Projekt Lesepass

1. Die Idee

Als ich erfuhr, dass ich im Herbst eine erste Klasse unterrichten werde, habe ich mir bereits im Vorfeld Gedanken darüber gemacht, wie ich es wohl anstellen könnte « meine „ neuen Schüler im Laufe des Jahres fürs Lesen zu begeistern. Die ersten Wochen und Monate vergingen und die Kinder lernten mühsam erste Wörter, dann Sätze und anschließend kleine Texte zu lesen.

Nach vier Monaten konnte ich bereits feststellen, dass die Kinder verschiedene Einstellungen zu Büchern und zum Thema Lesen entwickelten. Die einen Schüler waren hin und weg, sobald sie in Büchern schmökern durften, die anderen waren froh, wenn sie sich nicht unbedingt mit Büchern und Texten beschäftigen mussten.

Dies war dann auch der Zeitpunkt, als mir klar wurde, dass ich etwas unternehmen musste um ALLE Kinder aus meiner Klasse für das Lesen zu motivieren. Also verbrachte ich viel Zeit damit, Ideen für eventuelle Lese-Projekte auszuarbeiten.

Schließlich kam mir der Gedanke, einen Lesepass für die Kinder zu erstellen: Auf dem Blatt sind 30 Kästchen angelegt, wobei die Kästchen von 1 bis 30 durchnummeriert sind und jedes 10. Kästchen grau hinterlegt ist.

Anschließend habe ich 30 (kleine) Texte verfasst. Die ersten neun “Leseseiten„ bestehen sowohl aus Text als auch als Bildern, die verschiedene Wörter ersetzen. Da die Kinder bei uns, in Luxemburg, in der 1. Klasse gleich mit Deutsch beginnen, obwohl dies eine Fremdsprache für sie ist, musste ich darauf achten, die Sätze einfach zu strukturieren. Für sie ist es nicht so leicht, die Wörter der deutschen Sprache gleich zu verstehen. Aus diesem Grund habe ich absichtlich Texte geschrieben, die keine zusammenhängende Geschichte bilden.

Vor dem Hintergrund, dass auch in Deutschland immer mehr Kinder eingeschult werden, für die Deutsch zunächst einmal eine Fremdsprache ist, stellen diese Texte sicherlich auch eine gute Anregung für den Unterricht dar.

Eine Aktivität bei der die Lese-Texte eine zusammenhängende Geschichte bilden, könnte natürlich durchaus in einer 2. oder 3. Klasse durchgeführt werden; hier wären Geschichten natürlich noch eine zusätzliche Lese-Motivation.

Natürlich habe ich ebenfalls darauf geachtet, dass ich die Texte immer etwas schwieriger gestaltete. So sind die ersten zehn “Leseseiten„ als leicht einzustufen, die Texte der Seiten 10 bis 20 als mittelschwer und die letzte Stufe, die Leseseiten von 20 bis 30, als schwer. (Diese Einstufung ist selbstverständlich aus der Warte eines Erstklässlers zu sehen.)

Als ich alle 30 Texte am Computer geschrieben hatte, laminierte ich diese, um sie so länger haltbar zu machen und legte sie einem Ordner ab. Den Ordner gestaltete ich liebevoll mit Buchstaben, die ich aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte. Das Aussehen des Ordners sollte die Kinder für dessen Inhalt begeistern.. …und so war es auch.

Ich stellte den Ordner in unsere Leseecke ohne den Kindern etwas diesbezüglich gesagt zu haben.. …Und ich lag richtig mit meiner Vermutung …bereits am nächsten Tag hatten die Kinder den “Buchstaben-Ordner„ entdeckt und schauten ihn mit viel Begeisterung durch. Die Schüler waren ganz aufgeregt, als sie die vielen Texte sahen und fragten natürlich gleich, was es denn mit diesem Ordner und diesen Texten auf sich hat. Also erkläre ich “meinen„ ABC-Schützen wie ich mir diese Lese-Aktion vorgestellt habe.

Zuerst teilte ich ihnen den Lesepass aus, auf den sie ihren Namen schreiben oder mit ausgeschnittenen Buchstaben kleben konnten. Dann erklärte ich ihnen, dass auf diesem Lesepass 30 Kästchen und im “Buchstaben-Ordner„ 30 Texte seien. Des Weiteren erzählte ich ihnen, dass sie ab heute, sobald sie mit einer Aufgabe im Unterricht fertig sind, sich einen dieser Lesetexte aus dem Ordner nehmen und versuchen können, ihn zu lesen.

Der Text sollte so lange von den Kindern still gelesen werden, bis sie der Meinung sind, dass sie den Text einigermaßen fließend laut vorlesen können. Erst zu diesem Zeitpunkt dürften sie mit diesem Text und ihrem Lesepass zu mir kommen und mir den Text vorlesen.

Wenn ich dann zufrieden mit der Lese-Leistung war, erhielten die Kinder einen “Das war toll" – Stempel in das passende Kästchen in ihrem Lesepass. Haben sie also den Text 3 vorgelesen, erhalten sie in Kästchen 3 einen Stempel.

Eine kleine Regel gab es dann aber noch: Da die Kästchen 10, 20 und 30 grau gefärbt waren, mussten die Kinder immer erst alle Texte von 1 – 10 gelesen haben, bevor sie mit einem Text von 11 – 20 fortfahren durften. Haben sie dann alle Texte von 11 – 20 gelesen, durften sie sich an die schwierigeren Texte von 21 – 30 heranwagen.

Bei den grau gefärbten Kästchen sollten die Kinder dann kleine Belohnungen für ihre Mühe erhalten. So habe ich ihnen bei 10 gelesenen Texten zwei Lesezeichen, und einen Bleistift in Aussicht gestellt.

