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Buchcover: Patrick Ness: Sieben Minuten nach Mitternacht

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

erschienen bei Cbj-Verlag

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

[ab 11 Jahren]

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Conor erwacht jede Nacht von einem schrecklichen Albtraum – immer um sieben Minuten nach Mitternacht. Doch eines Tages ruft jemand seinen Namen. Es ist ein Monster, das doch sonst nur die Eibe auf dem Friedhof war. Conor kann nicht glauben, dass es das Monster wirklich gibt. Die Blätter, Beeren und ein Spross, der aus dem Fußboden wächst, sprechen jedoch eine andere Sprache. Aber es ist nicht das Monster aus der Eibe, vor dem Conor sich fürchtet. Das, was ihn in seinem schlimmen Albtraum immer wieder heimsucht, ist viel, viel schlimmer.

Conors Leben steht auf wackeligen Beinen. Sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen, um mit einer anderen Frau in Amerika zu leben. Dort hat er bereits eine neue kleine Familie mit ihr gegründet. Conors Mutter ist schwer an Krebs erkrankt. Obwohl sie schon zahlreiche Chemotherapien durchgemacht hat, verschlechtert sich ihr Zustand weiter. Noch will Conor nicht wahrhaben, was alle um ihn herum bereits wissen. Seine Mutter wird sterben. Er hält verzweifelt an der Hoffnung fest, dass seine Mutter wieder gesund wird. Gleichzeitig – und weit verborgener als das gute Gefühl, die Hoffnung – tobt auch ein düsteres, „bösartiges“ Gefühl in ihm. Conor wünscht sich, dass der Schmerz, die Ungewissheit und das Leiden – nicht nur das seiner Mutter, sondern auch seines – endlich ein Ende haben möge; dass er erlöst wird von dem langen Abschied und endlich wieder damit beginnen kann zu leben. Dieser Wunsch löst derartig große Schuldgefühle in ihm aus, dass Conor sich geradezu wünscht, bestraft zu werden. Doch sein Umfeld reagiert nur mit Milde auf seine Verfehlungen. Sei es die Zerstörung des Wohnzimmers der Großmutter oder die Tatsache, dass er einen schulbekannten Mobber krankenhausreif schlägt. Conor will am Ende nicht mehr unsichtbar sein für seine Umwelt – will nicht den Schleier der Rücksichtnahme über sich tragen, der ihn isoliert.

Die widerstreitenden Gefühle überfordern Conor so sehr, dass sich seine innere Zerrissenheit jede Nacht in einem furchtbaren Albtraum bahn bricht: Er hält seine Mutter fest, die über einem tiefen, dunklen Abgrund schwebt – und am Ende lässt er sie los. Er spricht mit niemandem über seinen Traum; in dem Gefühl, ganz allein mit seiner Verzweiflung zu sein, entscheidet er sich für eine unangreifbare Festung aus Hoffnung und Schweigen.

Als sich eines Nachts die große Eibe vom Friedhof erhebt, die Conors Mutter so gerne betrachtet, steht ein monströses Monster vor seinem Zimmerfenster, das aus Ästen, Zweigen, Blättern und Beeren besteht. Aber es hat ein Gesicht, Arme und Beine und eine mächtige Stimme …Conor aber fürchtet sich nicht vor dem Ungetüm, das von sich sagt, es sei das Leben selbst und er, Conor, habe ihn gerufen. Conor, der mit weit Schlimmerem gerechnet hat, als mit diesem Ungetüm, geht zuweilen ziemlich respektlos mit den nächtlichen Besucher um. Patrick Ness entwickelt hier so manches mal einen temporeichen, humorvollen Schlagabtausch zwischen den beiden. Vor allem Conors Kommentare zu den Geschichten, die ihm das Eibenmonster erzählt, wirken sehr erfrischend und authentisch. Der „Deal“ zwischen dem Monster und Conor beinhaltet, dass das Monster ihm drei Geschichten erzählt – Conor aber am Ende daran ist, seine zu erzählen. Und er muss die Wahrheit sagen, über sich und das wahre Monster in seinem Albtraum.

Am Ende machen die Geschichten des Monsters, die Conor – gelinde gesagt – zunächst für ziemlichen Unsinn hält, alle Sinn, denn sie zeigen, dass Menschen nicht nur gut oder nur böse sind. Auch wenn sie Gutes denken wollen, reagiert ihr Verstand – der die Wahrheit kennt – und drängt auf die wahren Gefühle.

