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Buchcover: Dagmar H. Mueller: Herbst im Kopf

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Herbst im Kopf von Dagmar H. Mueller

erschienen bei Annette Betz

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

[ab 5 Jahren]

Paula ist ein kleines schlaues Mädchen, das uns von ihrer Oma Anni erzählt, die sie sehr lieb hat. Aber ihre Oma macht manchmal merkwürdige Sachen und das liegt daran, dass sie eine komisch klingende Krankheit mit dem Namen Alzheimer hat.

Oma Anni lebt mit Paulas Familie unter einem Dach und das ist auch gut so, denn Oma Anni ist nicht so wie die meisten anderen Omas, da sie hat die Krankheit Alzheimer hat. Dass Oma Anni krank ist, erkennt man hauptsächlich daran dass sie alles vergisst, vor allem Dinge die gerade erst passiert sind. Sie vergisst auch bestimmte Wörter oder Namen von Leuten, die sie eigentlich gut kennt. Sie erinnert sich aber schon an Erlebtes aus ihrer Kindheit. Blöd ist nur, dass man Alzheimer äußerlich nicht erkennen kann und Oma muss auch nicht im Bett liegen, wie bei einer schlimmen Erkältung. Als Paulas Freundin Sinja zu Besuch kommt, denkt Oma Anni es sei ihr verstorbener Mann, der da klingelt. Auch Sinja stellt fest, dass Paulas etwas andere Oma, genauso aussieht wie Omas eben aussehen sollen – lieb eben.

Um die Krankheit noch besser zu verstehen, bastelt Paula mit ihrer Mama einen Baum, dessen Zweige und Äste für Stationen aus Oma Annis Leben stehen. So hat sie schnell verstanden, dass nun Herbst bei Oma Anni im Kopf ist und der Wind zuerst die obersten Blätter wegfegt. Am festesten sitzen die Blätter, die schon am längsten am Baum hängen. Deswegen kann Oma Anni sie sich an so viele Dinge erinnern, die lange her sind.

Paula erzählt dann, dass Oma Anni es gar nicht mag, wenn man tuschelt, dann wird sie wütend auf die Alzheimer Krankheit, weil sie versteht, dass über sie geredet wird und sie nichts dagegen tun kann. Oma Anni schaut dann ganz unfreundlich, aber Paula tut sie so richtig leid. Denn die versteht, dass ihre Oma sich ganz einsam fühlt. Paula will ihr in solchen Momenten so gerne helfen, aber ihre Mama erklärt ihr, dass der Herbst im Kopf nicht mehr aufzuhalten ist. Deswegen setzt sich Paula in solchen Momenten zu ihrer Oma und drückt und küsst sie, damit sie sich nicht so unwohl sondern ein wenig geborgen fühlt.

Auch wenn Oma Anni sich häufig nicht mehr daran erinnert, dass Paula ihre Enkelin ist, geht sie trotzdem jeden Abend noch oben zu ihr, damit sie ein wenig Gesellschaft hat. Dann gibt Paula ihr ganz versteckt kleine Tipps, damit sie wieder weiß ob sie sich an oder ausziehen wollte. Danach lesen die zwei zusammen Bilderbücher, denn das kann man mit keinem Menschen auf der ganzen Welt so gut, wie mit Oma Anni, die Paula so lieb hat.

Die schlichten Illustrationen von Verena Ballhaus zeigen sehr passend, dass Oma Anni, dargestellt als die typische liebenswerte Omi, manchmal in einer anderen Welt lebt. Ihre Gedankenwelt ist oft ungewöhnlich und bizarr, was in zarten Zeichnungen hauptsächlich im Hintergrund gezeigt wird. Verschobene Perspektiven und schwebende Personen verdeutlichen die Ängste und die zunehmende Isoliertheit der Alzheimer-Kranken. Es wird aber ebenso deutlich, dass Oma Annis Welt manchmal ein Teil unserer Welt ist, auch wenn sie hauptsächlich in der Vergangenheit lebt.

