Beatrix Potter Garden & Exhibition

Auf meiner Reise durch Schottland in diesem Sommer habe ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, das Beatrix-Potter-Museum in Perthshire am schönen Fluss Tay zu besuchen, der nicht nur die berühmte Kinderbuch-Autorin und -Illustratorin Beatrix Potter verzaubert hat, sondern auch mich.

Beatrix Potter Garden and Exhibition
Foto-Copyright: Kinderbuch-Couch.de

Beatrix Potter – Die Pionierin

Auch wenn der Name dieser Ausnahmefrau – denn das war sie ohne Frage zu ihrer Zeit – einigen nicht geläufig sein dürfte, den kleinen Hasen namens „Peter Rabbit“ (Peter Hase) in seiner blauen Jacke kennt wahrscheinlich jeder.

Doch bis es zu ihrem unerwarteten Durchbruch mit ihren unverwechselbaren Charakteren kam, hatte Beatrix Potter mit vielerlei Hindernissen zu kämpfen; zum einen war es in der viktorianisch geprägten Zeit vollkommen neu für Kinder zu schreiben – noch dazu auf eine Weise, indem Tiere in ihrer Natürlichkeit so „vermenschlicht“ wurden, wie Beatrix Potter es in ihren Geschichten und Illustrationen getan hat.

Dass sie Tiere auf diese Weise gesehen hat ist nachvollziehbar, waren sie doch ihre einzigen Freunde und „Bezugspersonen“. Gut behütet, in einem wohlhabenden Elternhaus der Oberschicht, waren ihre Eltern – so war es damals Tradition in den besseren Häusern – mehr mit Aufenthalten im Club oder mit Besuchen bei Persönlichkeiten von gesellschaftlichem Rang beschäftigt.

Beatrix Potter Garden and Exhibition Foto-Copyright: Kinderbuch-Couch.de

Nicht nur ihre beiden Kaninchen „Benjamin Bouncer“ und schließlich „Peter Rabbit“ wurden heimlich in einer Papiertüte ins Haus geschmuggelt – auch Frösche und Molche haben schon die junge Beatrix fasziniert, wie alles, was die Natur hervorbringt. Schon an den Namen, den sie ihren Kaninchen gegeben hat, erkennt man, dass sie für Beatrix, die ansonsten nur von Dienstboten und Gouvernanten umgeben war, Individuen mit ganz eigenen Charaktereigenschaften waren.

Bei den jährlichen Sommerurlauben der Familie in Schottland und im Lake District, streifte sie stundenlang durch die Natur und ersann erste Geschichten, zeichnete Tiere und Pflanzen in ihrer Umgebung – und das mit großer Hingabe. Beatrix Potter war schon in sehr jungen Jahren eine ausgesprochen gute Beobachterin und führte bereits im Alter von 16 Jahren Tagebücher in eigener Geheimschrift – bis zu ihrem 30. Lebensjahr. Es dauerte viele Jahre, bis die Geheimschrift entschlüsselt werden konnte und die Tagebücher im Jahr 1964, mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod, veröffentlicht wurden.

Das zweite und viel größere Hindernis war das Frauenbild der viktorianischen Zeit. Eine junge Dame gehörte damals in den Haushalt und verheiratet und durfte keinesfalls eine berufstätige Frau sein, die Karriere machte. Gerne hätte sie studiert, aber auch das war Frauen in der damaligen Zeit – Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts – verwehrt. Als Tochter aus besserem Hause war es ihr umso weniger gestattet, auf eigenen Beinen zu stehen – geschweige denn als Autorin zu arbeiten und ihr eigenes Geld zu verdienen.

Beatrix Potter Garden and Exhibition Foto-Copyright: Kinderbuch-Couch.de

Kennt man diese Hintergründe, muss man ihre Willens- und Durchsetzungskraft umso mehr bewundern. Zumal es, wie eingangs erwähnt, vollkommen ungewöhnlich war, Literatur für Kinder zu schreiben – und zwar in einer Weise, die nichts will, sondern sie unterhält und amüsiert. Die Kinderliteratur der damaligen Zeit war eher die des erhobenen Zeigefingers und nicht unbedingt ein Vergnügen für Kinder. Umso größer war die Begeisterung angesichts Potters so detailverliebten, ja regelrecht lebendig wirkenden Darsteller.

Beatrix Potter – Die Wissenschafterin und Künstlerin

Zahlreiche Zeichnungen von Flechten, Blättern, Wurzeln mit erstaunlichen Details konnte ich in den Vitrinen des Beatrix Potter Museums bewundern. Sie zeigen nicht nur, dass sie eine sehr kompetente Naturforscherin und Biologin war, sondern auch eine sehr begabte Künstlerin. Mit kaum zu übertreffender Genauigkeit fing sie jene Prozesse ein, die erstmals bewiesen, dass Flechten ein symbiotisches System zwischen Algen und Pilzen bilden. Zur damaligen Zeit gab es keine mikroskopische Fotografie und somit war die genaue zeichnerische Darstellung der einzige Weg, diesen Prozess zu dokumentieren.

