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Buchcover: Marcin Szczygielski: Hinter der Blauen Tür

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Hinter der Blauen Tür von Marcin Szczygielski

erschienen bei Sauerländer

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

Hinter einer besonderen blauen Tür …verbirgt sich eine fremde Welt. Doch Vorsicht! Hier lauern jede Menge Gefahren und dunkle Geheimnisse, die auch in unsere Welt gelangen wollen. Wie Lukasz es schafft, diese fremde Welt zu betreten und ihre Geheimnisse zu lüften, davon erzählt der polnische Autor Marcin Szczygielski in seinem spannenden Fantasy-Roman für Kinder.

Schon mal vorweg, Hinter der Blauen Tür ist ein sehr fantasievolles, atmosphärisches Buch, aber nichts für zarte Gemüter. Wer lieber eine schöne, fantasievolle Gutenachtgeschichte möchte, in der es ganz harmonisch zugeht, der sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen. Denn in der Welt von Lukasz ist gar nichts harmonisch in dieser realen Welt nicht und auch nicht in der Welt hinter der blauen Tür. Gepaart mit großen Familiengeheimnissen ist das schon ein ganz schönes Paket, das der Junge tragen muss. Und nicht alles ist am Ende gut, aber doch einges, das auch vorneweg.

Aber der Reihe nach: Lukasz und seine Mutter fahren endlich in den Urlaub, auf den sie sich so gefreut haben. Ihre Fahrt ist ganz und gar unbeschwert, doch dann geschieht es ganz plötzlich: Ein schwerer Autounfall. Lukasz Mutter liegt im Koma, Lukasz liegt sehr lange im Krankenhaus, seine Beine sind noch nicht wieder gesund, als er endlich entlassen wird. Er muss an Krücken gehen. Seine Mutter ist auch nach Monaten nicht wieder aufgewacht. Er kommt vorübergehend zur Nachbarin, die er nur die „Zwiebel“ nennt. Doch dann eines Tages steht eine große Frau vor der Tür und behauptet, sie sei seine Tante. Lukasz hat noch nie etwas von einer Schwester seiner Mutter gehört aber genau das, behauptet diese, sei sie. Sie nimmt Lukasz mit an die Küste in ihre alte Pension der Familie, eine alte Villa „Hohes Kliff“, die Sommergäste beherbergt. Lukasz ist gar nicht angetan. Weder von seiner Tante, noch von dem alten Haus. Er bekommt das ehemalige Zimmer seiner Mutter, das mit der blauen Tür. Aus einer Laune heraus – oder besser gesagt, aus seinem Frust heraus – klopft er irgendwann und sehr lange einen besonderen Rhythmus an die Tür. Und plötzlich taucht vor ihm eine „Silberwelt“ vor ihm auf, fremd, golden, still und friedlich und Lukasz kann sie sogar betreten. Doch je weiter er sich in diese Welt hineinwagt, desto mehr begibt er sich in Gefahr.

Er kann jedoch nicht mehr von dieser Parallelwelt lassen, er ahnt, dass es irgendetwas mit ihm zu tun hat – das ganze alte Haus ist irgendwie verwunschen und birgt viele Geheimnisse. Geheimnisse, denen Lukasz unbedingt auf die Spur komme möchte, wie zum Beispiel das Geheimnis um seinen Vater. Als das fremde Wesen, das dort lebt, der Scheinder Lukasz mit einer List dazu bringt, seine Silberfäden auch in seine Welt zu nehmen, gerät alles aus den Fugen. Er braucht Hilfe und vertraut sich drei Kindern aus der Nachbarschaft an, die ihn eigentlich eher gemieden haben. Doch sie sind seine einzige Rettung, wie sich schließlich herausstellt …

Der polnische Autor Marcin Szczygielski, der seit seinem Debüt 2009 auch Erfolge in der Kinderliteratur feiert, hat eine sehr düstere, melancholische Welt um seinen tapferen Helden gebaut. Lukasz ist seit seinem Unfall gehbehindert, kann zu seiner neuen Tante keine Beziehung aufbauen und steckt in einem schrecklichen Dilemma, weil seine Mutter nicht aus dem Koma erwacht. Die Chancen stehen schlecht, doch alle notwendigen Erledigungen wie zum Beispiel die Wohnungsauflösung nimmt Lukasz als Verrat seiner Tante wahr. Dann scheint er bei den Kindern, die um das alte Hohe Kliff schwarwenzeln auch eher der Außenseiter zu sein, genauso wie seine verrückte Tante. Die ist in der Tat etwas eigenartig. Ihre einzige Hilfe, die alte Köchin ebenso. Doch am Ende kann er weder auf die beiden Erwachsenen zählen, noch auf ein Wunder. Hier durchbricht Marcin Szczygielski die Melancholie die auch der Silberwelt innewohnt denn mit den drei neuen Freunden kehr wirklich Leben in das festgefahrene Leben von Lukasz ein.

