Tipps zum Vorlesen

Hier möchten wir Ihnen nun ein paar Tipps an die Hand geben, wie die Vorlesezeit mit Ihren Kindern für alle zum Erlebnis wird – und wie Sie und Ihr Kind die Freude daran behalten. Dieses Kapitel gibt es auch als PDF-Download

1. Ruhe:

Bitte achten Sie auf eine ruhige Atmosphäre. Leser suchen Ruhe, um sich ganz und gar auf die Geschichte und ihre inneren Bildern zu konzentrieren. Hier sind Orte, wie das gemütliche Sofa, die Betthöhle unter dem Kinderbett, der Lehn- oder Schaukelstuhl oder klassischerweise das Bett ideal, um sich aneinanderzukuscheln und gemeinsam in die Geschichte „abzutauchen“. Kein „nebenher“ geführtes Gespräch, keine aufdringliche Musik oder Radioprogramm, keine wildgewordene Rasselbande und schon gar kein Fernseher sollten stören.

2. Der richtige Moment:

Am besten ist es, jeden Tag zur selben Zeit vorzulesen. Abends vor dem Schlafengehen ist eine sehr gute Zeit zum Vorlesen. Da ist das Aneinanderkuscheln und Fantasieren am schönsten und läßt den Tag ruhig ausklingen. Es kann und sollte zu einem festen Zubettgeh-Ritual werden, das Kinder brauchen, um sich auf das Schlafengehen einzustimmen. Aber auch nachmittags, nach dem Mittagessen, auf der gemütlichen Couch, ist für alle ein schöner Moment der Entspannung und der Ruhe, bis es am Nachmittag wieder turbulenter zugeht. Wenn etwa ein jüngeres Kind noch einen regelmäßigen Mittagsschlaf hält, ist es für das ältere Kind eine Möglichkeit sich ebenfalls zu entspannen und neue Kräfte zu tanken. Und es stellt häufig auch eine willkommene Gelegenheit dar, im alltäglichen Abnabelungsprozess noch ein wenig Mama oder Papa „zu tanken“. Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind die Zeiten, wann es für Sie am besten paßt. Hauptsache ist, daß es täglich stattfindet, auch wenn es nur 20 Minuten sind. Häufig haben Kinder auch Lust einmal ganz spontan ein Buch zu lesen; nehmen Sie diese Anregung unbedingt auf. Die spontane „Vorlesestunde“ ist dann für alle Beteiligten am schönsten und Kinder genießen die Extra-Zeit und die Aufmerksamkeit, die ihnen damit geschenkt wird.

3. Freie Wahl des „Lesestoffs“:

Lassen Sie, wenn das Kind schon alt genug dafür ist (dazu muß es eigentlich nur deuten können) das selbst Buch auswählen. Je älter das Kind bereits ist, desto gezielter findet die Auswahl statt. Sie werden feststellen, daß Kinder Bücher für bestimmte Erlebnisse oder Stimmungen brauchen. Mit gewissem Stolz und Vorfreude sind die Kinder dann von vorherein bei der Sache, denn sie spüren, daß man ihre Persönlichkeit und damit ihre Wünsche respektiert. Dies läßt sie zu selbstbewußten „Lesern“ werden, die von Anfang an mit ihrer ganzen Lust bei der Sache sind.

4. Zwischenfragen sind jederzeit erlaubt:

Lassen Sie Ihr Kind mitreden. Vorlesen bedeutet nicht, daß einer den Text herunternudelt und das Buch so hält, daß der Zuhöhrer die Bilder sehen kann. Vorlesen bedeutet im Dialog stehen – verbal und emotional. Ein/e aufmerksame/r Vorleser/in spürt, was das Kind bewegt. Ob es Fragen hat, oder einfach selbst etwas zu dem Geschehen sagen möchte, vielleicht weil ihm dazu etwas aus seinem Alltag eingefallen ist, dazu muß einem Kind genügend Raum und Zeit gelassen werden. Kinder machen die Dinge noch nicht zum größten Teil mit sich selbst ab, so wie wir Erwachsene dies häufig tun. Sie brauchen ein Gegenüber, jemand der sie versteht und sie mit ihren Fragen und Gedanken auffängt. Lassen Sie sich auf diesen Dialog ein. Sie werden sehr viel über ihr Kind und seine (Gefühls-)Welt erfahren und ihm eine große Portion Selbstsicherheit mit auf den Weg geben.

