...fördert die geistige und persönliche Entwicklung Ihres Kindes

Wir möchten zunächst damit beginnen, für das Vorlesen und Erzählen zu motivieren. Dazu möchten wir Ihnen einige Erkenntnisse nahebringen, die uns wohl alle, die wir für Kinder da sind, mit ihnen leben, hellhörig werden lassen. Dieses Kapitel gibt es auch als PDF-Download

Inhalts-Übersicht:

1. Förderung der Kreativität und der Fantasie
2. Das so wichtige „symbolische Denken“
3. Neueste Erkenntnisse über die Entwicklung in den Familien
4. Neueste Erkenntnisse über die Sprachentwicklung
5. Konzentrationsfähigkeit und Sprachgewandtheit Vorlesen
6. Für das Lesen begeistern
7. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind stärken

Förderung der Kreativität und der Fantasie

Das menschliche Gehirn verfügt bereits sehr früh über die Fähigkeit, innere Bilder zu erzeugen. Dies geschieht bei Kindern, die unseren Erzählungen oder dem Vorlesen lauschen ganz automatisch, ohne besondere Anstrengung. Sie lernen somit mit Vergnügen. Sie merken es nicht einmal, denn ganz still und fasziniert nehmen sie jedes gesprochene Wort von uns auf und erzeugen in ihrem Kopf eine ganz eigene Bilderwelt. Diese Fähigkeit entwickelt sich bereits ab dem 18. Lebensmonat. Wichtig ist nur, daß das Kind auch diese Möglichkeit zur inneren Bilderzeugung erhält, also ihm Geschichten erzählt oder vorgelesen werden. Die Kreativität und Fantasie der Kinder werden durch jene Geschichten gefördert, die der Vorstellungskraft Raum lassen. Kinder können dann die Geschichte weiterspinnen, sich bildliche Vorstellungen von den Hauptdarstellern und Schauplätzen zu machen und jede Menge Fragen stellen, die ihnen die Welt besser erschließen können.

Das so wichtige „symbolische Denken“

Ebenso wie die Phantasie und die Kreativität von inneren Bildern genährt werden, wird auch das symbolische Denken durch die eigene Vorstellungskraft gefördert. Das symbolische Denken ermöglicht es uns erst, den Umgang mit Buchstaben und Zahlen zu beherrschen. Je mehr diese Fähigkeit zum symbolischen Denken also ausgeprägt ist, desto leichter wird es den Kindern fallen, das Lesen und Schreiben und Rechnen zu erlernen. Wird dem Kind, wie es in unserem Medienzeitalter leider so häufig der Fall ist, nur eine Welt aus fremden Bildern geboten, also aus Fernsehen, Film und Computerspielen, können die angeborenen Fähigkeiten zur inneren Bilderzeugung, sprich zur Kreativität und zum symbolischen Denken, nicht voll entwickelt werden – ihre Fantasie wird zugeschüttet. Dies wird als eine der Ursachen für eine spätere Lernstörung angesehen.

Neueste Erkenntnisse über die Entwicklung in den Familien

Bereits vor 20 Jahren beklagte Ruth Love, damals Leiterin der Schulbehörde in Chicago: „Wenn wir unsere Eltern dazu bewegen könnten, ihren Vorschulkindern täglich nur 15 Minuten vorzulesen, könnten wir die Schule revolutionieren.“

Früher waren in Amerika Analphabeten eine große Seltenheit. Denn durch die regelmäßigen Bibellesungen der Vorväter war ein solider Grundstein zum Lesen- und Schreibenlernen gelegt. So wie noch zur Kinderzeit unserer Eltern Gute-Nacht-Geschichten so üblich waren, wie das abendliche Kinderprogramm im Fernsehen heutiger Tage, so hat auch das Erzählen, Vorlesen und Kommunizieren in den heutigen Familien abgenommen.

