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Buchcover: Andrea Paluch: Wolfsnacht

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Wolfsnacht von Andrea Paluch

erschienen bei Sauerländer

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

[ab 11 Jahren]

Zu später Stunde will Felix im Wald die Geburtstags-Marzipanschweine für seine kleine Schwester verstecken. Er ist ganz und gar nicht darauf gefasst, dabei auf einen Wolf zu treffen. Obwohl ihm zunächst einmal ein ordentlicher Schreck in die Glieder fährt, nutzt er die Geschichte, um heldenhaft im Rampenlicht zu stehen. Der ganze Ort befindet sich mittlerweile in heller Aufregung und trachtet dem Wolf nach dem Leben. Doch Lea, seine Klassenkameradin, macht den sonst so gleichgültigen Felix tatsächlich zu einem Tierschützer.

Dabei ist Lea mit ihm auf totalem Konfrontationskurs. Zum einen schenkt sie Felix´ reißerischer Geschichte über seine Wolfsbegegnung keinen Glauben, zum anderen hält sie ihn für einen eher oberflächlichen Jungen, der in erster Linie nur an sich denkt. Irgendetwas an Lea bewirkt, dass es Felix auf einmal wichtig ist, was sie über ihn denkt und er stellt sich einem Gespräch unter vier Augen. Dabei erfährt er von Leas Sicht auf die Dinge, die aktives Mitglied bei Greenpeace ist. Gemeinsam schwänzen sie die Schule und stellen Nachforschungen an, ob der Wolf – der in unseren Breitengraden bereits als ausgestorbene Gattung gilt – wirklich abgeschossen werden darf. Im Rathaus finden sie kaum Hilfe und recherchieren weiter im Internet. Dort finden sie einen Hinweis, dass der Wolf zu den geschützten Arten gehört – und keinesfalls getötet werden darf. Während Felix sich darum bemüht, Lea vor einem Klassenbucheintrag wegen wiederholten Fehlens zu entgehen, hat Lea bereits Kontakt zu einem Großwildjäger aufgenommen. Nur, dass der den Wolf nicht töten, sondern fangen soll. Währenddessen wird die Presse auf Felix aufmerksam und er gibt, wie er findet, ein eindeutiges Statement zu seiner Wolfsbegegnung ab, nämlich, dass der Wolf eher scheu ist und man sich vor ihm nicht fürchten muss. Doch was hinterher in der Zeitung steht, ist ein ganz und gar anderer Wortlaut, der die Leute noch mehr in Angst und Schrecken versetzt. Bald sind schon Heerscharen von selbsternannten Wolfsjägern unterwegs, die Jagd auf das Tier machen. Dummerweise hatten Lea und Felix kurz zuvor noch einen heftigen Streit, weil Lea die Reifen der Polizei- und Militärfahrzeuge durchstechen will, Felix aber vernünftigerweise Skrupel äußert. Nun befürchtet Felix, dass Lea ihn nach dieser Sache und dem missglückten Interview für die Zeitung für einen Verräter und Feigling hält.

Bewaffnet mit einer Käsestulle, dem Handy seines Vaters und einem Sylvester-Böller macht sich Felix noch vor dem Morgengrauen auf die Suche nach dem Wolf, um ihn vor der wild gewordenen Menschen-Meute zu retten. Doch dann kommt alles ganz anders. Am Ende steckt Felix selbst in einer Wolfsfalle fest, mit einem gebrochenen Bein und kurz vor dem Erfrieren. Eine hoffnungslosen Lage – wenn ihn nicht sehr bald jemand findet …

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn das Autorenpaar Robert Habeck und Andrea Paluch haben einige Überraschungen in den Plot eingebaut, der nicht nur hoch spannend sondern auch unerwartet daherkommt. Aber bevor der Leser zu diesem im wahrsten Sinne atemlosen Höhepunkt der Geschichte kommt, bei dem Felix über die Grenzen seiner Kräfte hinausgeht, verstehen sie so manche Begebenheit einzubauen, die ihre Leser fesselt und abwechslungsreich durch die Geschichte führt.

Was unmittelbar auffällt, an diesem spannenden Roman, ist die Sprache. Gerade zu Anfang findet man manchen sprachlichen „Leckerbissen“, der so interessante Perspektiven eröffnet, dass sie gerade das Interesse leseerfahrener Jungen ab elf Jahren wecken dürften. Gleichzeitig verweben die beiden Autoren diese dichten Schilderungen mit ganz profanen, aber auch sehr zutreffenden Beobachtungen aus dem Alltag.

