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Buchcover: Alexa Hennig von Lange: Wie eine Nuss mein Leben auf den Kopf stellte

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Wie eine Nuss mein Leben auf den Kopf stellte von Alexa Hennig von Lange

erschienen bei Thienemann

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

Mit einer Nuss fängt alles an – hätte Lisa die nicht gegessen, wäre sie nicht in der Krankenstation des neuen Waisenhauses gelandet und wäre sie nicht auf der Krankenstation gelandet …

Lisa ist mit ihren Eltern in ein stinklangweiliges Viertel außerhalb der Stadt gezogen. Hier scheinen nur alte Leute zu wohnen, die den ganzen lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als ihre Vorgärten zu pflegen. Sie findet es hier schrecklich und möchte zurück in ihre alte Wohnung, in die Stadt, wo auch ihre beste Freundin gleich nebenan wohnte. Oder besser gesagt, ihre ehemals beste Freundin. Denn seit Lisa weggezogen ist, hat sich alles geändert. Ohne Freunde, wieder mal allein zu Hause, entschließt sich Lisa dem neuen Waisenhaus im alten, verlassenen Herrenhaus einen Besuch abzustatten. Heimlich, natürlich, denn ihre überbesorgten Eltern würden ihr das nie erlauben.

Doch die Kinder sind noch nicht eingetroffen – nur ein älterer Mann, der sich als Gärtner vorstellt. Er lädt Lisa zu sich in das kleine Häuschen ein. Lisa gibt sich als Waisenkind aus und erzählt eine haarsträubende Geschichte über ihr ach so schlimmes Schicksal. Der Gärtner und seine liebenswerte Frau sind betroffen von Lisas Schicksal und bewirten das Mädchen freundlich. Obwohl Lisa weiß, dass sie eine Nuss-Allergie hat – das sagen zumindest immer ihre Eltern und die achten immer sehr darauf, dass sie ja keine Nüsse in ihrem Essen hat – nimmt sie die angebotene Walnuss an. Aus Trotz und aus Wut auf ihre Eltern, die ihr immer einen Riegel vorschieben, wenn es lustig wird. Lisa will aber ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Als nächstes wacht sie auf der Krankenstation des Waisenhauses auf. Die Krankenschwester die sie betreut, will ihr nicht glauben, dass sie gar nicht hierher gehört. Etwas merkwürdig ist das schon, zumal die Krankenschwester auf keinen Fall bereit ist, Lisas Angaben nachzugehen und sie – im Gegenteil – ziemlich energisch festhält.
Lisa bekommt Panik und schleicht sich aus dem Zimmer, trifft auf zwei Jungen, die ihr helfen sich zu verstecken, um dann zu verschwinden. Doch sie wird wieder kommen, denn auf dem Wege nach Hause geht ihr der eine Junge – Lasse – nicht aus dem Kopf: Er sieht aus wie ihr Spiegelbild. Wie ist so etwas möglich? Und wenn er so aussieht wie sie, er aber ein Junge ist – sieht sie überhaupt wie ein Mädchen aus, mit ihren kurzen, blonden Haaren?

Natürlich erzählt Lisa nichts von ihrer eigenartigen Erfahrung. Ihre Eltern haben eine schreckliche Angst, dass Lisa entführt werden könnte. Sie fahren sie überall hin, wann immer es geht. Lassen sie kaum allein etwas unternehmen. Jetzt, da ihre beste Freundin nicht mehr nebenan wohnt, ist Lisa umso isolierter. Schlimmer noch, ihre ehemals allerbeste, liebste Freundin führt schon seit längerem einen erbitterten Krieg gegen sie – zusammen mit deren neue beste Freundin. Da kommt dann vieles zusammen, einmal die Enge, in der Lisa aufgewachsen ist, die merkwürdigen Geschichten, die ihre Eltern erzählen und einfach nicht zu ihrem Gefühl passen wollen, der blaue Strampelanzug, den sie zufällig findet und ihre Selbstzweifel ob ein Mädchen überhaupt ein Mädchen ist, wenn es so aussieht wie Lisa. Vielleicht wollten ihre Eltern gar kein Mädchen, sondern immerzu einen Jungen?

Lisa ist in dem Alter, da sich Kinder von ihren Eltern ablösen möchten, ihre eigenen Wege gehen möchten. Nicht alle, nicht von heute auf morgen, doch Stück für Stück. Lisas Eltern lassen das nicht zu. Sie übertreffen sich gegenseitig in ihrer Liebenswürdigkeit, die Lisa sehr brüsk, ja teilweise schon aggressiv zurückweist. Immer häufiger sucht sie die Nähe zu Lasse und seinen Freundin aus dem Kinderheim, wo die Welt gar nicht rosarot und heil ist. Dabei erfährt sie die vielen wahren, traurigen Geschichten und von der großen Sehnsucht nach einer echten Familie, die für sie so selbstverständlich, ja fast lästig ist.

