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Buchcover: Gilles Tibo: Schwarze Augen

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Schwarze Augen von Gilles Tibo

erschienen bei NordSüd

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

„Schwarze Augen“ ist ein Buch, dass sehr liebevoll und sensibel ein Thema aufgreift, das den meisten Kindern vielleicht noch gar nicht begegnet sein mag. Gilles Tibo greift das Thema Blindheit sehr vorsichtig auf und macht deutlich, dass blinde Kinder eben auch ganz normale Menschen sind.

Mathieu beschreibt sich selbst, dass er Locken habe wie ein Schaf, eine kleine Mäusenase und kohlrabenschwarze Augen. Er sagt selbst, dass er schöne Augen habe, aber seine Augen sehen nichts, sie sind blind. Schon seit seiner Geburt. Doch der kleine Junge hat es geschafft, mit seiner Blindheit leben zu lernen. Und eigentlich ist er gar nicht wirklich blind, denn er hat Ohrenaugen, die ihm die Farben der Vogelstimmen verraten, Fingeraugen, die dem Unsichtbaren eine Gestalt geben, Augen an den Zehen, die ihm verraten, ob das Gras noch feucht ist, Nasenaugen, mit denen er Menschen und Popcorn sofort am Geruch erkennen kann und er hat Mundaugen, die ihm zeigen, wie alles schmeckt. Insgesamt sind das 26 Augen, die ihm den Weg durch die Nacht zeigen.

Mathieu hat gelernt, ohne seine sehenden Augen auszukommen. So weiß der Junge zum Beispiel schon bevor sein Teddy es ihm verraten hat, ob das Wetter schön ist. Denn an einem sonnigen Morgen zwitschern die Vögel lauter als sonst und die Blumen duften bis in sein Zimmer hinein. Wenn Mathieu aus seinem Bett aufsteht, öffnet sich in seinem Kopf eine Schublade und mit Hilfe der Geheimpläne, die darin versteckt sind, findet er den Weg durch das Haus, in dem er mit seinen Eltern wohnt.

An diesem Morgen ist Mathieu ganz aufgeregt, denn er wartet auf eine Überraschung, die seine Eltern ihm versprochen haben. Doch seine Mutter vertröstet ihn. Der Junge muss noch bis zum Wochenende warten. Noch vier Tage. Natürlich kann Mathieu in der Schule, in der er die Blindenschrift lernt, an nichts anderes mehr denken, als an die Überraschung: Die Blindenschrift verwandelt sich unter seinen Fingern zu Marienkäfer , sie krabbeln über seinen Schreibtisch und fliegen durch das Klassenzimmer. Mathieu malt Bilder in seinem Kopf. Er malt türkolette Vögel und lilustrige Fische. Türkolett und lilustrig sind Farben, die Mathieu erfunden hat. Genau wie die Wundertiere Bibribris, Rakamsel und Zelikane.

Jede Nacht, bis zum Wochenende träumt der blinde Junge schließlich von einer anderen Überraschung. Mal ist es eine elektrische Eisenbahn, mal eine Trommel oder ein Cowboy- Pferd. Endlich ist es Samstag und sein Vater verspricht ihm, dass es gleich nach dem Frühstück soweit ist. Als sie losfahren, merkt Mathieu an der Geschwindigkeit, dass sie auf einer Autobahn fahren. Er kann den Geruch eines Flusses riechen, dann einen Tannenwald und eine Kuhweide. Erst als Mathieu den Geruch von Heu und Pferden wahrnimmt, verkündet sein Vater, dass sie da sind. Vor Aufregung kann der Junge nichts sagen, aber seine 26 Augen sind weit offen. Dann hört er eine Männerstimme: „Bist du Mathieu? Komm mit! Ich will dir etwas zeigen.“ Als der Mann mit Mathieu an der Hand eine Scheune betritt, merkt der Junge, dass sich etwas an seinen Beinen reibt. Als er sich bückt, wuseln um ihn herum kleine Fellkugeln, die an seinen Fingern knabbern. Sie klettern an ihm hoch und ihre Pfoten kitzeln ihn. Seine Mutter eröffnet Mathieu, dass dies eine Überraschung sei. Er darf sich einen der Hunde aussuchen. Vor Freude fällt Mathieu seiner Mutter um den Hals und sucht sich den weichsten aber auch frechsten der kleinen Hunde aus und drückt ihn ganz fest an sich.

Als Mathieu ins Auto steigt, hört er ein Mädchen fragen, warum er blind sei, woraufhin ihr Bruder antwortet: „Also …wenn du mich fragst, der ist nicht wirklich blind …Er hat sich nämlich das schönste Hündchen ausgesucht: Das mit den schwarzen Augen!“

Der NordSüd Verlag liefert mit diesem Kinderbuch ein wunderschönes Werk über ein Thema, welches man auch Kindern schon nahe bringen sollte: Blindheit- ein Thema, mit dem bestimmt schon viele Kinder konfrontiert wurden und dass immer wieder Mitgefühl bei den Menschen erzeugt, die nicht betroffen sind. Gilles Tibo greift dieses komplexe und vielleicht auch etwas tabuisierte Thema in seiner Geschichte um den blinden Jungen Mathieu so auf, dass erst gar keine Gelegenheit für Mitgefühl entsteht. Denn während der Geschichte wird deutlich, dass Mathieu kein Mitleid braucht, sondern vielmehr Verständnis und Normalität in dem Umgang mit ihm.