Der Ich-Erzähler Felix, der es gar nicht mag „mein Junge“ genannt zu werden, beschreibt dabei seinen Blick auf die Dinge und unterhält prächtig mit seinem trockenen Humor und seiner für Jungs so typischen Sichtweise. Wenn dann noch die aufrichtigen Gefühle für Lea durchblitzen, wirkt die Erzählung umso ehrlicher. Felix würde auf keinen Fall von sich selbst sagen, dass er verliebt wäre; vielmehr macht er sich Gedanken darüber, wie er das ramponierte Bild, das Lea von ihm hat, in ein rechtes Licht rücken kann, oder wie er auf dem Heimweg am effektivsten trödelt, damit Lea ihm rein zufällig über den Weg fährt. Trotz seiner „toughen“ Art spürt man deutlich, dass Felix ein sensibler und kluger Junge ist, der sich in (fast) allen Lebenslagen mit seiner Wortgewandtheit herausmanövrieren kann.

Und das bewundert Lea auch an dem Schlitzohr, der, im Gegensatz zu ihr, so manches Mal toleranter und entspannter ist als sie. Etwas sehr anstrengend ist Leas verbissener Aktionismus nämlich schon. Aber auch sie muss lernen differenzierter zu denken und zu akzeptieren, dass ein Raubtier ein Raubtier ist und dass der Mensch im Zweifelsfall vorgeht.

Durch Felix´ lebendig geschilderte Eindrücke hat der Leser das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein. Glaubwürdig schildert das erfolgreiche Autorenteam, wie so ein Vorhaben aus dem Ruder laufen kann. Damit verlässt der Leser die Sicherheit, der er sich hoffentlich sonst so gewiss sein kann, und begleitet Felix in einen Bereich, der zwar im Alltag verankert ist, aber doch zu einer eindeutigen Gefahrenzone wird.

Dabei verharmlosen Robert Habeck und Andrea Paluch den Wolf keinesfalls. Felix´ Begegnungen mit ihm zeigen deutlich, dass er durchaus gefährlich sein kann. Es bleibt jedoch immer bei einem glimpflichen Ausgang, wobei ich einerseits gut finde, dass man ein Raubtier – das es ja nun einmal ist – nicht verharmlost, gleichzeitig hatte ich aber auch Mitleid mit dem Wolf, als der Feuerwerkskörper in seiner unmittelbaren Nähe explodiert. Wahrscheinlich geht es vielen so: Wir verstehen, dass der Wolf vielfach zu Unrecht gejagt und nahezu ausgerottet wurde – andererseits müssen wir aber auch allzu sentimentale Gefühle außen vor lassen. Dies vermitteln Robert Habeck und Andrea Paluch durch die Ereignisse und auch durch die Schilderungen am Schluss.

Obwohl Robert Habeck und Andrea Paluch in erster Linie aus Felix´ Perspektive das Geschehen schildern, finden sich am Anfang und am Ende des Buches – in kursiver Schrift – eine Situationsbeschreibung des Wolfes, von der beobachtenden Warte aus geschildert. Wir erfahren nicht, was er „denkt“, aber in wenigen Worten wird deutlich, in welcher Welt der Wolf lebt.

Unter dem Titel „Felix und Lea – Jagd auf den Wolf“ ist das Buch bereits 2001 bei Omnibus erschienen und gehört zu der ursprünglich geplanten Trilogie um die beiden Romanfiguren Felix und Lea. Die Nachfolgebände „Felix und Lea – der Turm ohne Türen“ und „Jagd auf den Falken“, sind 2009/2010 ebenfalls bei Sauerländer erschienen.

Fazit:

Der Kinder- und Jugendroman „Wolfsnacht“ überzeugt nicht nur durch seine reizvolle Sprache, sondern auch durch die lebensnahen Schilderungen aus der Perspektive des Protagonisten Felix. Zusammen mit den sehr gut gesetzten, stimmungsvollen und bildstarken Beschreibungen ergibt sich eine anspruchsvolle aber auch mitreißende Erzählung, die vor allem Jungs ab elf beeindrucken wird.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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