Bei 20 gelesenen Texten sollten sie wiederum ein Lesezeichen ihrer Wahl sowie ein Radiergummi erhalten.

Bei allen, also bei insgesamt 30 gelesenen Texten, so versprach ich ihnen, würden sie ein weiteres Lesezeichen erhalten und dazu ein Erst-Lese-Buch zur Belohnung.

 

Ute Wegmann

2. Die Praxis

In den kommenden Tagen widmeten die Kinder jede freie Minute den Texten, die sie mit viel Freude, Motivation und Lust gelesen haben. Sogar jene Kinder, welche sich sonst nicht fürs Lesen interessierten, zeigten sehr großes Interesse. Ich merkte sogar, dass die Lese-Leistung dank dieser Aktion sich gesteigert hatte. Außerdem habe ich viele positive Reaktionen seitens der Eltern meiner Schüler erhalten. Verschiedene Mütter erzählten mir sogar, dass ihre Kinder nun auch zu Hause öfters zu Büchern griffen, um immer besser lesen zu lernen. Viele Eltern fuhren mit ihren Kindern in Buchhandlungen, um ihren Kindern neue Bücher zu kaufen, da die Motivation fürs Lesen so groß war wie nie zuvor.

Eine Mutter berichtete mir sogar, dass sie schon lange Zeit versucht hatte ihrem Mädchen das Lesen zu Hause schmackhafter zu machen, jedoch ohne Erfolg. Und dass sie nun, seit dieser Lese-Aktion in der Klasse, ihr Kind nicht mehr wieder erkenne, weil es jeden Abend gemeinsam mit der Mutter in einem Buch lesen möchte.

Für die Kinder gab es nichts Spannenderes mehr als das Lesen in der Schule. Es gab sogar Kinder die auf ihre Pause verzichtet hätten, um weitere Lesetexte zu lesen, um immer schneller ans Ziel zu kommen.

Ich kann diese Lese-Aktion allen Lehrern und Lehrerinnen aber auch den Eltern zu Hause nur weiterempfehlen, weil ich selbst nur gute Erfahrungen damit gemacht habe. Sie kostet zwar etwas Aufwand um die Texte zu schreiben, aber ich garantiere euch, dass es sich auf jeden Fall lohnt.

Seitdem wiederhole ich diese Lese-Aktion immer, sobald ich wieder eine 1. Klasse unterrichte.

Beim nächsten Mal, versuche ich aber im Vorfeld gemeinsam mit den Kindern Buchstaben aus Zeitschriften auszuschneiden, so dass wir den Ordner zusammen dekorieren können und ich glaube, dass so die Vorfreude, was denn nun mit diesem Ordner geschehen wird, noch größer wird.

Ein weiterer Vorteil dieser Aktion war das Erlernen der Zahlen von 1 – 30. So konnte ich nebenbei auch noch Vorgänger und Nachfolger üben. Also eine Leseaktion die auch noch Rechnen mit sich bringt. …was will man also mehr?

Viel Spaß beim Ausprobieren.
Sandy Reding

 

Sandy Reding

3. zur Person

Ich heiße Sandy Reding, bin 26 Jahre jung und bin Grundschullehrerin. Dieses Jahr habe ich eine 2. Klasse mit viel Freude und Motivation unterrichtet. Mein Ziel ist es, meine Schüler fürs Lesen zu motivieren, ihnen viele verschiedene Bücher näher zu bringen und ihnen Spaß und Freude beim Lesen zu vermitteln.

Ich selbst bin ein riesengroßer Fan von Büchern, besonders Bilderbücher haben es mir angetan. Schließlich kann man Bilderbücher nicht nur vorlesen, sondern ganz vielfältig einsetzen. So eignen sich diese besonders gut um fächerübergreifend mit den Schülern zu arbeiten. Neben dem Fach Deutsch, kann man auch den Sachunterricht sowie Kunst, Musik und sogar Sport auf interessante Weise kombinieren, und die Schüler lassen sich so viel leichter motivieren. Ein vernetztes Denken wird bei den Schülern gefördert und verleiht den diversen Aktivitäten mehr Sinn, da sie zusammenhängen.

Schließlich ist es mir auch sehr wichtig, dass die Kinder mit viel Freude in die Schule kommen, um täglich Neues zu lernen und zu entdecken. Mein Ziel ist es, den Kindern täglich Spaß am Lernen zu vermitteln. Leseaktivitäten liegen mir persönlich sehr am Herzen, weil ich es enorm wichtig finde, dass die Kinder gerne und auch gut lesen können. Denn wer nicht lesen kann, kommt in der heutigen Gesellschaft nicht sehr weit. …also sollte man mit der Leseförderung so früh wie möglich beginnen.

diesen Beitrag als PDF

 

Mit Kindern Lesen

Weitere Informationen zum Thema Leseförderung finden Sie in unserem Beitrag: Mit Kindern Lesen

Ihre Erfahrungen | Diskussion im Kinderbuch-Couch-Forum

Wir freuen uns auf zahlreiche und informative Kommentare zum Thema „Schulanfang“ in unserem Forum!

Inhalte von www.kinderbuch-couch.de:

über die Kinderbuch-Couch:

Machen Sie es sich auch auf unseren anderen Online-Angeboten der Literatur-Couch gemütlich:

  • Krimi-Couch.de
  • Phantastik-Couch.de
  • Histo-Couch.de
  • Belletristik-Couch.de
  • Jugendbuch-Couch.de
  • Kochbuch-Couch.de
Kinderbuch-Couch.de ist ein Projekt der Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG.
Copyright © 2004–2016 Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG.