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Buchcover: Isabel Müller: Die grüne Meeresschildkröte

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die grüne Meeresschildkröte von Isabel Müller

erschienen bei Gerstenberg

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

ab 5 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Kinderbuch des Monats 1.2014. Schildkröten sind faszinierende, seltsame Tiere. Sie leben seit ewigen Zeiten und überall auf der Welt: in der Wüste, im Sumpf, in den Ozeanen. Dieses Sachbilderbuch begleitet eine der mehr als 300 Arten – die Grüne Meeresschildkröte – auf ihrer Lebensreise.

Der Innendeckel ist eine Weltkarte: die Kontinente sind zu sehen, die Meere und der gestrichelt eingezeichnete Reiseweg einer Schildkröte rund um den indischen Ozean. Ein Sachbuch also. Oder doch ein Bilderbuch? Erwarten uns auf der ersten Seite doch eine doppelseitige Illustration – Sterne, das hellblaue Meer, der Strand und ein großer Haufen weißer Kugeln – und wenige in den nachtblauen Himmel geschriebene Sätze: „Es ist Nacht auf Raine Island. Alles ist still, nur das leise Rauschen der Wellen ist zu hören. Da bewegt sich was im Strand!“ In der Tat, die Kugeln sind Eier und in einem ist ein kleines Loch, ein Auge ist zu sehen. Ein Meeresschildkrötenbaby klettert aus dem Ei, tischtennisballgroß, und verlässt im Schutz der Dunkelheit seine Kinderstube.

Und damit ist aus dem Sach-oder-Bilderbuch schlicht und einfach eine spannende Geschichte geworden. Denn die kleine Schildkröte muss sich beeilen, ins Wasser zu kommen. „Klein wie sie ist, ist sie eine leichte Beute“ für die auf der nächsten Seite riesenhaft über ihr schwebende Silberkopfmöwe. Aber: „Geschafft!“

Eine spannende Geschichte, die immer bei den biologischen Fakten bleibt. Und nichts davon auffährt, was viele Bilderbücher vermeintlich brauchen, damit sich die Kinder mit den tierischen Protagonisten identifizieren können: lustige Namen, Hosen und Mützen, menschliche Eigenschaften, menschliche Verhaltensweisen. Unsere Grüne Meeresschildkröte „orientiert sich am hellen Leuchten der Meeresoberfläche, um schnell ins Wasser zu kommen“, sie fragt kein anderes Tier nach dem Weg. Sie hat auch keine Mama und keinen Papa und keine Geschwister und ist auch nicht mit dem Hai oder mit dem Rochen befreundet – „Meeresschildkröten sind Einzelgänger“ und haben auch keine Aufgaben zu bewältigen, ohne Schnuller klar kommen etwa, den ersten Tag in der Meereskinderschule oder einen Schatz finden. Bei ihr geht’s schlicht ums Überleben: „Um schnell an einen sicheren Ort zu gelangen, schwimmt sie immer weiter auf das offene Meer hinaus.“

Die Identifikation gelingt einfach. Vielleicht durch die anschauliche Sprache, vielleicht auch durch die zeitlos faszinierende Geschichte vom Kreislauf des Lebens und sicherlich durch die Illustrationen. Die nie sachbuchtypische Schaubild- und Kastenansammlungen sind, aber auch nie einfach nur niedlich. Sondern doppelseitige meergrüne, ozeanblaue, sandbraune ruhige Hintergründe, darauf aus Papier geschnittene Algen und andere Wasserpflanzen, die Tiere dazwischen zu plastisch wirkenden Collagen arrangiert: Quallen, Kraken und Tintenfische, Pottwale und Seekühe und Seepferdchen und viele bunte Fische mit lustigen Namen: Büffelkopf-Papageifisch, Langnasen-Doktorfisch, Leopard-Drückerfisch.

Auf jeder Seite ist die kleine Grüne Meeresschildkröte zu sehen, mal ganz klein, umgeben von hungrigen Fressfeinden, mal von oben, von unten, von vorne, von der Seite, mal ganz groß, nur der Kopf. Nie niedlich. Aber schön. Jede Seite präsentiert die Fakten als eigene kleine Geschichte über die jeweilige Lebensphase unserer Schildkröte.

Auch Kinder, die eigentlich mehr an Geschichten als an Fakten interessiert sind – und auch Erwachsene, deren Faszination für große Meerestiere bis dato gering war – merken sich wie im Vorbeigehen, dass Meeresschildkröten ihren Kopf nicht in den Panzer einziehen können, weil er so flach ist – damit sie stromlinienförmig durchs Wasser gleiten können; dass sie alle paar Stunden zum Luftholen auftauchen müssen; dass unsere Grüne Meeresschildkröte 1,50 m lang werden kann und Lederschildkröten noch mal größer; dass es Schildkröten auch schon bei den Dinosauriern gab und dass Grüne Meeresschildkröten früher sehr viel gegessen wurden und deshalb auch Suppenschildkröte heißen. Und andersrum: auch kleine Faktenfresser wollen nach den ersten Seiten mehr wissen als nur: wie lang, wie schwer, wie groß, wie alt und wie scharf die Zähne. Sondern: wie geht es weiter?

So: Nachdem die Schildkröte – zwanzig Jahre alt und 100 Kilo schwer – tausende Kilometer unterwegs war im offenen Meer begibt sie sich, von einem inneren Kompass geleitet, auf den langen Weg zurück zu der kleinen, einsamen Insel Raine Island vor Australien, auf der sie geschlüpft ist. Trifft dort auf ein erwachsenes Schildkrötenmännchen, die beiden paaren sich im seichten Gewässer und gehen dann wieder getrennte Wege. Unsere Schildkröte kriecht auf den Strand, gräbt ein Loch, legt etwa hundert Eier hinein und kehrt ins Meer zurück. Geschützt vom Sand und gewärmt von der Sonne schlüpfen etwa sechs Wochen später die Schildkrötenbabys.

Und dann beginnt die lange Reise des Lebens von Neuem – was viele Kinder gerne ebenfalls wieder und wieder aufs Neue hören und anschauen.

Fazit:

Eine faktenreiche Geschichte über ein faszinierendes Tier, der kleine Faktenfresser gebannt zuhören werden und gleichzeitig ein bezauberndes Sachbuch über den Kreislauf des Lebens, das kleine Geschichtenfans lieben werden.

Sigrid Tinz

 

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