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Buchcover: P.R. Morrison: Der Windzähmer

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Der Windzähmer von P.R. Morrison

erschienen bei Bloomsbury

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

„Ihm war nie erlaubt worden, mutig zu sein, er hatte keine Ahnung, wie man es wurde.“ Archie Stringweed entdeckt in diesem modernen Märchen seine Tapferkeit. Mutterseelenallein muss er den Windsturm Huigor besiegen, um seine Familie von dem Jahrhunderte alten Fluch zu befreien. Noch ahnt der Junge nichts von dieser schwierigen Mission. Doch als Patenonkel Rufus nach neunjähriger Abwesenheit plötzlich zu Archies zehnten Geburtstag kurz vor Mitternacht vor der Tür steht und der Junge flüsternde Windstimmen hört, wird klar: „Dieses Jahr ist anders.“

Archie wohnt im schottischen Fischerdorf Westervoe, hoch auf einem Berg, in der obersten Dachkammer des Hauses Windy Edge. Die peitschenden Stürme, das Ächzen, Seufzen, Jammern und Pfeifen des Windes sind im wohlvertraut. Doch nie hat er so deutlich die drohende Stimme des Sturms vernommen. Archies Mutter umsorgt ihren Sohn wie ein Kleinkind. Keine Gelegenheit lässt sie aus, um zu betonen, wie inaktiv ihr Sohn ist. So soll er keine Inlineskates fahren, nicht Fußball spielen, nicht rennen, nicht schwimmen und nicht klettern. Dabei wirkt Archie auf den Leser nicht wie ein feiger Stubenhocker. Er hat Freunde, ist neugierig und er liest gern Rittergeschichten, in die er all seinen Freiheitsdrang hineinprojiziert. Immer wieder klingelt das Telefon, aber Archies Mutter wimmelt den Anrufer ab.

Zu Archies 10. Geburtstag taucht plötzlich Onkel Rufus, der Bruder von Archies Vater auf. Besorgt stellt er fest, dass Archies Eltern all seine Geburtstagsgeschenke für den Neffen ( verbeulte Taschenuhr, Dolch, Flöte, Taschenlampe, kryptische Karte, Schlüssel, Hasenpfote, Fliegerbrille, kleine Goldmünze, gläserne Kugel), die er über die Jahre hin geschickt hatte, versteckt haben. Rufus ist ein unruhiger Weltenbummler, der sich den Wind gern um die Nase wehen lässt, um Abenteuer zu erleben. Archies sesshafte Familie wirkt dagegen eher langweilig. Cecilie, Archies Mutter, führt das Regiment und Jeffrey, der Bankleiter, Archies Vater, macht einen eingeschüchterten, eher ängstlichen Eindruck. Archie bemerkt, dass der gefallene Schnee sich besonders hoch um sein Haus aufgetürmt hat. Rufus hat dafür eine einfache Erklärung: Der Schnee will den Jungen vor dem Fluch des Wirbelsturms Huigor beschützen.

Die Zeit ist nun gekommen, um Archie endlich das lang verborgene Familiengeheimnis zu enthüllen. Die Legende erzählt vom Ritter Gustav, der aus Schottland fortzog, um mit König Richard auf Kreuzzug zu gehen. Mit seiner Überheblichkeit und Kraftmeierei konnte der verwegene Kämpfer einen Wahrsager, der ihm die Zukunft voraussagen wollte, nicht beeindrucken. Dieser belegte den Ritter und seine Familie mit einem Fluch. „ Von ihrem zehnten Geburtstag an würden alle erstgeborenen Söhne seiner Familie in Angst vor der Welt leben, Generation um Generation, und so werde das hohe Ansehen bald verloren sein.“ Da der Ritter Strongwood hieß und dieser Name sich im Laufe der Zeit in Stringweed änderte, erkennt Archie, dass seine Familie gemeint ist. Er wird diesen Fluch erben, ob er nun will oder nicht. Der Fluch nähert sich in Form eines Tornados. Aber er kann besiegt werden, indem Archie alle acht Geschenke von Onkel Rufus findet. Jede Gabe ist von einem Vorfahren Archies, alle „tragen die Macht der Geschichte“ und entwickeln eine stärkende, wie schützende Kraft, wenn der Junge sich in das Zentrum des Wirbelsturms stellt. Doch noch hat Archie Angst.

Alle Anzeichen der Natur weisen darauf hin, dass sich ein eisiger Wind dem schottischen Ort nähert. Das bedeutet: Huigor hat Archie gefunden. Mit Onkel Rufus an seiner Seite fühlt sich Archie sicher. Beide fliegen mit einer alten Chessna in Begleitung der Eismöwen auf die See hinaus. Huigor befindet sich auf dem Atlantik und treibt eine riesige Flutwelle vor sich her. Archie kann die Gedanken der Eismöwen hören: Sie sagen, dass der Junge mutig sein muss, denn nur so kann er den Widerstand des riesigen Wirbelsturms, der nur durch Archies Angst existiert, brechen. Archies Eltern betrachten die Freundschaft zwischen Rufus und ihrem Sohn mit Skepsis. Der Kosmopolit Rufus passt nicht zum kleinbürgerlichen Leben der Familie. Nie haben sich Archies Eltern auf ein Schiff, geschweige denn in ein Flugzeug getraut. Bei der Suche nach den Geschenken werden Archie und Rufus fündig, aber sie müssen auch die Bank, in der Archies Vater arbeitet, durchsuchen.

