Ein Plädoyer für die Helden. Für die „Großen“, die mit lautem Getöse daherkommen und für die vielen Kleinen in der Kinderliteratur. Für ihre Botschaft und den Glauben daran, dass wir doch die Welt ein wenig besser machen können!

Helden …was wäre die Kinderliteratur ohne sie?

Helden... was wäre die Kinderliteratur ohne sie?

In der April-Ausgabe (4/2010) der Kinderbuch-Couch erschien die Besprechung des ersten Bandes der Percy-Jackson-Reihe, die sich schon seit längerem in Amerika größter Beliebtheit erfreut und vielleicht das Zeug dazu hat, dem weltberühmten Harry Potter von J. K. Rowling Konkurrenz zu machen. Der Auftakt der neuen Reihe mit dem Titel Diebe im Olymp entführt den Leser in die Welt der griechischen Gottheiten und Mythen. Autor Rick Riordan transportiert die sagenhaften Geschichten um Zeus, Poseidon oder Hades, samt ihrer Beziehungen zueinander, in die heutige Zeit. Ein kluger Einfall und ein Fundus schier endloser Möglichkeiten, neue Geschichten zu entwickeln. Zugleich beweist dieser Trend aber auch, dass Helden nie aus der Mode kommen. Sie wandeln ihren Hintergrund, ihr Aussehen und müssen nicht zuletzt vor dem Wandel der Werte in unserer Gesellschaft bestehen.
Grund und Anlass genug, finde ich, um das Thema „Helden in der Kinderliteratur“ einmal aufzugreifen.

Zunächst muss ich sagen, dass ich es sehr erfreulich finde, dass Kinder noch heute ganz in den Abenteuern der Helden versinken können. Doch wie haben sich die Helden im Laufe der Jahre verändert?

Der „Prototyp“ eines Helden – und da sind wir wieder bei der griechischen Mythologie – ist Odysseus, der, ausgestattet mit den immensen Kräften eines Halbgottes, die unglaublichsten Abenteuer übersteht. An ihm ist kein Fehler und kein Makel zu entdecken. Heroisch widersteht er den schlimmsten Verlockungen, ist klug, stark und einfach übermenschlich. Die Menschen haben sich lange Zeit von dem antiken „Superman“ begeistern und inspirieren lassen. Und da sind wir wiederum beim nächsten Sprung in der Zeit, nämlich genau bei dem bereits erwähnten „Superman“, dem ja noch viele weitere Helden folgten wie Batman oder Spiderman; später dann auch weibliche Superheldinnen, doch bei weitem nicht so erfolgreich. Aus diesen beiden Beispielen wird deutlich, dass der Begriff „Held“ lange Zeit für einen unfehlbaren und superstarken Typus galt – zumindest, was den Bereich der Fantasie angeht. Viele Rittersagen speisten sich aus realen Geschehnissen und wurden entsprechend ausgeschmückt weitergegeben. Doch auch ihnen ist gemein, dass es sich um einen edlen, selbstlosen und unfehlbaren Typus handelt. Der Ritter ohne „Fehl und Tadel“ eben.

Doch das änderte sich zunehmend ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als Kinderbücher sich zum ersten Mal mit dem Alltag der Kinder beschäftigten. Und zum ersten Mal geht es um das erzählende Element in der Kinderliteratur. Bestes Beispiel ist Mark Twains Kinderroman Tom Sawyer, der erstmals 1876 erschien. Tom Sawyer und sein umherstromernder Freund Huckleberry Finn stellten für die Kinder der damaligen Zeit die ersten Helden dar, die direkt aus ihrer Lebenswirklichkeit zu kommen schienen. Diese neue Möglichkeit der Identifikation ist massgeblich darin begründet, dass Mark Twain seine Geschichte in der seinerzeit üblichen Alltagssprache verfasste und damit einen Gegenpol zu der eher „angepassten“ Kinderliteratur darstellte.

Die wohl berühmteste Heldin in der Geschichte der Kinderliteratur ist Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, die Ende des Zweiten Weltkrieges die Herzen der Kinder eroberte. Denn Pippi Langstrumpf war und ist auch eine Heldin – auf ihre Weise. Sie schert sich keinen Deut um Konventionen. Sie ist über das menschliche Mass hinaus stark (wer kann schon ein ausgewachsenes Pferd stemmen?) und ist ebenso mutig wie streitbar. Für viele Eltern war sie zur damaligen Zeit sicherlich kein willkommenes Vorbild. Doch Kinder konnten zusammen mit ihr all das ausleben, was ihnen verboten war. Das war der Beginn einer ganz neuen Art von Kinderliteratur, in der die kindlichen Protagonisten freibestimmt und nach herzenslust in die Welt ziehen und Abenteuer erleben konnten – und das, ohne Rücksicht auf ihre Eltern zu nehmen; die spielten von diesem Zeitpunkt an nur noch eine untergeordnete Rolle. Und so ist es auch heute noch.

Darauf folgten viele erfolgreiche Kinderbücher, die ihre Leser in die abenteuerliche Welt ihrer Helden und Heldinnen mitnehmen. Vielfach sind es auch Geschichten, die beide Welten, die wirkliche und die fiktive, miteneinander verbinden. Damit wird den Lesern das Gefühl vermittelt, dass es sich so tatsächich ereignen könnte.