Der Artikel des Spiegels Online vom 12. November 2004, zeigt die Entwicklung in den Familien drastisch: Nach einer Studie der Trierer Wissenschaftlerin Sabine Wollscheid, nehmen sich die ohnehin nur 30 Prozent der Erwachsenen, die ihren Kindern regelmäßig vorlesen, nur eine Viertelstunde täglich Zeit. „Eltern lesen heute weniger vor“ so Christoph Schäfer, Pressereferent der Stiftung Lesen, gegenüber Spiegel Online. „Lesen wird immer mehr zu einer Nischentätigkeit. Das gilt auch für das Vorlesen.“ Die Wissenschaftlerin Sabine Wollscheid hat für die Zeitbudgetstudien des Statistischen Bundesamtes 5400 Haushalte befragt. Nur 35 Prozent der Haushalte mit Kindern bis zu zehn Jahren lesen ihren Kindern demnach regelmäßig vor. In Haushalten Alleinerziehender sind noch etwas weniger, nämlich 32 Prozent. Es bleibt damit eine traurig hohe Prozentzahl von Familien, die ihren Kindern kaum oder gar nicht vorlesen.

Welche Auswirkungen dies haben kann, können wir an der aktuellen Pisa-Studie sehen. In ihr finden wir die Diagnose, daß „mangelnde Lesekompetenz ihre Fortsetzung in schlechten mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen findet.“ Nun werden viele Eltern regelrecht „panisch“ und wollen ihrem Kind die bestmögliche Förderung zu Teil werden lassen. Leider wird hier oft am Ziel vorbei oder, was leider viel zu häufig der Fall ist, auch darüber hinaus geschossen. Denn was soll ein Kind von drei Jahren bereits mit einem Buch über das Erlernen der ersten Buchstaben anfangen? Es soll spielen und sich spielerisch unserer Welt, die voll von Symbolen und Schriften ist, nähern. Denn Lesen lernen, bedeutet auch eine gesunde Neugierde auf die geschriebene Sprache zu entwicklen.

Schon früh kann man Kinder dafür begeistern, sich mit der Symolik unserer Alltagswelt auseinanderzusetzen. Neben dem Vorlesen kann dies bedeuten, sie raten zu lassen, welcher Ort auf dem Verkehrsschild steht, die üblichen Lebensmittel (die Beschriftung und Gestaltung von Produktlabeln) im Supermarkt ausfindig zu machen, Schilder, Plakate und die uns auch so bekannten und allseits im Alltag begleitenden Logos spielerisch zu erkennen. Aber vor allen Dingen mit dem Reimen, Singen, Erzählen und Vorlesen stellt dies eine weit bessere, da kindgerechtere Vorbereitung auf die Schule dar, als alle anderen gutgemeinten Lehrbücher für die Kleinsten.

Neueste Erkenntnisse über die Sprachentwicklung

In dem Artikel aus der SZ vom 27.12.2002 schreibt Christine Brinck:„;Was ist mit so vielen kleinen Kindern zwischen Geburt und Sekundarstufe I passiert, daß sie so ganz und gar keine Lust am Lautsprachlichen verlieren und in Spracharmut verfallen? Man hat zu wenig mit ihnen gespielt, gesungen, gereimt, sich nicht von ihnen erzählen lassen.“; Die Begeisterung für das eigenständige Entwickeln von Geschichten wird durch das Erzählen, das Vorlesen geweckt. Nur ein Kind, das viele Geschichten kennt und sich mit ihnen beschäftigt, wird selbst die Freude daran entwickeln, eigene Geschichten zu ersinnen. „Vor dem Fernseher entwickeln Kinder ihre Talente nicht. Dort verfällt ihre Sprachkompetenz, …je mehr man mit ihnen plaudert, spielt oder liest, desto mehr blühen sie auf …“Die Entwicklung der sprachlichen Grundbildung„;, mutmaßt die englische Forscherin Marian Whitehead, “muss abhängig sein von der Entwicklung einer Basis gemeinsamer Bedeutungsinhalte und Kommunikation mit Anderen, und zwar noch bevor Wörter und Schreiben eine Rolle spielen.„"; Nach Christine Brinck ist in “Wissenschaftler in der Wiege„ (“;The Scientist in the Crib von Allison Gopnik et al.) der Nachweis gelungen, daß Kinder von bereits zwei Jahren unterscheiden können, ob ein Satz grammatikalisch richtig oder falsch ist. „Ihre sprachliche Grundbildung beginnt also lange bevor sie reden, geschweige denn schreiben oder lesen können.“

Konzentrationsfähigkeit und Sprachgewandtheit

Aber das Vorlesen vermag noch mehr: Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, zeigen mehr Geduld und Ausdauer beim Zuhören. Dadurch wiederum wird ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre eigene Sprachgewandtheit gefördert; Kinder, denen häufig vorgelesen und erzählt wird, verfügen über einen größeren Wortschatz. Dies beginnt schon bei den ganz kleinen Zuhörern; bereits beim gemeinsamen Anschauen eines Bilderbuches wird ein wichtiger Grundstein zur Sprachentwicklung gelegt. Das Wiedererkennen von Tieren, Gegenständen, Fahrzeugen und Situationen etc. erklärt dem Kind die Welt, macht sie ihm sprachlich zugänglich.

