Alle Kinder lernen lesen …

 …aber vom Buchstabieren bis zum „Bücher-Verschlingen“ ist es ein weiter Weg. Welche Bücher die richtigen Begleiter sein können, hat Sigrid Tinz in diesem Special zusammengestellt

„Alle Kinder lernen lesen...“ – dieses Lied wird an vielen ersten Schultagen gesungen. Manche Kinder können es schon ein bisschen, die meisten lernen es in den ersten Wochen und Monaten ihres Schülerlebens nach und nach. Kennen die Buchstaben, können Wörter entziffern und sind fasziniert davon. Allerdings bleibt es auch lange nur Entziffern: denn wer gerade Lesen lernt, spricht sich anfangs Laut für Laut vor, gleicht das ab mit den Wörtern, die er so kennt. Und weil Deutsch keine lautgetreue Sprache ist das „s“ in „sch“, „sp“ oder „st“ klingt jedes Mal ein bisschen anders muss immer noch ein bisschen nachgebessert werden. Selbst wenn das Kind nach einiger Zeit recht flüssig buchstabieren kann, versteht es oft noch nicht viel vom dem Gelesenen, weil für das Entziffern ein großer Teil der gedanklichen Kapazität benötigt wird. Bis dieser ganze Vorgang automatisiert ist, dauert es mal länger, mal kürzer.

Interessante Sachbücher oder spannende Pferde-Romane lassen sich bis dahin nicht knacken und Freude macht es vielen Kindern auch noch nicht so richtig.
Genau das ist aber wichtig in der heutigen Zeit, in der Lesen-Können für das weitere Leben nötiger zu sein scheint denn je; in der man andererseits all die Freuden des Lesens wie Information, Entspannung, Amüsement, Fantasie-Reisen über Internet, Fernsehen und andere Medien viel einfacher haben kann. „Lesen muss also schön sein, damit die Kinder es gerne machen“, sagt der Literaturprofessor Peter Conrady, der sich sein Wissenschaftlerleben lang mit dem Thema Lesenlernen beschäftigt hat und mit ihm sind sich die meisten Experten einig, die sich mit dem Thema Leseförderung beschäftigen.

Wichtig ist zum Beispiel in dieser Phase, dass das Kind weiter vorgelesen bekommt, nach den Hausaufgaben oder vor dem Schlafengehen. Dann verblasst das Gefühl nicht, dass Bücher etwas Schönes sind. Ein Tipp ist auch, seinem Kind zu erlauben abends noch eine halbe Stunde im Bett zu lesen, dann, wenn eigentlich schon Schlafenszeit ist. Das darf das Lieblingsbilderbuch sein, ein Wendyheft oder der neue Legokatalog Hauptsache es sind Buchstaben drin.

Oder eines der sogenannten Erstlesebücher, die wir uns in diesem Special genauer anschauen. Viele, viele, viele gibt es und nicht wenige haben wir in den vergangenen Jahren besprochen, einige auch ganz neu in diesem Monat. Sie sind jeweils im Text verlinkt und ganz unten finden Sie noch weitere Titel.

Erstlesebücher

Den Anfang machte vor vierzig Jahren der Loewe-Verlag: den Begriff „Leselöwe“ kennen viele heutige Eltern bestimmt noch aus der eigenen Kindheit, es ist so etwas wie das Synonym für Erstlesebuch. War, muss man vielleicht sagen. Denn mittlerweile haben die meisten Kinderbuchverlage Titel und Reihen im Programm, unter Namen wie „Büchersterne“, „Loslesen“, „ABC“ oder „Lesemaus“; und immer neue kommen hinzu: allein in der Ravensburger Reihe „Leserabe“ sind es mehr als 20 Titel in diesem Jahr und beim Verlag Dorling Kindersley gibt es seit Sommer 2015 eine neue dreistufige Reihe. Alte Titel werden neu aufgelegt und in Sammelbänden zusammengefasst.

Da kann man als normale Mutter oder als normaler Vater auf der Suche nach dem passenden Buch fürs eigene Erstlesekind schon mal den Überblick verlieren: Bildermaus, Lesetiger, Lesepirat, in normal oder als Champion, buchstabengetreu geschrieben oder nach der Mildenberger Silbenmethode abwechselnd in rot-schwarz gedruckt? Ist das 2. Lesealter bei einen Verlag das gleich wie die 2. Lesestufe beim anderen und beides das gleiche wie 2.Klasse? Und sind Erstleser absolute Anfänger, Buchstabierer, sozusagen, oder die, die schon ein bisschen was können und jetzt richtige Geschichten brauchen? Fast könnte man den Verdacht bekommen, all diese Bücher dienten vor allem dazu, verunsicherten, engagierten Eltern, die ihr Kind gut und gezielt fördern wollen, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und was ist überhaupt der Unterschied zu einem normalen Kinderbuch?
Sagen wir es mal so: Natürlich wollen die Verlage Geld verdienen, das ist ja ihr Geschäft. Aber das heißt nicht, dass Erstlese-Bücher schlecht sind. Im Gegenteil. Viele sind sowohl inhaltlich auf die Altersgruppe abgestimmt, als auch didaktisch so, dass Leseanfänger damit lesen lernen können. Wobei es auch umgekehrt gilt: Bücher, auf denen nicht Erstlese-Buch drauf steht und die auch definitiv keine sind, funktionieren trotzdem für Erstleser. Mein kleiner Erstleser-Sohn hat mit den Comics von Asterix und Obelix lesen gelernt. Wir haben ja schließlich auch alle Lesen gelernt ohne Leseraben und Bildermäuse und Silbenmethoden. (Wie und womit, das können Sie in der kleinen Redaktionsumfrage sehen.)

Nicht immer ist drin, was drauf steht

Aber auch das ist so: nicht immer ist wirklich ein anfängergeeignetes Erstlesebuch drin, wo Erstlesebuch draufsteht. Manche Verlage meinen mit großer Schrift, bunten Bildern und schlichtem Inhalt sei der Sache genüge getan; das finden dann aber viele Kinder langweilig, denn mit 20 Sätzen lassen sich keine spannenden Abenteuergeschichten oder Kriminalfälle erzählen. Nur weil sie noch nicht lesen können, sind sie ja keine Babys mehr. Andere Verlage achten sehr auf den literarischen Wert, auf fantasievolle Sprache, innovative Illustrationen was einen Erstklässler in der Buchstabier-Phase schlicht überfordern kann. Das kann durchaus problematisch werden: so manches Kind ist frustriert, seine Eltern irritiert oder umgekehrt wenn das Lesen noch nicht mal mit einem extra Leselernbuch klappt.

Die meisten Verlage allerdings haben bestimmte Kriterien für ein didaktisch gut gemachtes Erstlesebuch, an die sich die Autoren halten müssen. Die wichtigsten Kriterien können und sollten Eltern selber prüfen: sind die Wörter einsilbig und mit wenig „ä“, „au“, „ei“ oder „sch“? Bildet jede Zeile eine abgeschlossene Sinneinheit? Ist der Text linksbündig? Gibt es auf jeder Seite Bilder und laufen die gut mit dem Text mit, nehmen also weder dessen Inhalt vorweg noch widersprechen sie ihm? Wichtig kann auch sein, dass ein Buch oder eine Geschichte direkt mit der Handlung startet. Die Kinder wollen und sollen ihre halbe Stunde Kraft und Konzentration nicht darauf verwenden, sich durch seitenlange Vorwörter oder Landschaftsbeschreibungen zu puzzeln.

Jedes Kind ist anders

Allerdings: „die“ Kinder zu sagen ist eigentlich falsch. Jedes Kind ist anders. Das eine mag bunte und niedliche Bilder, das andere spannende Action. Eines mag Pferde, aber keine fiesen Witze und umgekehrt, eines hat Spaß, sich Wörter und Bücher regelrecht zu erobern, wenn es dafür zum Beispiel mehr über seine leidenschaftlich verehrten Fußballer erfährt, das andere verliert Mut und Motivation schon beim kleinsten Stolpern.

Das eine Buch, das alle Kinder gerne lesen und gut lesen können, vom münsterländischen Bauernsohn bis zum Neuköllner Mädchen mit türkischen Wurzeln, gibt es nicht. Deswegen ist der wichtigste Rat auch, zusammen mit seinem Kind die Lektüre zu besorgen. Und nicht einfach eines zu bestellen, das die Lehrerin (oder die Kinderbuch-Couch) empfohlen hat. In der Buchhandlung oder in der Bibliothek kann das Kind hineinblättern. Leihen ist übrigens noch besser als kaufen. Denn oft macht das Lesenkönnen sprunghafte Fortschritte, und was letzte Woche noch toll war, ist auf einmal zu leicht, zu kurz, zu groß geschrieben.

Dann muss schnell Nachschub her und ob die abgelegten Bücher in vier Jahren dem kleinen Bruder oder dem Nachbarskind gefallen, das weiß dann noch keiner.

Und hier ein kleiner Überblick über die verschiedenen Erstlese-Buchtypen

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