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Buchcover: Nathalie Kuperman: Wer zweimal lügt

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Wer zweimal lügt von Nathalie Kuperman

erschienen bei Boje

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

in mein Bücherregal

Manchmal ist es wirklich zum Verrückt werden. Da stehen die Weihnachtsferien kurz vor der Tür, überall macht sich Vorfreude auf die freien Tage und die wunderbare Weihnachtszeit breit und trotzdem lässt Frau Gorse noch einen unangekündigten Test schreiben. Und ausgerechnet über den „Däumling“. Ein Buch, das Clara gar nicht gelesen hat.

Weil sie lesen eben einfach nicht mag. Gedichte auswendig lernen, das schon. Sich selber Geschichten ausdenken, das auch. Aber Lesen ist irgendwie nicht so ihr Ding. Notgedrungen gibt Clara am Ende der Schulstunde ein leeres Blatt ab und ist bestürzt und traurig, dass ihr die sichere Sechs die Vorweihnachtsfreude vermasselt. Und ihren Eltern auch.

Als Claras Mutter dann zu Hause direkt nachfragt, was ihr denn die Stimmung verhagelt habe, getraut sie sich einfach nicht, die Wahrheit zu sagen. Zu schrecklich erscheint sie ihr. Schnell muss eine andere Geschichte her, am besten eine, die ihren Eltern nicht so weh tut. Also erzählt sie, dass sie sich mit ihrer besten Freundin Anna verkracht habe und mit ihr wahrscheinlich bis an ihr Lebensende kein Wort mehr reden wird. Blöd nur, dass Anna Clara am nächsten Tag anbietet, mit ihr und ihren Eltern in die Skiferien zu fahren. Davon hat Clara schon so lange geträumt. Annas Eltern wollen gleich am Abend Claras Eltern um Erlaubnis fragen, doch die denken ja, dass die beiden zerstritten sind …

Als dann auch noch der Tag der Rückgabe der Arbeit herangekommen ist und Frau Gorse von Clara eine Erklärung erwartet, warum sie ein weißes Blatt abheben hat, gehen gleich mehrere Gefühle mit Clara durch. Am Ende erzählt sie Frau Gorse eine ungeheuerliche Geschichte, die zwar vollkommen entschuldigt, warum sie das Buch nicht gelesen hat, ihr aber auch sehr viel Ärger einbringt. Doch damit nicht genug, denn zugleich muss sie erfahren, dass im Kern ihrer Lügengeschichte auch eine ungeahnte Wahrheit und viel Erkenntnis steckt.

Eigentlich wollte Clara doch nur Gutes, oder? Und so eine klitzekleine Lüge schadet ja auch nicht. Oder etwa doch? Denn schnell folgt auf die erste Lüge eine zweite, dann eine dritte usw. Und mit jeder weiteren Flunkerei werden ihre Lügen immer ungeheuerlicher. Schließlich steckt Clara schneller, als sie es sich jemals hätte träumen lassen, in einem dicken Lügenkarussell fest, in dem sie ihre beste Freundin, ihre Eltern und ihre Lehrerin gegen sich hat.

Dabei beginnt die Geschichte eigentlich ganz harmlos und nüchtern. Und genau so wird sie auch erzählt. Herrlich trocken und sachlich, ein bisschen spröde fast, dabei entschlossen und klar reflektierend, teilweise sogar ein bisschen patzig schildert die Viertklässlerin Clara ihre eigene Geschichte. Das plötzlich hereinbrechende Gefühlschaos bei der unangekündigten Arbeit, bei der sie schon von vornherein weiß, dass sie versagen wird. Ihre Verzweiflung, die scheinbare Ausweglosigkeit, ihre vorauseilenden Überlegungen, ihre Rücksichtnahme ihren Eltern gegenüber und die gleichzeitige Scham über das eigene Nicht-Können, das Ganze Für und Wider in ihrem Kopf wird so überzeugend geschildert, dass Erinnerungen an eigene ähnliche Situationen unweigerlich aufkommen. Gleichzeitig ist man unheimlich erleichtert, dieser Situation als externer Beobachter nur beizuwohnen und beobachten zu können, ohne selbst darin verstrickt zu sein. Denn wie oft enden diese in einem fürchterlichen Chaos?

Das droht auch jederzeit über Clara herein zu brechen bzw. droht ihr Lügenkartenhaus immer heftiger einzustürzen. Doch neben dem eigenen Mut, zumindest erst einmal ihre Freundin Anna in ihre Misere einzuweihen und sich so eine Verbündete zu sichern, spielt ihr auch der Zufall bzw. das Schicksal in die Hände. Denn überraschenderweise entpuppt sich am Ende ihre größte Lüge tatsächlich als Wahrheit, die alle Beteiligten in ein großes emotionales Chaos stürzt und aus dem sie gemeinsam gestärkt hervor gehen. Klar gehen solche Geschichten nicht immer so glimpflich aus, weshalb gerade diese (unwahrscheinlichste?) Form des Happy Ends auch hier etwas konstruiert wirkt und bei aller familiären Romantik irgendwie nicht so recht zum nüchternen und leise ironischen Ton das Buches passen will.

Man könnte dieses Gefühlschaos nun mit knalligen Farben und schroffen Linien illustrieren, man kann die Aussagen aber auch leise und mit sanften Tönen und fließenden Linien verdeutlichen. Und eben dieser zurückhaltende Illustrationsstil, der fast schwebend daher kommt und auf den ersten Blick nicht recht zu Claras Zwickmühle passen will, verleiht dem Buch im Zusammenspiel mit den trocken beschriebenen Beobachtungen und den gewaltigen emotionalen Durcheinander das gewisse Extra.

Daher ist das Buch als Gesamtes eine kleine Entdeckung, an die es sich vor der nächsten herbeigezauberten Lüge lohnt zu denken.

Fazit

Lügen haben kurze Beine und bringen manchmal überraschende Erkenntnisse. Nüchtern und unterhaltsam geschriebene Geschichte über die ganz eigene Dynamik von großen und kleinen Lügen, kurzweiliger Lesespaß ohne drohend erhobenen Zeigefinger.

Claudia Goldammer

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