Der Versuch ihres Onkels, Sir Henry Enfield Roscoe, sie als Studentin an den Royal Botanic Gardens anzumelden, schlug fehl. Obwohl Beatrix Potter allgemein als Expertin für Pilze, bzw. die Keimung von Sporen galt, wurde auch hier keine Ausnahme im gesellschaftlichen Regewerk gemacht. Ihre herausragende Arbeit in diesem Fachgebiet wurde von ihrem Onkel im Jahr 1897 der Linnean Society of London vorgestellt (Frauen waren auch hier nicht zugelassen). Erst im Jahr 1997 sprach die Gesellschaft eine offizielle Entschuldigung aus.

Beatrix Potter Garden and Exhibition Foto-Copyright: Kinderbuch-Couch.de

Ihre Fähigkeit, genau zu beobachten und ebenso exakt wie lebensecht zu dokumentieren, nutzte sie schließlich für ihre „Freunde“. Namentlich waren und sind dies – denn sie haben beinahe ein ganzes Jahrhundert überdauert wirken noch immer allzu lebendig – Jeremias Quaddel, Timmy Triptrap, Schweinchen Softie, Tiggy-Wiggel, Flopsi-Häschen, Jemima Pratschel-Watschel, Eichhörnchen Nusper und viele andere.

Doch es war zunächst ihr Bruder, der sie im Jahr 1890 dazu ermutigte verschiedene Karten mit ihren Zeichnungen an den Verlag „Hildesheimer und Faulkner“ zu schicken. Der Verlag hatte sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Karten spezialisiert, nicht auf das Verlegen von Büchern – schon gar nicht von Kinderbüchern. Sie rechnete kaum damit, aber dem Verlag gefielen ihre niedlichen Tiere und er erteilte ihr den Auftrag, weitere Karten herzustellen; so erhielt sie ihr erstes, wenn auch bescheidenes Honorar als Illustratorin; es war die eine erste Anerkennung ihres Talents von Außen und wohl die „Initialzündung“ weiter zu machen.

Beatrix Potter – Die Schöpferin zeitloser Kinderliteratur

Da es damals noch gar keinen Markt für Kinderliteratur gab (schon gar nicht für eine weibliche Autorin), beschränkte sich Beatrix Potter zunächst darauf, ihre Geschichten für sich selbst zu schreiben und zu zeichnen. Als jedoch der Sohn einer ehemaligen Gouvernante erkrankte, schickte sie ihm eine ihrer Geschichten zur Aufmunterung – das war im Jahr 1893 und Beatrix Potter war 27 Jahre alt – und es war der Beginn ihrer Karriere als Kinderbuch-Autorin. Der kleine Junge und seine Mutter waren so begeistert von der „Geschichte von vier kleinen Kaninchen“, dass es schnell die Runde machte. Schon am folgenden Tag schickte Beatrix Potter dem Bruder des Jungen eine weitere Geschichte, und zwar der erste Entwurf zu „Jeremy Fisher“.

Beatrix Potter wurde bei der Erschaffung eines neuen Charakters von vielen Menschen in ihrer Umgebung beeinflusst, dies ist jedoch zweifellos als Kompliment anzusehen, denn sie erschaffte stets liebenswerte Charaktere. So basierte der Charakter der Igelin „Mrs. Tiggy Winkle“ auf Kitty Macdonald, der Waschfrau ihres Heimatortes. In der Geschichte von „Peter Rabbit“ war es der Naturwissenschaftler und Potters Förderer Charles McIntosh, der sie zu der Figur des Gärtners „Mr. McGregor“ inspirierte. Charles McIntosh war Beatrix Potter stets eine Quelle der Inspiration und Ermunterung, er vermittelte ihr viel von seinem großen wissenschaftlichen Hintergrund.

Beatrix Potter Garden and Exhibition Foto-Copyright: Kinderbuch-Couch.de

Wie ich anhand der vielen Ausstellungstücke und Originalzeichnungen im Beatrix-Potter-Museum selbst bewundern konnte, feilte sie so lange an den Details ihrer Zeichnung herum, bis sie die ureigene Natur eines Lebewesens eingefangen hatte; gleichzeitig verlieh sie ihren Schützlingen aber auch immer eine sehr menschliche Note.
Ihre „Arbeitsschritte“ sind am Beispiel eines Kaninchens gut nachzuvollziehen. Langsam löste sie sich von den naturalistischen Zeichnungen hin zu ihrer eigenen Interpretation, die im Endergebnis den unverwechselbaren Charakterdarsteller Peter Hase zeigt.

Da Beatrix Potter zunächst keinen Verleger für ihre Geschichten fand, ließ sie „Peter Rabbit“ in einer Auflage von 250 Exemplaren zunächst auf eigene Rechnung drucken. Die meisten verschenkte sie und feuerte dadurch die Begeisterung der Kinder noch mehr an.

