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Buchcover: Oliver Scherz: Wenn der geheime Park erwacht, nehmt euch vor Schabalu in Acht

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Wenn der geheime Park erwacht, nehmt euch vor Schabalu in Acht von Oliver Scherz

erschienen bei Thienemann

geeignet für Kinder im Alter ab 7 Jahren

in mein Bücherregal

Jonathan, Kaja und Mo sind nicht gerade furchtsame Geschwister. Sonst wären sie vermutlich auch nicht auf die Idee gekommen, die Warn- und Verbostschilder rund um den verlassenen Vergnügungspark zu ignorieren.

Aber die Gondeln des Riesenrads, die verlassenen Boote und herumliegenden lebensgroßen Dinosaurerfiguren blitzen einfach zu verlockend durch das dichte Gestrüpp, als dass sie der Versuchung hätten wiederstehen können. Aber einmal den hohen Zaun überwunden, ist ihnen die verlassene Atmosphäre doch nicht einerlei und ihre Phantasie erweckt starre Figuren zum Leben. Nun heißt es: Augen zu und durch, denn umkehren kommt auch gar nicht in Frage.

Im Saloon der Westernstadt-Szenerie machen sie eine eigenartige Begegnung. Zwar sitzt am Tresen ein Cowboy aus Holz, wie man ihn in einer solchen Kulisse durchaus erwarten würde, doch ist er von der zentimeterdicken Staubschicht, die alles andere um ihn herum umgibt, verschont. Und als er gar, langsam zwar, aber nicht zu leugnen, ein Glas zum Mund führt und es austrinkt, stehen den Kindern vor Erstaunen die Münder offen. Geht nach Hause. Dieser Ort ist für euch verboten!, fährt er sie an, schwingt sich auf sein Pferd und reitet in die vor ihm liegende Prärielandschaft davon. Natürlich stachelt diese Ansage den Abenteuergeist der Kinder mehr an, als das sie sie zum Umkehren bringen würde. Also springen sie kurzerhand auf die drei vor dem Saloon stehenden Ponys und folgen dem Cowboy. Und damit beginnt für die Geschwister eine abteuerliche Zeit im verlassenen Vergnügungspark, in dem weit mehr los ist, als sie zu wagen geglaubt hätten. Denn ein aufgedrehter Clown namens Schabalu hat alle Bewohner des Parks mit seinen ständigen Feiern und dem vielen Süßkram ziemlich närrisch gemacht, so dass sich Dinosaurier um einen Zuckerwürfeln balgen, Indianer tiefe Löcher auf der Suche nach Zuckerschätzen buddeln und die Riesen die Reparatur des Berges über dem verführerischen Duft des Zuckerwattewagens völlig vergessen. In all dem Wahnsinn bemüht der Cowboy sich vergeblich, in dieses Chaos etwas Ordnung und seine Bewohner zur Vernunft zu bringen.

Und auch, wenn Jonathan, Kaja und Mo sein Anliegen grundsätzlich verstehen, übt auch auf sie das wunderbare, farbenprächtige Vergnügungsschloss so eine unbändige Faszination aus, dass sie sich eines Nachts, als der Cowboy am Lagerfereuer in einen tiefen Schlaf gefallen ist, davonstehlen. Dass sie auf dem Weg zum Schloss die Geisterwelt und den Piratensee durch- und überqueren müssen, hält sie nicht auf.

Im Schloss angekommen, übertrifft alles, was sie dort sehen, noch ihre Erwartungen. Dinosaurier und Riesen stopfen sich Unmengen an Gummitieren in die Mäuler und Münder und erwarten sehnsüchtig Schabalus Auftritt. Als dieser mit einem riesigen Wackelpudding auftritt und sich vom Piratenkapitän mit Hilfe einer Kanone mitten hinein schießen lässt, gibt es kein Halten mehr und die ganze Feier eskaliert in eine gigantische Wackelpuddingschlacht.

Als Schabalu jedoch die drei Kinder entdeckt, kann er sein Glück kaum fassen. Kinder, endlich wieder richtige Kinder in seinem Schloss! Schnell nimmt er sie unter seine Fittiche, um ihnen jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Ein Rundgang inklusive Verkostung zur Süßigkeitenmaschine ist dabei ebenso selbstverständlich, wie die wildeste Fahrt auf einem Karusell, die Kinder sich vorstellen können. Doch hier wird es Mo bereits zu viel, die Fahrt war übertrieben schnell und wild und von dem großen Süßkramklumpen in seinem Bauch ist ihm sowieso schon schlecht. Wie verlockend doch der Gedanken an sein warmes Bett zu Hause ist …

Doch Jonathan und Kaja sind bereits mit Schabalu weitergezogen. Jonathan möchte fliegen und Mo, voller Angst um seinen großen Bruder, begibt sich ängstlich auf die Suche nach ihm. Gerade noch rechtzeitig entdeckt Mo Jonathan mit einem großen Helm auf dem Kopf, wie er gefährlich nah am Rand einer hohen Mauer steht und sich zum Sprung bereit macht. Ein Schritt in die falsche Richtung und Jonathan würde in die Tiefe stürzen. Da von Schabalu oder Kaja, die auf ihn aufpassen könnten, weit und breit nichts zu sehen ist, springt Mo zu Jonathan, umklammert seine Beine und verhindert so ein großes Unglück. Jonathan, der wie aus einer Art Trance erwacht, begreift schlagartig die Situation und auch, dass die Brüder ganz schnell Kaja suchen müssen.