Inzwischen ist Archie mit seinen Freunden Sid und Georg unterwegs. Alle werden von einer Windböe überfallen und Archie wäre beinahe im Meer gelandet. Eine erste Vorwarnung! Nur der Dolch hilft Archie beim Übergriff des Sturms. Nach und nach steigern sich die Angriffe des gemeingefährlichen Tornados. Wie eine riesige Seeschlange erhebt sich Huigor aus dem Meer. Aber auch Archies Eltern durchsuchen die Sachen von Rufus und finden sein Tagebuch. Nun wissen sie, dass ihr Sohn in Gefahr ist. Der lästige Anrufer gibt nicht auf. Es ist Prof. Neville Himes, ein Stammbaumforscher, der eine Verbindung zwischen der Familie von Archies Mutter, Cecilie, geborene Caine und Jeffreys Familie herausgefunden hat. Durch die gewaltigen Windböen fallen Telefon und Strom aus. Archie spürt die Nähe seines Feindes und rüstet sich mit den inzwischen gefundenen Geschenken, die ihn wie einen Talisman beschützen sollen. Die Eismöwen sind auf seiner Seite, Rufus und Archies Eltern schauen gebannt dem heftigen Kampf zwischen Mensch und Natur zu.

P. R. Morrison wuchs in Schottland auf und lebt heute als freie Schriftstellerin in London. In den langen Nächten, in denen sie nicht schlafen konnte, begann sie zu schreiben. Die Story über den mutigen Jungen und den Hurrikan, berichtete P.R. Morrison in einem Interview, war gedacht als Einschlafgeschichte für ihre kleinen Söhne Arthur und Ethan. Sie wollte den Jungen sagen: „ Mut nimmt vielerlei Formen an.“. Dieser Gedanke taucht dann auch im Roman auf und wird vom Wahrsager ausgesprochen, der den überheblichen Ritter Gustav in seine Schranken verweist. Jeder Held kann auch ganz im Stillen seine Taten vollbringen und Tapferkeit entsteht aus dem „Verständnis für die Welt“. So lernt Archie seinen extrovertierten, mutigen, weltgewandten Onkel Rufus kennen, der im ewigen Eis oder in der Wüste genauso zu Hause ist, wie in Russland oder Australien. Archies Vater dagegen ist so ein stiller Held. Er hat als Zehnjähriger einem Kind das Leben gerettet. Allerdings verbirgt er seine Medaille in einem Bankschließfach und brüstet sich nicht mit seiner selbstlosen Tat.

Sehr wortgewaltig und mit feiner Symbolik greift Morrison in ihrem Roman mehrere Themen auf: zum einen die schrittweise Loslösung des Kindes aus der elterlichen Abhängigkeit und Fürsorge, verbunden mit der Angst vor dem Ungewissen und zum anderen die Frage, was es eigentlich bedeutet, mutig zu sein. Die Existenz der wirklichen und der „Anderswelt“ hat nicht nur in der englischen Literatur Tradition. P.R. Morrison schafft es in ihrem Roman zwischen beiden ein bewegendes Spannungsverhältnis aufzubauen, angereichert mit Geschichten aus der Vergangenheit und gegenwärtigen Problemen ihres Helden. Diesmal knechtet nicht der Mensch die Natur, sondern die Kräfte des Windes fordern ihn heraus. Weder Archies Großvater noch sein Vater haben sich dem Angriff gestellt. Das hat ihren Lebensradius zwar verkleinert, froh sind sie trotzdem geworden. Die sprachlich fantasievolle Autorin beschreibt die Natur in all ihren Erscheinungen, mal bedrohlich, dann wieder vertraut oder geheimnisvoll. Sie personifiziert die Eismöwen und der Wind steht als Metapher für Beweglichkeit, Bedrohung aber auch Weitsichtigkeit. Aus der Perspektive der jugendlichen Hauptfigur erzählt, bleibt der Leser durch einen langen Spannungsbogen und einen spannenden Showdown im Ungewissen, ob die handlungsreiche Geschichte zu einem guten Ende geführt wird.

P.R. Morrison erzählt ein modernes Märchen, das genau der archaischen Struktur folgt: Einst gingen die Jungen allein in den nahegelegenen Wald, um Gefahren zu überstehen und um dann mit einem Namen ausgestattet in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden.
Archie, ein Junge, der seinen eigenen Mut erst entdecken muss, stellt sich seinem ärgsten Feind dem Riesen Tornado. Zauberdinge, wie die Gaben der Vorfahren, helfen ihm auf seinem gefahrvollen Weg, lateinische Zauberworte bannen die Kraft der Winde, ein Onkel leitet ihn, die Eismöwen stehen ihm bei, aber die entscheidende Tat muss der Held allein vollführen.

Fazit:

„Der Windzähmer“ ist ein literarisch ansprechendes, gut durchkomponiertes Buch und ein Leseabenteuer, das für Jungen wie Mädchen geeignet ist, die von der Durchdringung der realen und magischen Welt fasziniert sind.

Karin Hahn


Meinungen zu diesem Buch

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Nicole Baumann meint:
Dieses Buch ist sehr spannend und aufregend erzählt. Der Satzbau ist ein wenig anstrengend geschrieben, was vielleicht von der Übersetzung aus dem Englischen herkommen mag. In der Regel ist der englische Originaltext einfacher zu lesen. Das Buch ist spanned von Anfang an und macht es leicht, in einem durchlesen zu wollen, so dass man nicht aufgibt.

Dieses Buch kann ich nur weiterempfehlen. Genau richtig fuer Kinder ab 10 Jahre oder auch älter.
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