Da fällt mir gleich Michael Endes Unendliche Geschichte ein, in der ein einsamer Junge, Bastian, mit der heldenhaften Gestalt des Atrejú verschmilzt und letztlich aktiv als Leser dazu beträgt, das Abenteuer glücklich enden zu lassen. Es gäbe da noch viele wunderbare Bücher, die es verdient hätten, erwähnt zu werden. Viele der erwachsenen Leser werden sich sicherlich an ihren Lieblingshelden oder ihre Lieblingsheldin aus den Kindertagen erinnern.

Wie haben uns die Geschichten von Momo, Jim Knopf, Heidi, Peter Pan, Pinocchio …geprägt? Was sagen sie vielleicht heute über uns aus? Sind wir, wenn wir als Kind Pippi Langstrumpf buchstäblich verschlungen haben, deswegen heute ein unabhängiger, selbstbewusster und streitbarer Geist? Sind wir ungebundener, da wir einst ganz und gar in der Welt Peter Pans aufgegangen sind? Das wäre sicherlich zu sehr auf die Spitze getrieben. Dennoch, die Helden der Kindertage sind wichtig und nehmen Einfluss auf die emotionale Entwicklung.

Die Helden der Literatur durchleben innerhalb ihres Abenteuers selbst einen Entwicklungsprozess, den das lesende Kind hautnah miterlebt. Dabei ist das Muster (fast) immer ähnlich. Der Held/die Heldin steht an einem Ausgangspunkt und sieht sich einer Herausforderung gegenüber, die es zu meistern gilt. Auf diesem Weg entsteht durch die Gefahren, die der Charakter durchläuft, und durch die Entscheidungen, die er trifft, eine Figur, die den Kindern als Vorbild, mindestens aber als Sympathieträger dient. Besonders schön vollzieht sich diese „Metamorphose“ bei Harry Potter, dem wohl berühmtesten Helden in der Kinderliteratur – zumindest dieser Tage. Sein Ausgangspunkt im Leben ist mehr als traurig. Seine Eltern sind gestorben und in seinem Zuhause gibt es für ihn nichts zu lachen. Ständig drangsaliert und und klein gehalten, wird er direkt in eine Welt katapultiert, in der er plötzlich eine Berühmtheit ist. Hier muss er sich zum ersten Mal mit der Wahrheit über seine Herkunft auseinander setzen; und auch den schmerzlichen Verlust seiner Eltern verwindet er nie. Dies prägt seinen Charakter und lässt ihn reifen. Mit ihm gemeinsam durchleben Kinder die gefährlichsten Abenteuer. Dabei gleichen sie ihre Erfahrungen mit dem Gelesenen ab und lernen, die Gefühle des Helden einzuordnen. Zusammen mit ihm gehen sie durch die Angst und die Unsicherheit. Sie bewerten selbst, welche Entscheidung ihnen sinnvoll erscheint und erkennen an, dass auch ein Held sich irren kann.

Sind die neuen Helden verletzlicher?

Wenn wir vom Ursprung, nämlich dem „Superman“ ausgehen, und uns ansehen, wer oder was die „neuen Helden“ in der Kinderliteratur sind, wird deutlich, dass sie alle doch sehr menschliche Züge tragen und nicht selten vom Schicksal zunächst stiefmütterlich behandelt wurden. Ihr Bestreben, „die Welt zu retten“ entspricht gleichzeitig auch ihrem Weg, dem Schicksal zu entkommen. Sie entwickeln aus einer vermeintlichen Schwäche heraus ihre Stärke. Und das macht sie für unsere Kinder zu starken Vorbildern.

Vielleicht funktionieren heute die unfehlbaren Helden nicht mehr. Kinder werden schließlich in einer zunehmend komplexen und globalen Welt groß, die ihnen Tag für Tag vor Augen führt, dass sie nicht heil ist. Ich finde es heute wichtiger denn je, Kindern Literatur an die Hand zu geben, die das Vertrauen in ihre eigene Stärke bekräftigt.

Was wäre also die Kinderliteratur ohne Helden? Kaum eine Geschichte kommt ohne sie aus. Auch die Helden des Alltags müssen an dieser Stelle noch erwähnt werden. Beispielsweise bei Anton taucht ab, von Milena Baisch, wird aus einem ängstlichen, verstockten Jungen ein kleiner Held, weil er einem Fisch das Leben rettet und seine Furcht vor dem Wasser überwindet. Es müssen also keine Superhelden sein. Die Botschaft ist wichtig und das Signal, dass da einer ist, der „auch seine Probleme hat“ und es schafft, sie irgendwie zu lösen oder zumindest mit ihnen zurecht zu kommen, ist ausschlaggebend. Und nicht immer müssen sie ganze Welten retten. Aber zeigen, wie´s geht, den Kopf hoch zu halten, die Hoffnung nicht aufzugeben, Hilfe zu holen, Freunde zu finden und sie zu halten, Mitgefühl zu zeigen …das alles sollten sie schon können.

Allein das positive Gefühl, das nach einem „bestandenen“ Abenteuer zurückbleibt, belohnt Kinder für ihren Lesefleiß und wird sie – und das ist noch besser – umso schneller zu einem neuen Buch greifen lassen.

Der Erfolg der Heldengeschichten dieser Tage spricht da auf jeden Fall eine eindeutige Sprache – und wenn es den Halbgöttern, Zauberern, Hexen, Hobbits und den Helden des Alltags gelingt, unseren Kindern nicht nur gute Unterhaltung zu bieten, sondern auch eine Botschaft über Mut und Zuversicht zu vermitteln, bin ich vollkommen damit einverstanden. Die neuen Helden – egal welcher Couleur – sind bereits auf dem Sprung. Und ich freue mich schon darauf!

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