Wunderschön auch das Bild vom Lebensbaum, dem alle Erinnerungen in Form von Blättern anhaften. Zu Beginn der Alzheimer-Erkrankungen sind meist nur das Kurzzeitgedächtnis und das Lernvermögen beeinträchtigt. Kürzlich zurückliegende Ereignisse sind wie „weggeblasen“. Im weiteren Verlauf wird dann auch das Langzeitgedächtnis mehr und mehr in Mitleidenschaft gezogen. Dann gehen auch alte Erinnerungsblätter verloren. Und so vertreibt der Herbst in Oma Annis Kopf auch irgendwann die Namen der Kinder und Enkelkinder, Freunde und Angehörige werden zu Fremden.

Diese liebevoll erzählte Geschichte zeigt deutlich, dass man es nicht persönlich nehmen darf, wenn der Kranke gemeinsame Unternehmungen oder den Namen vergisst. Wichtig ist dann, dass man diese vergessenen Informationen unauffällig in das Gespräch einfließen lässt. Wie das funktioniert, zeigt uns Paula insbesondere auf den letzten Seiten, wenn sie Oma Anni unauffällig darauf hinweist, dass sie gerne noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen haben möchte und Oma dann wieder einfällt, dass sie sich aus und nicht anziehen muss.

Der Text ist für ein Bilderbuch sehr ausführlich, wird aber zu keiner Zeit langatmig. Das Thema braucht die Wiederholungen, die unterschiedlichen Erklärungen und die vielen Beispiele. Auch wenn die Sprache stellenweise ein wenig zu kindlich einfach erscheint, so wird doch deutlich, dass Wert darauf gelegt wurde, Kinder vieler Altersstufen, das Buch näher zu bringen. Eingebettet in die Geschichte von Sinjas Besuch bei Paula wird dadurch auf ganz leichte Art und Weise für Kinder bestens verständlich erklärt, worum es sich bei dieser Krankheit handelt.

Angehörige Alzheimer-Kranker sind häufig der Verzweiflung nahe, da sie einem zeitweise aggressiven oder orientierungslosen Menschen zusammenleben, der sich nicht mehr an die Aufteilung der eigenen Wohnung erinnert. Doch Enttäuschung, Aggresivität und Frustration sind nicht die Themen dieses Buches. Hier geht es schlicht und einfach, um ein Mädchen das ihre Oma so liebt wie sie ist und allen mitteilen möchte, was die Symptome der Alzheimer Krankheit sind, die ihre Oma Anni so verändern.

Fast eine Millionen Menschen leiden z.Zt. (2007) an Alzheimer und zwischen 70 und 90 Jahren ist schon jeder Dritte betroffen. Im Hinblick auf unser immer länger werdendes Leben ist es also notwendig, sich rechtzeitig mit diesem Thema zu beschäftigen. Kinder haben im Allgemeinen viel weniger Probleme mit Behinderungen oder Krankheiten. Kommen sie im Freundes- oder Familienkreis mit Alzheimer in Berührung, dann ist es wichtig für sie, schnell und kindgerecht mit sinnvollen Erklärungen versorgt zu werden. Ein Buch wie dieses ist dabei sehr hilfreich. Denn einzig ganz viel Geduld und Liebe gepaart mit Sachkenntnis kann die schleichend schlimmer werdende Demenz für Kranke und für Angehörige erträglich machen. Paula zeigt uns allen auf berührende Weise wie das geht.

Fazit:

„;Herbst im Kopf“ ist ein wichtiges Buch, insbesondere wenn es in der Familie Alzheimerkranke Angehörige gibt. Dann hilft diese liebevolle Erzählung über Nächstenliebe, mit erstaunlich viel Sachinformation zum Thema Alzheimer, die ungewöhnlichen Verhaltensweisen der Erkrankten besser zu verstehen.

Gabriele Jansen


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