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Buchcover: Evan Kuhlmann: Der letzte unsichtbare Junge

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Der letzte unsichtbare Junge von Evan Kuhlmann

erschienen bei dtv

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

[ab 11 Jahren]

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Der zwölfjährige Finn Garret erzählt seine Geschichte: Vom schlimmsten Tag seines Lebens und von der Tatsache, dass er langsam unsichtbar wird. In seinen Tagebucheinträgen schenkt er uns sein Vertrauen und nimmt uns mit auf seinem schweren und gleichzeitig fesselnden Weg zurück ins Leben.

Finn wird seit dem plötzlichen Tod seines Vaters immer farbloser: Seine schwarzen Haare und seine sonst so rosige Haut verlieren ihre Farbe. Er findet, dass er einem Geist gleicht und ihn ängstigt die Vorstellung, irgendwann unsichtbar zu werden. Wie in einem Tagebuch, das aus einzelnen „Logbuch-Einträgen“ aus einer Weltraumkapsel, die mit Datum und Uhrzeit benannt sind, besteht, erzählt er von seinem derzeitigen Leben. Finn identifiziert sich nicht zufällig mit einem Außerirdischen – in der Tat hat er den Kontakt zur Erde verloren.

Durch die einzelnen Rückblenden erfahren wir von seinem Leben mit seinem Vater, den er so sehr vermisst, dass er es zunächst nicht fertig bringt, über den schrecklichsten Tag in seinem Leben zu berichten. Und so erzählt er mal klug, mal humorvoll und mal eindringlich von den Ereignissen, die sich ihm für immer im Gedächtnis gebrannt haben und ihm heute, da sein Dad nicht mehr da ist, in einem anderen Licht erscheinen. Finn berichtet von dem schlimmen Unwetter, als sich die ganze Familie, bis auf Finns Vater, im Keller in Sicherheit bringt. Finn ist damals über den Leichtsinn seines Dads sauer. Heute glaubt er, dass es ihm nicht nur darum gegangen ist „sich zu beweisen“ wie seine Mom meint, sondern dass er vielleicht erproben wollte, ob seine Familie auch ohne ihn zurechtkommen könnte. Doch Finn stellt fest, dass sie überhaupt nicht ohne ihn klar kommen. Von einem normalen Alltag kann nicht die Rede sein. Seine Mutter sitzt eines Abends im Auto ohne zu wissen, was sie dort wollte. Sie verschwindet so manches Mal aus dem Blickfeld ihrer beiden Söhne und Finn hört sie dann in ihrem Schlafzimmer weinen; doch weiß er nicht, wie er sie trösten kann.

Immer wieder spricht Finn uns Leser an und es scheint, als würde er langsam Vertrauen zu uns fassen. „Wir“ , die Leser, hören ihm zu, in aller Stille, schmunzeln über seine verrückten Einfälle und über seine Sicht auf seine Familie – vor allem auf seinen kleinen Bruder Derek. Sehr schnell wechselt die Stimmung und die klaren, berührenden Worte des Jungen treffen den Leser umso unvermittelter. Ich gebe zu, dass ich häufig sehr berührt war von der bedingunslosen Liebe des Jungen zu seinem Vater und der ungläubigen Verlorenheit, die Evan Kuhlman aus Finns Sicht beschreibt. Dabei erzeugt die Erzählweise großes Interesse beim Leser; Finn zögert zunächst zu erzählen, was genau geschah.

Finn erinnert sich an die verrückten und magischen Nächte mit seinem Vater. Sein Vater hatte die beiden Jungen mitten in der Nacht geweckt, um mit ihnen auf dem Baseball-Feld das Werfen und Fangen zu üben. Finn weiß um die Zerrissenheit seines Vaters, der glaubte, nicht genug Zeit mit seinen Söhnen zu verbringen. Magisch ist die Nacht, als die Familie ein ganzes Feld voller Glühwürmchen beobachtet und kostbar jene Nächte, da die Jungs mit ihm unter freiem Himmel übernachtet hatten.

Sehr eindrucksvoll und ehrlich berichtet Finn schließlich von den Reaktionen seiner Umwelt auf den plötzlichen Tod seines Vaters, von der Beerdigung und den hilflosen Versuchen von Nachbarn und Freunden, hilfreich zu sein. Am Anfang ist alles zu viel und schließlich sind die drei doch sich selbst überlassen. Für Finn ist noch immer der Freund seines Vaters schuld, denn seinetwegen hat sich sein Dad im Flugzeug befunden, als er plötzlich und unerwartet eines „natürlichen Todes“ gestorben ist. Verständlich, dass er auch der Bordcrew nicht verzeihen kann, die nicht bemerkt hat, in welch lebensbedrohlicher Situation sich sein Vater befand. Viele Tage, so beschreibt Finn, sind in seinem Gedächtnis nicht mehr vorhanden. Man spürt auch in der Sprache von Evan Kuhlman, wie groß der Widerstand des Jungen ist, wenn er von all den Dingen erzählt. Oft, wenn es ihm zu viel wird – und er vollstes Verständnis dafür hat, dass es auch seinen Lesern zu viel werden könnte – zeichnet er ein großes „Stopp-Schild“.

In einfachen Stichzeichnungen und Cartoons – mal als Portraits, mal als witzige oder zeichnerische Anmerkungen der etwas zotigeren Art – bereichert der Illustrator J.P. Coovert Finns Erzählung. Finn verweist häufig auf seine Bebilderung;dies lockert die ernste Thematik auf und gibt dem aufrichtigen Erzählton in den authentischen Rahmen.