1902 erschient „The Tale of Peter Rabbit“, verlegt von „Frederick Warne & Company“. Sie fanden so reißenden Absatz, dass alle 8000 Exemplare – damals eine unvorstellbar hohe Auflage für ein Kinderbuch! – noch bevor der Titel in den Handel gelangen konnte, vergriffen war. Diesem unverhofften Durchbruch folgen dann das Eichhörnchen Nusper (The Tale of Squirrel Nutkin) im Jahr 1903 und, im Jahr 1904, „The Tale of Benjamin Bunny“.

Beatrix Potters Bücher zeichneten sich nicht nur durch den außergewöhnlich schönen und zugleich charakteristischen Zeichenstil aus, sondern auch durch ihr handliches Format (10 x 14 cm), so dass ihre kleinen Leser die insgesamt 23 Büchlein, die veröffentlicht wurden, gut in ihren Händen halten konnten. Die Kinderbuchautorin und passionierte Schafzüchterin schrieb bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie konnte durch das eigene Einkommen, das sie mit dem Verkauf ihrer Kinderbücher bezog, ganz und gar unabhängig leben und erwarb die „Hill Top Farm“ im Lake District. Ihr letztes Buch erschien 1930 – es war die Die Geschichte vom kleinen Schweinchen Robinson (The Tale of Little Pig Robinson).

Beatrix Potter Garden and Exhibition Foto-Copyright: Kinderbuch-Couch.de

1943, im Alter von 77 Jahren, starb Beatrix Potter an einem Herzinfarkt, der wohl Folge einer Bronchitis war. Am Ende ihres Lebens konnte sie auf viele Erfolge zurückblicken: Sage und schreibe siebzehn Farmen und acht Cottages gehörten ihr, das waren mehr als 16 km² Land. Sie hat sich für den Erhalt der Cottages und Farmen eingesetzt, ebenso wie für die Züchtung seltener, vor dem Aussterben stehender Schafrassen. Zum Ende war sie so mit ihrer Arbeit auf ihren Ländereien beschäftigt, dass sie kaum noch zum Zeichnen und Schreiben weiterer Geschichten kam. Dennoch: Sie hinterließ ein beachtenswertes Gesamtwerk und noch heute ist ihr Zeichnstil oft kopiert und doch unerreicht, weshalb ihre zeitlosen Geschichten auch heute noch bei kleinen Lesern sehr beliebt sind.

All diese Stationen ihres Lebens, die ich versucht habe möglichst kurz zu beschreiben – und der gebotenen Kürze wegen auch das eine oder andere auslassen musste – findet sich in der zwar kleinen, aber liebevoll eingerichteten Ausstellung in Dunkeld am River Tay. Wie an einem Zeitstrahl kann man hier an den wichtigsten Stationen im Leben von Beatrix Potter entlanggehen. Im daneben liegenden Teil der Ausstellung, der mit großen Fenstern und seiner hohen Decke hell und zugleich behaglich wirkt, finden sich in den bereits erwähnten Schaukästen viele Original-Exponate; angefangen von wissenschaftlichen Zeichnungen, ersten Skizzen von ihren kleinen Helden, über Fotografien ihrer wichtigsten Weggefährten bis hin zu ihrem Handwerkszeug, den Stiften, Pinseln, Aquarellfarben, die sie einst in den Händen hielt. Dieser Bereich ist aber nicht nur dem Staunen und Betrachten vorbehalten. Es würde ganz im Sinne der Kinderbuch-Autorin sein, dass es in diesem Bereich auch viele Aktionsflächen für kleine Kinder sind. Und so ist es auch: Von alten Schulbänken, an denen Kinder malen können oder Schule spielen können, bis hin zu einem alten Kaufmannsladen bis hin zum ganz großen Peter Hasen zum Anfassen und Liebhaben wird einiges geboten.

Im angegliederten Shop finden sich viele schöne und vielfältige Ausgaben der Beatrix-Potter Klassiker und dazu natürlich noch allerlei niedliches Zubehör. Wenn man hier schwach werden sollte und sich nur zu gerne ein englischsprachiges Original gönnen möchte, kann gleich im benachbarten Café darin schmökern – natürlich bei einer schönen Tasse Tee.

Bei schönem Wetter empfiehlt es sich unbedingt, ein wenig im Beatrix-Potter-Garten spazieren zu gehen. Es finden sich dort, ein wenig versteckt, auch ihre kleinen tierischen Kinderbuch-Helden – man muss nur genau hinsehen, so wie sie es getan hat.

Tipp für Beatrix-Potter Fans und Cineasten:

Im Jahr 2006 wurde das Leben von Beatrix Potter von dem Regisseur Chrs Noonan verfilmt. Unter dem Titel „Miss Potter“ wird ihr Leben sehr gefühlvoll und – wie ich finde – authentisch nacherzählt. In den Hauptrollen: Renée Zellweger, die wunderbar die Rolle der neugierigen und fantasiebegabten Beatrix ausfüllt, und Ewan McGregor, der ihren Verlobten Norman Warne, ihren einstigen Verleger spielt.

Stefanie Eckmann-Schmechta, Oktober 2013

Mehr Infos zur Beatrix Potter Exhibition unter http://www.birnamarts.com/

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