Auch wenn das fröhliche Cover mit der auf dem Kopf stehenden Lisa etwas anderes vermuten lässt: Alexa Henning von Lange macht hier ein großes Paket an Gefühlen und Widersprüchen auf. Und obwohl man irgendwie schon ahnt, was sich hinter der angeblichen Entführung von Lisas Mutter – als diese selbst ein Kind war – wirklich verbirgt, macht sie es noch ziemlich spannend, bis endlich alle Beteiligten durchblicken. Nebenher hat sie noch einige andere Erzählstränge eingeflochten. Da ist Lisas Trauer um ihre verlorene Freundschaft, ihre „Identitätskrise“ einmal als Mädchen und dann auch hinsichtlich der fadenscheinigen Erklärungen der Eltern, die sie überhaupt nicht ernst zu nehmen scheinen; und da ist eine ganz andere Welt – nämlich die im Heim, die Lisa immer heimlich betritt – und damit die Freundschaften und Schicksale der anderen Kinder. Da nehmen dramatische Rituale ihren Lauf, geboren aus Einsamkeit und Frust, aber auch Freundschaften entstehen neu. Nebenher gibt es noch Lisas Alltags-Kosmos in der Schule. Nur noch mit einem Klassenkameraden ist Lisa befreundet und der verliebt sich ausgerechnet in die Freundin ihres Lehrers.

Vor allem bei dem zuletzt genannten Erzählstrang habe ich mich gefragt, warum dies so ausgiebig in dieser Geschichte eine Rolle spielt. Vielleicht, weil allen Verwirrungen zum Trotz, doch am Ende alle das bekommen was sie sich wünschen, oder ,vielleicht, weil der coole Lehrer sozusagen als Sprachrohr für allerhand bedeutsamen Lebensweisheiten fungiert.

Im Großen und Ganzen gelingt es Alexa Henning von Lange ganz gut, den Alltag eines überbehüteten Mädchens darzustellen, das beginnt das angeblich so Unumstößliche zu hinterfragen und seinen Horizont erweitert. Dabei ist Lisa nicht selten sehr schnoddrig zu ihren zuckersüß-verständnisvollen Eltern, die ich mir öfter mal etwas realistischer und mit etwas weniger Geduld gewünscht hätte. Allerdings beweist die Protagonistin trotz ihres Konfrontationskurses ein Gewissen, das sie am Ende stets Maß halten lässt. Dabei ist nicht alles bierernst erzählt, die Autorin fügt immer wieder amüsante Begebenheiten ein, die lakonisch von der jungen Protagonistin kommentiert werden. Damit ist das Buch alles in allem recht flüssig und leicht zu lesen. Am Ende bekommt die Geschichte auch eine etwas geheimnisvollere Komponente, die am Anfang gar nicht so recht zum Tragen kommt. Irgendwie hat man das Gefühl, dass der alte Gärtner und die Nuss doch kein Zufall waren, so als hätte das Schicksal hier einen Helfer gehabt, der genau wusste was er tat.

Leider erfahren die Leser/innen am Schluss nicht alles über das große Geheimnis um Lasse und Lisa und gerne hätte man auch erfahren, wie es für die Hauptpersonen weiter geht – wenigstens für eine Weile. Aber Alexa Henning von Lange bindet die losen Enden so fix zusammen, dass diese Fragen unbeantwortet bleiben. Nichtsdestotrotz werden ihre Leser/innen auf jeden Fall mit einem rundum glücklichen Ende belohnt. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, wenn ein jeder sich seine eigene Erklärung ausdenkt.

Fazit

Da liegt etwas Unglaubliches in der Luft und man ahnt, wohin die Reise gehen könnte. Doch Alexa Hennig von Lange macht es spannend! Ihre etwas sprunghafte aber dennoch liebenswerte Rebellin gibt ihren Leser/innen so manche Rätsel auf und nimmt sie mittenrein, in ihren Alltag. Da gibt es Eltern, die lieb aber unehrlich sind, ein Lehrer, der fast zu gut ist für die Welt, Freundinnen, die man echt nicht braucht und einen liebeskranken Mitschüler, dem ja auch irgendwie geholfen werden muss. Dazu kommen noch Lisas Erfahrungen mit ihren neuen Freunden im Kinderheim, die zeigen, wie ein Kinderleben auch aussehen kann. Alles in allem eine sehr turbulente Geschichte über die großen Veränderungen im Leben.

Stefanie Eckmann-Schmechta

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