Die Geschichte nimmt rasant an Tempo zu und die etwas verzwickte Geschichte bleibt durchweg logisch auch wenn er es sich mit einem Allwissenheitstrick etwas leichter macht, seiner Leserschaft die Hintergründe dieser fremden Welt und ihren Bezug zu unserer realen Welt zu begreifen. Und das macht er sehr gut und auf eine verblüffend einleuchtende Weise. Ich finde, für ein Kinderbuch egal wie fantasievoll es auch ist gelten die gleichen Regeln wie für ein Science Fiction Roman für Erwachsene: Es muss seiner eigenen Logik treu bleiben. Kinder finden nichts antörnender als wenn sich auf einmal eine Widersprüchlichkeit auftut, die den Charme der ganzen Geschichte zunichtemacht. Das ist hier durchweg nicht der Fall und der Twist der Geschichte ist wirklich überzeugend und somit auch unbedingt mitreissend. Bis zum Schluss ist man dem Rätsel auf der Spur und die Auflösung ist wirklich gut ebenso wie alle Nebenschauplätze und die Ereignisse, die Szczygielski sehr gut miteinander verknüpft.

Einmal über die anfänglich Ohnmacht des Protagonisten hinweg, kommt nicht nur ein ziemlich mitreißendes Tempo hinzu, sondern auch jede Menge Humor und Wortwitz. Dabei skizziert Szczygielski auch seine Nebendarsteller durchaus mit einem Augenzwinkern. Da ist der kleine, kluge Nerd, Biss; der immerzu jammernde und stets hungrige dicke Junge, der andere gerne ärgert, aber selbst nichts einstecken kann mit dem bezeichnenden Namen Floh und dessen hübsche und kluge Schwester Mona. Die vier bilden alsbald ein starkes Gespann.

Trotz des nicht gerade geringen Gruselfaktors gelingt es dem Autor, mit einem cleveren Kniff die nicht nur die Geschehnisse zu verkürzen (sonst hätte man sicherlich eine Buchreihe aus dem Stoff machen können), sondern seiner Geschichte auch eine für Kinder verträgliche, aber nicht allzu weich gespülte Wendung zu geben.

Was bleibt sind Marcin Szczygielskis eigene Schöpfungen manchmal etwas sehr gruselig, sie erinnern dann schon an Coraline von Neil Gaiman, das auch von einer trügerisch, schönen Welt erzählt – doch sie sind durchweg originell ebenso wie das Setting in dem alten, voller Geschichten steckenden Hotel. Das alles zeugt von einer sehr besonderen Fantasie, wie man so noch nicht kennt. Das löst eine ganz besondere Stimmung und einen Sog aus. In seiner Symbolik, wie zum Beispiel dass in der Silberwelt alles irgendwie verdreht ist da wird aus dem Schneider auf einmal der Scheinder gehört zu seiner ganz eigenen Sprache und erzeugt eine sehr einnehmende Dichte, die auf eine übergeordnete Ebene hinweist, die Kindern zwar unbewusst bleibt, aber dennoch wirkungsvoll ist.

Erwachsene, das sei hier verraten, wird das Ende nicht wirklich überraschen aber Kinder wird es sicherlich zum Staunen bringen. Denn auch hier folgt Szczygielski wieder einmal seiner ganz eigenen Symbolik und Logik.

Fazit

Was verbirgt sich hinter den Türen des alten Hotels? Eine spannende Frage – und man kann nicht eher aufhören, bis das Geheimnis gelüftet ist. Dabei geht es mal gruselig und auch surreal zu – aber Szczygielski fängt die „Geister“, die er rief, sehr geschickt wieder ein. Eine fantasievolle Geschichte über die Suche nach den Wurzeln, die auch am Ende noch Einiges zum Fabulieren offen lässt.

Stefanie Eckmann-Schmechta

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