Im Wechsel zwischen Rückblenden und Momentaufnahmen schreitet auch die Gegenwart des Jungen weiter und wir werden Zeuge seines Bewältigungsprozesses. Einige Stationen und Begegnungen sind heilsam für Finns Seele und führen ihn unmerklich an den Punkt, da er sich seinem größtem Schmerz stellen kann. Evan Kuhlman hat in seinem ersten Roman „Wolf Boy“, der in Amerika verfilmt wird, ebenfalls das Thema Verlust behandelt. In dem Debüt Evan Kuhlmans, das bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, wirft der plötzliche Tod des ältesten Sohnes den zweitgeborenen Sohn Stephen aus der Bahn. Stephen versucht mit dem Tod seines Bruders umzugehen, indem er ein Comic-Buch über einen Superhelden namens Wolf Boy verfasst. Auch hier erntete Evan Kuhlman viel Lob für sein emotional eindringliches Debüt. Dieses Einfühlungsvermögen ist auch seinem zweiten Werk „Der letzte unsichtbare Junge“ anzumerken. Kuhlman fängt alle Facetten von Finns Leben und dessen Gedankenwelt ein. Dabei kommt auch allerlei Witziges vor, wie die oft rührend-komischen Episoden mit seinem kleinen Bruder Derek oder seiner Katze Henry, mit denen er ein ziemlich ernüchterndes Weltraumabenteuer erlebt. Bevor die Zeitreise erfolgreich sein kann – Finn möchte mit seinem Bruder in die Zeit reisen, da ihr Dad noch bei ihnen war – ist Derek auch schon wieder eingeschlafen und Henry wild entschlossen, die Raumkapsel zu verlassen. Auch Finns Leidenschaft, die Bedeutung von Namen zu erforschen – die manchmal passen, manchmal aber überhaupt nicht, was Finn ebenso pointiert zu kommentieren weiß – kommt immer wieder vor und gibt so der Geschichte eine Leichtigkeit die gut tut und Kinder positiv anspricht.

Finn hingegen tut die Freundschaft zu seiner Freundin Melanie besonders gut. Meli ist der Lichtpunkt in Finns Leben und er liebt sie auf auf rührende Weise. Auch sein kleinerer Bruder Derek, der viel offensiver mit seiner Trauer umgeht, wie auch seine Mutter, die sich schließlich selbst die Haare ganz weiß färben lässt um ihrem Sohn zu zeigen, dass sie voll und ganz hinter ihm steht, sind ihm wichtige Bezugspersonen. Etwas zwiegespalten ist seine Beziehung zu seinem Großvater Victor, dem Vater seines Dads. Der alte Mann lebt in der Vergangenheit und Finn hat das Gefühl, immerzu in „Grandpa Vics“ Welt hineingezogen zu werden. Finn spürt, dass das Klebenbleiben an der Vergangenheit nicht weiterhilft – im Gegenteil- ihn nur weiter runterzieht. Aktionen des Großvaters, wie das Pflanzen eines Baumes für ihren Vater, sind jedoch außerordentlich berührend und helfen Finn auf symbolische Weise, sich seinem neuen Leben zu öffnen.

Der Prozess des „Unsichtbarwerdens“, dem er sich mit aller Kraft versucht entgegen zu stellen, hinterlässt ohne Frage Eindruck.

Die eigentliche Frage, warum Finns Haare weiß werden, zieht sich dabei wie ein roter Faden durch das Buch. Humorvoll wie er ist, gibt er zu guter Letzt eine Liste aller Möglichkeiten an – seien sie auch noch so absurd. Ärzte, Familienmitglieder und viel zu laut schwatzende Leute haben diese teilweise abwegigen Theorien abgegeben. Einige stammen auch von Finn selbst. Möchte er selbst zum Geist werden, um seinem Vater folgen zu können? Hat seine Seele einen derartigen Schock erlitten, dass dies die Auswirkungen eines nervlichen Zusammenbruchs sind? Fühlt er sich für den Tod seines Vater verantwortlich, da er ihn nicht verhindern konnte? – sind wohl einige der plausibelsten Erklärungen.

Wenn Finn über das Leben nachdenkt – und das tut er täglich, etwa, wenn er auf dem Hügel des Friedhofs sitzt – trägt der Junge Gedanken in sich, die fast zu groß erscheinen und doch so wunderbar auf den Punkt gebracht sind, dass sie auch Kinder und Jugendliche erreichen. Er erzählt von dem großen, wunderbaren Leben eines jeden. Von dem Anfang, dem Lebensweg und dem Ende – er überlegt, was danach kommen mag und weiß schließlich in seinem Herzen: „Mein Vater war Licht“.

Fazit:

Ein fesselndes Buch bei dem ich nie das Gefühl hatte, ein Autor habe dieses Buch aus Sicht eines zwölfjährigen Jungen verfasst. Finn wirkt so authentisch und nahe, dass wir Leser uns wie Freunde fühlen dürfen, denen er von seiner bedingungslosen Liebe, seiner Willenskraft und nicht zuletzt von seinem unbedingten Mut erzählt, in ein Leben ohne seinen Vater zurück zu kehren. Mit seiner Leichtigkeit, Aufrichtigkeit und manchmal auch schonungslosen Ehrlichkeit ist „Der letzte unsichtbare Junge“ von Evan Kuhlman ein Buch, das berührt und das man – wenn überhaupt – nicht so schnell vergisst.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

Meinungen zu diesem Buch

[Leser-Kommentare überspringen]

Thomas meint:
Celina meint:
Melina meint:
Ich habe das Buch vor einpaar Jahren gelesen und es hat mich so berührt das ich an manchen Stellen heulen musste! Es ist eine richtig tolle Geschichte und finn erzählt manchmal auch über andere Gedanken und von seiner Freundin Mell. Ich weiss leider nicht mehr wo das Buch ist aber ich werde es mir zum Geburtstag wünschen!! Es ist einfach toll:)))
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