eine Rolle spielen. Immer wieder geht es auch um Liebe und Freundschaft oder Verlust von Freundschaft. Wichtig ist mir auch Freundschaft in der Pupertät, Menschen die durch die Pupertät gehen, sich verändern, entwickeln, das finde ich eine spannende Zeit. Und dann die Fantasiephase, dieses Alter, wo man sich noch alles vorstellen kann, diese Zeit, in der Kinder noch nicht so vernünftig – ach, das ist so ein komisches Wort- ich meine die Zeit, wo die Kinder noch nicht so eingetaktet sind und vieles noch offen ist und sie an so vieles noch glauben.

Kinderbuch-Couch: Aufgefallen ist mir auch, dass in deinen Geschichten oft Mädchen im Mittelpunkt stehen?

Nina Petrick: Das wirkt wahrscheinlich so, aber das möchte ich eigentlich gar nicht. Ich würde eigentlich gern für Leser schreiben.

Kinderbuch-Couch: Im Band „Charlie und der Diamantenräuber“ sind auch Passagen in englischer Sprache eingefügt. War das deine Idee oder eine Vorgabe des Verlages?

Nina Petrick: Das war schon meine Idee, weil ich dachte, wenn die Kinder nach New York fliegen, wirkt es merkwürdig, wenn sie nur deutsch sprechen. Wir haben dann viel hin und her überlegt, wie wir das machen. Wie wollten auch nicht, dass der Englischanteil dann zu groß wird, weil die Kinder in der vierten Klasse ja erst zwei Jahre Englisch haben. Vieles erklärt sich auch aus dem Kontext und die schwierigen Worte finden sich übersetzt am jeweils unteren Rand.

Kinderbuch-Couch: Werden die Charlie-Bände fortgesetzt?

Nina Petrick: Von mir aus schon, aber es soll keine Reihe werden, sondern eher ein Einzeltitel. Es gibt Reihen, die sind so schnell runtergeschrieben. So soll das nicht sein. In das Charliebuch habe ich viel Arbeit investiert, für die Recherche und ich würde auch gern wieder ein neues Charliebuch schreiben. Einen Krimi.

Kinderbuch-Couch: Verfolgst du die aktuellen Trends, die sich im Kinder- und Jugendbuchmarkt abzeichnen?

Nina Petrick: Ja, natürlich. Ich bin nicht dabei, eine Vampirgeschichte zu schreiben (lacht), aber klar, ich verfolge Trends. Ich lese auch ganz viele Kinderbücher, ich schreibe aber schon das, was ich schreiben möchte. Ich habe auch eine Hexengeschichte geschrieben, die bei „Ohrenbär“ gelaufen ist und auch bei Tulipan erscheinen wird, denn dieses Thema hat etwas zeitloses. Hexengeschichten gibt es und wird es immer geben.

 

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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