5. Es ist ein Kinderbuch – und darf auch so behandelt werden.

Lassen Sie ihr Kind auch mal vor- und zurückblättern. Auch wenn Sie die Geschichte gerne weiterlesen möchten. Nutzen sie das Interesse und die Neugierde ihres Kindes. Lassen sie es in Ruhe das Buch betrachten – pausieren sie mit dem Lesen. Ihr Kind wird sie bald verwundert ansehen und fragen, warum sie nicht mehr vorlesen und wird dann schnell wieder aufmerksam zuhören wollen.

6. Kinder haben ihre eigene Zeit.

Drängen Sie ihr Kind nicht, die Geschichte möglichst schnell durchzuarbeiten: Das Kind wird die Lust an diesem „Pflichtprogramm“ verlieren und dem Buch wahrscheinlich die kalte Schulter zeigen. Kinder spüren sofort, wann es um sie geht und wann ein Erwachsener damit beschäftigt ist, eine „Aufgabe zu erledigen“. Seien Sie ganz bei Ihrem Kind, auch wenn mal etwas länger dauert.

7. Kreatives Vorlesen:

Verändern Sie Geschichten auch mal, je nach Bedarf. Erzählen Sie etwa einen Bezug auf ihr Leben, damit wird ihr gemeinsamer Alltag aufgefangen und es kann sich ein Dialog entwickeln. Lassen Sie die Hauptdarsteller oder andere Figuren des Buches mit ihrem Kind reden – das finden die Kleinen besonders toll! Überraschende Änderungen der gewohnten Geschichte fesseln die Aufmerksamkeit besonders, da Kinder das Unerwartete einfach spannend finden.

8. It´s Showtime!

Gehen Sie beim Vorlesen richtig mit. In jedem von uns schlummern noch ungeahnte schauspielerische und kommödiantische Fähigkeiten, die wir hier voll zur Entfaltung bringen können. Kinder finden es überhaupt nicht peinlich, sondern spannend, wenn Mama oder Papa etwa mit verstellter Stimmeoder anderem Akzent vorlesen. Unsere Kinder werden es uns durch gebanntes Zuhören und Beobachten unserer Mimik und Gestik danken. Bald schon werden Sie beginnen, uns zu imitieren und sie werden ganz besonders uns damit zum Lachen bringen!

9. Leser haben ein Bücherregal.

Richten Sie ihrem Kind ein kleines Bücherregal ein (das sicherlich, genau wie ihr Kind, sehr schnell wachsen wird). Dort kann es seine „Schätze“ sammeln. Das Kind kann bei der Auswahl des Buches seinen Blick über seine Bücher schweifen lassen und es wird immer wieder gerne von sich aus zu seinen Büchern greifen, wenn es einen reichen Fundus findet.

10. Stets griffbereit.

Bücher sollten griffbereit „Herumliegen“. Das heißt, auch in den gemeinsam genutzen Räumen sollten Kinder immer die Möglichkeit haben, nach einem Buch greifen zu können, wann immer ihnen der Sinn danach steht. Sie sollten ihre Bücher an den Orten finden, wo auch unsere Bücher liegen: sei es auf dem Wohnzimmertisch, auf der Kommode im Flur, auf dem Küchentisch oder auf dem kleinen Tischchen neben dem kuscheligen Sofa …

11. Die Welt der Bücher gemeinsam entdecken.

Nehmen Sie ihr Kind mit zu den Orten, wo es Bücher in Hülle und Fülle gibt. Sei es in Buchhandlungen, Bibliotheken, Bücherflohmärkten …suchen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind ein Buch aus, lassen Sie sich beraten, schauen Sie sich um. Es gibt auch noch eine Menge alter Bücher, die auch heute noch Kinder begeistern.

