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Buchcover: Oliver Jeffers: Die Hugis - Der neue Pullover

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Hugis - Der neue Pullover von Oliver Jeffers

erschienen bei NordSüd

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

Alle Hugis sehen gleich aus: schwarz-weiße Kopffüßler-Strichmännchen mit dünnen Armen und Beinen und lustigen Gesichtern. Alle Hugis machen das Gleiche, alle denken das Gleiche. Ergebnis: alles in allem ist bei den Hugis alles ziemlich fad. Dann strickt sich einer von ihnen einen Pullover in knalligem Orange. Und nach und nach machen ihm die anderen Hugis es nach.

Die Hugis, das sind mit weichem Kohlestift gezeichnete Strichmännchen mit rundem Kopf, dickem Bauch und dünnen Ärmchen und Beinchen. Alle sehen gleich aus, wie weiße Eier auf Beinen und mit Gesicht. Dann strickt sich einer der Eierköppe – Rupert – einen Pullover in fast schmerzhaft knalligem Orange mit roten und weißen Zickzacklinien als Muster. Damit fällt er bei seinen gleichgeschalteten, gleichförmigen Verwandten, Freunden und Bekannten natürlich auf – unangenehm. Hugis mögen es offensichtlich nicht, wenn einer so ganz anders ist. Nur Ruperts Freund Gil schwankt. Er findet das Anderssein eigentlich ganz interessant und beschließt, sich auch so einen Pullover zu stricken. Das macht noch ein Hugi nach, dann noch einer und noch einer – und am Ende haben alle einen Pullover. Alle den gleichen: in schmerzhaft knalligem Orange mit rot-weißem Zickzackmuster. Die Hugis sind begeistert: alle sind sie jetzt anders! Auf der vorletzten Seite setzt Rupert sich dann einen Hut auf; und auf der allerletzten sind einige kunterbunte Hugis zu sehen: mit Federstola, Zipfelmütze oder Motorradhelm.
Eine nette Geschichte.

Der Klappentext jedoch überschlägt sich mit Ausrufezeichen und Superlativen. Das Buch ist groß, quadratisch, mit festem Einband; außer handtellergroßen Hugis und riesigen Buchstaben ist auf den Seiten nicht viel. Der Text ist wenig, die Worte wirken, als wollten sie gewählt und bedeutsam klingen: „Hatte Rupert vergessen, dass alle Hugis gleich sein sollten?“; „Anderssein setzte sich durch....“; „Keiner war mehr gleich.“ Auf gut deutsch: Die Hugis machen ordentlich Tamtam. Das weckt Erwartungen. Beim Kind, das am Ende mit großen Augen fragt, wann denn die Geschichte endlich losgeht. Und bei den erwachsenen Vorlesern: Was ist die Botschaft? Irgendwie wird sie mit Anderssein und Individualität, Toleranz und Anpassung zu tun haben, das steht fest. Aber wie genau?

Anderssein ist besser? Kleider machen Leute, Hüte Persönlichkeit? Wenn alle gleich anders sind, sind alle zwar anders als vorher, aber immer noch gleich? Fühlen sie sich nur individuell, ohne es zu sein? So wie die Menschen, die sich einzigartig fühlen, nach dem sie stundenlang mit hunderten anderen vor einem Trend-Store ausgeharrt haben, um das allerneusten Life-Stile-Artikel zu ergattern. All diese schon fast philosophischen Facetten klingen in der Geschichte an, ohne dass sich die Hugis plakativ auf eine festlegen würden. Das ist klasse gemacht.

Nur: wie vermittelt man das einem Kindergartenkind, das auf eine spannenden Geschichte aus ist? Wahrscheinlich gar nicht.
Entwicklungspsychologen sagen, für Kinder im Alter der Zielgruppe ist Dazugehören beinahe überlebenswichtig. Jeden Tag den gleichen roten Bärchen-Pulli anzuziehen, aus der gleichen Tasse zu trinken und das gleiche Puzzle zu machen ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Allenfalls das Gefühl, gehänselt zu werden, kennen sie, wenn sie beim Kinderturnen als einiger im „falschen“ Fußball-Trikot ankommen. Und Ironie verstehen sie schon mal gar nicht. Kindern in dem Alter ist einfach nicht ersichtlich, wo genau der Witz an der Geschichte sein soll. Strickende „Eierköppe“ halt – die sie allerdings sehr lustig finden.

Ältere Kinder, so gegen Ende der Grundschulzeit, interessiert das Thema schon deutlich mehr. Aber dann schauen sie natürlich keine Bilderbücher mehr an.
Also: wer nicht gerade eine kleine pädagogisch-philosophische Projektarbeit über Anders- und Gleichsein mit diesem Buch und seinem Kind einlegen will, begnügt – und vergnügt – sich damit, diese strickenden „Eierköppe“ anzuschauen: wie sie vor Freude die Arme werfen, die Beinchen schleudern, manierlich die Tasse an die Lippen setzen und einen Tee schlürfen, wie sie ein Liedchen pfeifen, ihre Katzen ausführen, Wollknäuel herbeischaffen, mit voller Konzentration und zwischen die Zähne geklemmter Zunge ihre Pullover stricken.

Die Hugis sind als Serie angelegt, die nächste Folge ist in Vorbereitung: Streit und Versöhnung soll das Thema sein, der Titel: „Ich war´s nicht.“ Das klingt schon mehr nach einem Thema für Kindergartenkinder. Wer die Hugis mag, darf sich also darauf freuen.

Fazit:

Oliver Jeffers macht uns in dieser ersten Folge mit der Welt seiner Hugis bekannt. Inhaltlich ist die Geschichte für kleine Kinder überladen – und damit etwas fad. Die Hugis an sich aber sind sind klasse: schlichte „Eierköppe“ mit ausdrucksstarker Mimik.

Sigrid Tinz

 

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