In dem herzzerreißenden Höhepunkt der Geschichte versteht Conor, dass er den Zorn auf das Leben annehmen muss, um seine Mutter wirklich loslassen zu können.

Patrick Ness, der mehrfach ausgezeichnete Londoner Kinder- und Jugendbuchautor, übernahm von der leider viel zu früh verstorbenen Siobhan Dowd das Exposé und den Anfang dieser außergewöhnlichen Geschichte. Zunächst hatte Ness Zweifel. „Was ich nicht wollte – nicht tun konnte – war, einen Roman zu schreiben, in dem ich versuchte ihre Stimme nachzuahmen.“ Doch es ist ein Glück, dass Patrick Ness diese Herausforderung angenommen hat. Entstanden ist ein wahrhaftiges, außergewöhnliches und kraftvolles Buch, das seine Leser ganz und gar für sich einnimmt.

In dem Balanceakt zwischen Traum und Wirklichkeit erschafft Ness eine faszinierende Grauzone, die auch den Leser zwischen den Welten schweben lässt.

Auf wunderbar symbolische Weise tritt das Monster aus dem Baum heraus – es symbolisiert das Leben selbst und damit Conors innersten Wunsch nach Leben. Es ist die Urkraft, die unbändige Wildheit, die Conor hilft, seine Wut und seine Frustration herauszulassen, aus der Starre aus Schweigen und Trauer herauszubrechen. Ist das Monster echt, das Conor nachts, um sieben Minuten nach Mitternacht besucht? Oder entspringt es der gesunden Reaktion seines Verstandes, der ihm helfen will, wieder in das Leben zurück zu finden? Wie man es auch betrachten will, für Kinder ist diese starke Symbolik von unwiderstehlicher Sogkraft und in ihrer Welt eine hervorragende Hilfestellung. Das Monster hat das Zimmer zertrümmert, hat den Jungen geschlagen – es ist das Monster in jedem von uns, das uns dann und wann dazu ermutigt, unserer Wut Luft zu machen. Dass in diesem schwierigen Prozess des langen Abschieds vom Leben, wie es Conors Mutter durchmachen muss, nicht nur Mitgefühl und Liebe eine Rolle spielen, ist Kindern – und auch vielen Erwachsenen – nicht immer klar. Diese Grenzsituation löst in jedem etwas aus, das nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist. Mit der Figur des Monsters zeigt Patrick Ness – in der eigentlichen Idee von Siobhan Dowd – einen Katalysator.

Diese psychologischen Hintergründe treten zunächst in der Geschichte gar nicht in den Vordergrund, sie sind vielmehr am Ende da und beschäftigen nachhaltig. Würde ich aufgrund der vorbehaltlosen Offenheit im Umgang mit diesem schweren Thema vielleicht dazu tendieren, dies eher als ein Jugendbuch als ein Kinderbuch einzustufen, sind die am Ende sehr klaren und wunderbar formulierten Erklärungen so gut nachzuvollziehen, dass ich das Buch auf jeden Fall für Kinder empfehlen würde. Für leseerfahrene Kinder, die gerne mal über den Tellerrand hinausschauen – aber auch für Kinder, die von einem ähnlichen Schicksal wie Conor betroffen sind. Es kann ihnen helfen, mit ihrer zweifellos berechtigten Wut zurecht zu kommen, ihnen vielleicht der Anstoß zum Gespräch sein.

Die Sprache von Patrick Ness ist kraftvoll, klar und reich an Bildern, die er mit leichter Hand in der Vorstellungskraft seiner Leser entfacht. Wenn er beschreibt, wie das Monster für seine Geschichten aus dem Nebel eine Szenerie entstehen lässt, ist das echtes Kino im Kopf. An nicht wenigen Stationen der Geschichte entspinnt sich eine Atmosphäre, die unheimlich und unwirklich zugleich ist. Patrick Ness gelingt es dennoch, zu jedem Zeitpunkt wahr und lebensnah zu bleiben. Ehrlich und ohne jede Sentimentalität beschreibt er die letzte gemeinsame Wegstrecke von Mutter und Sohn und rührt damit zu Tränen.