Diese finden sie in einer Art Prinzessinnenraum, über und über behangen mit Schmuck und Ringen, ausstaffiert mit einem Traum von Kleid und umgeben mit so vielen Geschenken, wie sich niemand vorstellen kann. Und in all diesen Überfluss bringt Schabalu immer neue Geschenke. Kaja ist überglücklich und kann überhaupt nicht verstehen, warum ihre Brüder ausgerechnet jetzt diesem Paradies den Rücken kehren wollen. Doch als die beiden sich nicht davon abbringen lassen, unbedingt wieder nach Hause zu wollen und Schabalu zudem noch anfängt, sich über sie lustig zu machen, sieht Kaja ein, dass der Zeitpunkt gekommen ist, den Park zu verlassen. Doch so einfach lässt Schabalu die Kinder nicht entkommen und folgt ihnen auf den Füßen hopsend und den Armen laufend und schließlich kugelnd bis aus dem Schloss hinaus. Und wären dort nicht schon der Cowboy und sein Lasso bereit gewesen, wer weiß, ob die Kinder tatsächlich jemals wieder zurückgekehrt wären …

Egal, ob es die Menge an Süßigkeiten zur Weihnachtszeit oder die Anzahl der Karussell-, Achterbahn- oder Riesenradfahrten auf dem Rummel ist die meisten Kinder wollen immer mehr. Die Mundwinkel hängen nach unten, wenn die spaßbremsenden Eltern verkünden, dass drei Fahrten dann doch auch mal genug sind. Unbegrenzte Fernseh- oder Internetstunden, Chips und Popcorn ohne Einschränkung, Saft und Limonade in Strömen – davon träumt wohl jedes Kind. Doch was passiert, wenn sich dieser Wunsch tatsächlich einmal erfüllen sollte? Vermutlich wäre die Begeisterung zunächst groß, doch bald hätte sich die Freude über die neue Freiheit sicherlich gelegt. Der Bauch würde von den vielen Süßigkeiten schmerzen, der Magen vom vielen Toben und Karussellfahren eigene Purzelbäume schlagen und im schlimmsten Fall wäre der Spaß an diesen besonderen Dingen für immer verdorben.

Sei es nun Gerhard Schönes Lied „Kinderland“ oder die Geschichte von Jonathan, Mo und Kaja – beide Beispiele zeigen, dass das Besondere seinen Reiz verliert, wenn es im Übermaß vorhanden ist. Schnell kann dieses Schöne und Exklusive kippen und zu etwas Unerwünschtem werden, das lieber vermieden werden soll. Oliver Scherz vermittelt diese Botschaft in eine spannende und kurzweilige Erzählung verpackt, die vor überraschenden Wendungen nur so strotzt und in der ganz normale Kinder zufällig in eine verrückte Welt hineingeraten, aus der sie mit Mut, Erkenntnis und Selbstbewusstsein wieder heraus kommen. Dass diese Kinder nicht als Helden auf die Welt gekommen sind und sich in einigen Situationen unsicher sind oder Angst haben, erleichtert die Identifikation mit ihnen. Stattdessen erleben Leserinnen und Leser das Abenteuer gemeinsam mit den drei Geschwistern. „Wer ist eigentlich dieser mysteriöse Schabalu, zu dem alle wollen?“ fragen sich die Geschwister und damit auch ihre Leser. Und spätestens mit diesem über allem schwebenden Geheimnis ist die Lese-Neugierde so weit geweckt, dass sich auch vorsichtige Kinder auf das Abenteuer, auf das Kräftemessen zwischen aufgedrehtem Übermaß und spaßfreiem Pflichtbewusstsein einlassen. Denn als Gegenpol zum aufgefdrehten Schabalu versucht der hölzerne (sowohl im tatsächlichen, als auch im übertragenen Sinne) Cowboy, die Ordnung wieder herzustellen. Was Schabalu zu bunt, zu süß, zu unbeständig, zu lustig und zu aufgedreht ist, ist er in allem das Gegenteil. Daher können auch die die drei Geschwister zunächst dem Reiz Schabalus nicht widerstehen, erkennen aber letzten Endes, dass das Eine nicht ohne das Andere sein kann und das gesunde Maß in der Mitte liegt.

Sprachlich wählt Oliver Scherz die richtigen Worte und Ausdrücke, um die lesenden Kinder in ihrer Welt abzuholen, ihnen spannende und unterhaltsame Stunden zu bieten und ihnen gleichzeitig eine wichtige Erkenntnis mit auf den weiteren Lebensweg zu geben, ohne dafür mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt zu gehen. Die einzelnen Buchkapitel haben eine angenehme Länge und können, jedes für sich, auch von weniger geübten Lesern gut durchgelesen werden.

Durch die Illustrationen von Daniel Napp wird der kindliche Charakter der Geschichte betont. Die Geschwister hätten auch cool und abgebrüht dargestellt werden können, stattdessen wirken sie auf den warmen und herzlichen Bildern wissbegierig, aufgeschlossen, abenteuerlustig und dabei irgendwie knuffig. Die Zeichnungen sind eine willkommene Abwechslung zwischen zahlreichen reinen Textdoppelseiten. Sie verdeutlichen schön die vorab beschriebene Szene und bereichern sie mit zusätzlichen Details. Dabei variieren sie von kleinen Detailzeichnungen bis hin zum Seiten füllenden Format. Weder im Text noch auf den Bildern sind die Kinder jemals ernsthaft in Gefahr, so dass das Buch auch für zart besaitete Gemüter nicht zu spannend sein dürfte.

Fazit

Ist Schabalu erst einmal losgelassen, ist das Leben nur noch Quatsch und Spaß. Ein Paradies für Groß und Klein? Wohl kaum, denn Achterbahn und Süßigkeiten kann nur genießen, wer auch die andere Seite kennt. Ein turbulenter, reich bebilderter Spass für Jungs und Mädchen ab 7 Jahren.

Claudia Goldammer

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