Dadurch, dass hier ein Kind von Blindheit betroffen ist, können sich unsere Kleinen schnell in diese Geschichte hineinfinden. Mit dem Jungen Mathieu hat der Autor eine Hauptperson gewählt, die mit ihrer besonderen Art und ihrer Einzigartigkeit einen direkten Zugang zum Herzen der Kinder (und Erwachsenen) erreicht.

Die Geschichte bietet nicht bloß einfache Unterhaltung, sogenannte „leichte Kost“, sie wird vielmehr Grundlage für Gespräche sein. „Schwarze Augen“ ist ein Buch, das Kinder auffangen und direkt an kindliche Emotionen anknüpfen kann.

Der Autor erzählt die Geschichte aus der Perspektive Mathieus. Somit ist die Sprache sehr leicht verständlich und die Geschichte kurzweilig. Dialoge, die Mathieu mit seinen Eltern führt, machen den Text noch lebendiger. Gilles Tibo versteht es wunderschön, mit Metaphern und Vergleichen die Fantasie der Kinder zu wecken. So zum Beispiel die Textpassage, als die Punkte der Blindenschrift zu Marienkäfern werden, oder die erdachten Wundertiere aus der Hand des blinden Jungen fressen, denn er ist schließlich der Einzige, der sie kennt.

Auf jeweils einer Doppelseite finden wir die schon im Text beschriebene Situation nochmal bildlich dargestellt. Die Illustrationen in diesem Buch sind durchgehend Aquarelle. Lediglich die Konturen von vereinzelten Personen sind deutlich. Andere Dinge, wie Bäume, Wolken, etc. laufen ineinander über und sind nicht klar hervorgehoben. So lassen die Bilder Platz für eigene Fantasie und Gedanken. Besonders die Passagen, in denen Mathieu seiner Fantasie freien Lauf lässt, bieten Platz für eigene Ideen.

Den Hauptpersonen, Mathieu und seinen Eltern, sind ihre Gefühlsregungen deutlich anzusehen. Besonders auffallend sind die Augen Mathieus, die tiefschwarz gezeichnet sind und so die Sehbehinderung des Jungen noch mehr verdeutlichen.

Trotzdem kann man unmittelbar miterleben, wie sehr der Junge sich auf seine Überraschung freut, oder wie zufrieden er ist, als er mit seinen Eltern im Auto sitzt. Auch die Freude, die er empfindet, als er seinen kleinen Hund im Arm hält, ist ihm deutlich anzusehen. Die Farben der Illustrationen sind weitgehend realistisch und unterstützen die Stimmung in den dargestellten Situationen.

Mit dieser wunderschönen Geschichte können Kinder einen Eindruck davon bekommen, was es heißt, blind, aber nicht gleichzeitig hilflos zu sein. Mit der Hauptfigur, dem kleinen Mathieu, liefert der Autor kleinen Lesern eine Person, die sich eigentlich gar nicht so wesentlich von ihnen unterscheidet. Der fantasievolle Junge hat die gleichen Träume, wie ein „sehendes“ Kind, freut sich über die gleichen Dinge und geht, wie jedes Kind, zur Schule. Sie erfahren, dass blinde Menschen lernen müssen, auf ihre anderen Sinne zu hören. Und dass das schon eine ganze Menge ist, wenn man sie gut genug schult, wird hier auf eindrucksvolle Weise deutlich.

Fazit:

„Schwarze Augen“ ist ein Kinderbuch, welches nicht nur Kindern, sondern wohl auch so manchen Erwachsenen daran zu erinnern vermag, dass Blindheit nicht gleichzeitig Hilflosigkeit bedeutet. Einfühlsam und liebevoll erzählt der Autor eine kurze Passage aus dem Leben eines eben doch ganz normalen Kindes.

Simone Brinkschulte

Meinungen zu diesem Buch

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Kathi meint:
Ich bin begeistert von diesem Buch. Mein eigenes Kind(mittlerweile 7) ist blind zur Welt gekommen. Und, wie schon in der Rezension zu lesen ist, ist Mitleid wirklich fehl am Platze. Wobei ich gestehen muss, dass unsere kleine Leonie mit ihrem "Problem" mittlerweile besser klar kommt, als ihr Vater und ich. Nachdem ich dieses Buch gesehen habe, musste ich es einfach haben. Meiner Tochter muss ich die Geschichte immer wieder vorlesen. Nur schade, dass sie die Bilder nicht sehen kann...!
Inga meint:
Hut ab! Gelungene Rezension. Das gilt natürlich nicht nur für diese. Seitdem ich eure Seite besuche bin ich immer wieder begeistert, wie sehr ihr es versteht, "Otto- Normal- Verbrauchern" die Bücher schmackhaft zu machen. Habe mich schon einige Male an euren Rezensionen orientiert. Weiter so!
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