Die Illustrationen von Jim Kay sind wirklich außergewöhnlich und unterstützen die Geschichte in ihrer ungestümen, dunklen Atmosphäre genial. Fast bestehen sie nur aus Schwärze, Konturen entstehen durch helle Blitzer aus Weiß. Das wilde Eibenmonster ist derart urgewaltig aber dennoch schemenhaft dargestellt, dass es eine wirklich überzeugende Wiedergabe ist, ohne jedoch zu viel von der fantastischen Figur vorweg zu nehmen. Der selbstständige Ilustrator aus Northamptonshire in England hatte das „Ziel, die Atmosphäre der Erzählung zu bereichern, ohne den Leser in seiner persönlichen Interpretation des Textes einzuschränken.“ Dies ist ihm zweifellos auf sehr beeindruckende Weise gelungen.

Fazit:

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist eines der Bücher, die man niemals vergisst. Patrick Ness erzählt eine so aufrichtige und ergreifende Geschichte voller tröstlicher Lichtpunkte, dass sie tief berührt. So essentiell und vorbehaltlos erzählt, ist es ein Buch, das ich Kindern empfehlen würde, die über viel Leseerfahrung verfügen und gerne über den Tellerrand hinaus schauen. Für betroffene Kinder ist es ein wunderbares Buch, weil es so ehrlich und wahrhaftig das Schwierigste beim Namen nennt und es auf verblüffend einfache Weise zu erklären vermag. Patrick Ness und Siobhan Dowds Roman ist ein Plädoyer für das Leben, die Liebe und den Verlust, die zueinander gehören wie der Tag zu der Nacht.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

Meinungen zu diesem Buch

[Leser-Kommentare überspringen]

Kassandra meint:
Moritz Sesterhenn meint:
hannah meint:
pilot meint:
ich bin betroffene...und mir machte es angst und wirkt auch dahingehend ebenso nach.
ist das nun positiv oder negativ?
jeder soll selbst entscheiden.
ich bin mittlerweile selbst mutter und bin nicht der meinung das dies ein kinderbuch ist.
sicherlich ausdrücklich für die jugendliteratur zu empfehlen aber nicht für kinder.
dies kann natürlich an meiner voreingenommenheit,zwecks -selbst betroffen-liegen,aber um die persönliche meinung geht es ja schließlich.
Melina Schneider meint:
Ein tolles und spannendendes Buch. Ich habe es gelesen und habe mich sofort in dieses Buch verliebt.Wenn ich eine Kritikerin wäre würde ich sagen bzw. schreiben´Mit so viel Emotion und Gefühlen habe ich nur wenige Bücher gelesen!´
Ich empfehle es nur weiter
:*
Endie meint:
Ich muss meiner Vorrednerin in einem Punkt widersprechen.
Sie hat wohl Recht, wenn sie meint, dass dieses hervorragende Buch nicht für das "allgemeine" Publikum geeignet sei. Doch wer Trauer trägt und Verlust erfährt oder erfahren hat, ist nicht "allgemein", sondern sehr intensiv und ich persönlich habe mich sehr von diesem Buch angesprochen gefühlt.
Ein Buch, das keinen Raum lässt für Phantasie oder Spekulationen, denn es ist hart und brutal nah am Geschehen geschrieben und zumindest ich konnte mich der Tränen kaum verwehren.
Und: ich wünsche mir ein ebensolches Monster, wie es für Conor da war und ich wünschte, ich hätte die Kraft, zu meiner eigenen Wahrheit zu stehen.
Und ich bin nicht mehr "jugendlich" - zumindest nicht laut Ausweis ;-)
Gaby Ferndriger meint:
Ein tolles Buch für Jugendliche, die einen nahestehenden Menschen verloren haben. Es ist psychologisch sehr gut aufgebaut und umgesetzt. Doch für das allgemeine Publikum ist das Buch nicht geeignet. Trotzdem Gratulation dem Verlag, das sie diesen Titel rausgebracht haben, wunderbar neben den Eintagsfliegen, die zur Zeit in deutschen Verlagen produziert werden. Ohne Preisbindung in Deutschland gebe es dieses Buch wohl nicht, nur schade, dass die Schweizer das nicht einsehen, zum Glück sind da die Deutschen klüger und solche Bücher werden auch in Zukunft gedruckt werden können.
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