12. Achten Sie auf die Interessen Ihres Kindes.

Nicht jedes Kind mag plüschige Bärchengeschichten, sie mögen vielleicht lieber erste Sachbücher, die ihre Neugierde befriedigen – etwa, was so passiert, wenn ein Vulkan ausbricht …Viele mögen große Illustrationen und nicht so viel Text – und viele andere wollen genau das Gegenteil: Sie wollen eine richtige Geschichte mit viel Text und „drumherum“, damit ihr Kino im Kopf auf Hochtouren laufen kann. Natürlich muß die Wahl des Buches auch vor dem Hintergrund des Alters, der jeweiligen Leseerfahrung und den thematischen Interessen des Kindes getroffen werden. Deshalb finden Sie die Bücher auf der Kinderbuch-Couch auch nach verschiedenen Themen und nach Altersgruppen sortiert. Dies soll es Ihnen erleichtert, schnell das richtige Buch zu finden.

13. Der Vorleser liest mit

Es ist wie mit dem bekannten Spruch über das Auge, das mit ißt: Ein gutes Kinderbuch ist das, was auch den Eltern gefällt und begeistert. Es hat keinen Zweck ein Buch vorzulesen, das Ihnen selbst unsympathisch ist und Sie nicht interessiert. Jeder hat seinen ganz eigenen Stil und seine Vorlieben – auch beim Vorlesen. Bei uns gibt es ganz klar Papa- oder Mama-Bücher für unseren Sohn, die er am liebsten mit dem einen oder dem anderen lesen möchte. Einfach, weil es dann entsprechend besser „rüberkommt“. Achten Sie also, natürlich neben den Interessen Ihres Kindes, auch auf Ihren Geschmack. Deswegen haben wir von der Kinderbuch-Couch die Rezensionen sehr ausführlich und nahe am Buch geschrieben, damit Sie sich eine ziemlich genaue Vorstellungen von dem jeweiligen Buch machen können und wissen, was Sie erwartet.

14. Einfach anfangen.

Lesen Sie einfach vor. Es gibt wirklich so gut wie keine Kinder, die das Vorlesen nicht mögen. Erzählen Sie auch im Alltag immer wieder Geschichten, bei Tätigkeiten, die Sie mit ihrem Kind ausführen (z.B. spannende und rührende Staubsaugergeschichten) Erzählen Sie Geschichten,die Sie selbst als Kind mochten. Erfinden Sie Geschichten mit Ihren Kindern...wilde, lustige, traurige, wirre, alberne oder einfach Geschichten aus dem Leben.

15. Mit bestem Beispiel vorangehen

Eltern, die von ihren Kindern fordern, doch mal ein Buch zur Hand zu nehmen, um sich dann selbst genüßlich vor der Flimmerkiste zu räkeln, werden ganz sicher das Gegenteil erreichen. Nur wenn Kinder auch in ihrem unmittelbaren Umfeld erfahren, daß die Erwachsenen gerne lesen und mit ihrem eigenen Fernsehkonsum sparsam umgehen, werden auch sie sich dem Buch zuwenden wollen. Wir sind nun einmal ihre Vorbilder.

16. Lesen darf niemals Strafe sein

Lesen „zu müssen“ darf niemals als Strafandrohung eingesetzt oder gar umgesetzt werden. Nichts ist demotivierender als dazu verdonnert zu werden, ein Buch lesen zu müssen. (Vielleicht erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die Pflichtlektüren, die wir im Deutschunterricht lesen mußten. Ich glaube kaum, daß aus diesem Pflichtprogramm später viele eifrige Leseratten entsprungen sind). Bücher dürfen daher niemals eine Strafe sein. Wenn überhaupt, sind sie eine Belohnung und das Vorlesen erst recht. Nur so finden Kinder einen lustvollen Zugang zu der Welt der Bücher und die Geborgenheit, die sie bei uns spüren, wenn wir ihnen vorlesen, wird sie auch ihr Leben lang begleiten.

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