Das ständige Wiederholen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Das Kind zeigt wieder und wieder auf die Kuh und verlangt durch sein aufmunterndes Lächeln, ihm zu sagen, um welches Tier es sich handelt – besonders groß, das kennt sicher jeder von uns, ist die Begeisterung, wenn das Tier auch entsprechend nachgeahmt wird. Schon bei den Kleinsten wird so bereits ein wichtiger Grundstein zur späteren Lesebegeisterung gelegt. Also: Vorlesen kann man bereits Kindern im Altern von sechs Monaten – mit dem richtigen Buch und einigen Wiederholungen, geschieht dies für die Kleinen spielerisch und ohne jede Anstrengung, denn es macht ihnen Spaß, an Mama oder Papa gekuschelt, die Welt verstehen zu lernen.

Für das Lesen begeistern

Vorlesen macht sicherlich noch keine „Leser“, aber es macht unsere Kinder neugierig und ehrgeizig, den vielen Buchstaben ihre Bedeutung zu entlocken. Mein persönlicher Beweis ist unser nunmehr 3½ jährige Sohn, der mittlerweile darauf besteht, uns Geschichten vorzulesen oder uns am Tisch, im Auto, im Bett oder wo auch immer sich die Gelegenheit bietet, selbst eigene Geschichten zu erzählen. Was ein weiterer Beweis für Christine Brincks so treffendes Resümee ist, das mir – und sicherlich auch vielen anderen Eltern – aus dem Herzen spricht:„;Neue Studien fürs Vorlesen sind nicht nötig, Kommissionen auch nicht. Die Folgen des Vorlesens sind längst erforscht und privat überall dort belegt, wo vorgelesen wird.“;

Die Beziehung zwischen Eltern und Kind stärken

„Vorlesen kann positive Erlebnisse in Zusammenhang mit Büchern vermittlen, bedeutet Begegnung und Geborgenheit. Vorleserinnen und Vorleser schenken ihren jugendlichen Zuhörern Aufmerksamkeit und persönliche Zuwendung und sie sind Vorbilder – wer Lesevorbilder hat, liest auch selbst eher.“ (Quelle: www.Deutschland liest vor.de)

Das Lesen legt aber auch einen wichtigen Bezeihungsgrundstein zwischen Kind und Eltern. Durch das Ankuscheln, die Ruhe, das Beieinandersein und das gemeinsame Erleben, können Kinder das Vorlesen in vollen Zügen genießen. Im sicheren Arm von Vater oder Mutter gleiten sie ab in fremde Welten, sehen mit ihrer kindlich-ungezügelten Fantasie alles vor ihrem inneren Auge …

Eine kostbare, ruhige und innige gemeinsame Zeit birgt das Vorlesen in sich und das wünschen sich Kinder von Herzen mehr, als alle anderen medialen Ablenkungen. Sie haben Zeit, die Geschichte zu erfassen – ihre Zeit – nichts sollte sie drängen. Kind und Eltern schaffen eine Ruheinsel im hektischen Alltag. Das Kind weiß, daß es jetzt Fragen stellen kann, Dinge erzählen kann, ohne daß irgendetwas oder irgendjemand es unterbricht. Mama oder Papa gehören nun ganz ihm. In der beruhigenden Nähe findet das Kind den Mut und die Neugierde, auch erste Schritte in unbekannte Welten zu machen, die vielleicht zunächst etwas verunsichernd sind. Das Kind kann nachfragen wenn es Angst hat, kann heikle Textpassagen oder Bilder mehrmals besprechen, bis die Dinge verstanden sind und ihren Schrecken verlieren. Im Rahmen des regelmäßigen Vorlesens können so viele Dinge angesprochen werden, die das Kind bewegen – und führt damit zu dem so wichtigen Dialog zwischen Eltern und Kind.

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