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Buchcover: Ross Welford: Zeitreise mit Hamster

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Zeitreise mit Hamster von Ross Welford

erschienen bei Coppenrath

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

in mein Bücherregal

Albert Chaudhury erhält an seinem 12. Geburtstag einen Brief von seinem verstorbenen Vater. Darin steht, wo er die Zeitmaschine findet, die er, sein Vater erfunden hat, und wie Al sie nutzen kann. Denn: Al soll einen folgeschweren Unfall verhindern, den sein Vater als Kind gehabt hatte.

Doch alles leichter gesagt als getan: Erstens ist die mysteriöse Zeitmaschine, die nur aus einer Zinkwanne, einem mittlerweile in die Jahre gekommenen Laptop und einem komischen schwarzen Kästchen besteht, in dem Haus, das Al und seine Mutter bereits vor einigen Jahren verkauft haben. Zweitens ist sie in einem Bunker unter dem Haus versteckt und drittens einige Kilometer von ihrem jetzigen Wohnort entfernt. Für Al keine leichte Aufgabe, schließlich muss er irgendwie dahin kommen, unentdeckt eindringen und seine Mission erfüllen – so verrückt es ihm auch erscheinen mag: Er möchte seinen Vater unbedingt zurückholen.

Eine turbulente Geschichte mit jeder Menge unerwarteter Wendungen nimmt ihren Lauf. Wir reisen mit Al, der uns die Geschichte sehr glaubwürdig schildert, zurück in das Jahr 1984, als sein Vater nicht viel älter war als er selbst. Die beiden Jungs begegnen sich und werden sogar Freunde. Dem Jungen aus dem 1984 geht es gar nicht gut, er wird gemobbt, ist ein Außenseiter. Als Plan, das Schicksal des ahnungslosen Jungen aus der Vergangenheit zu verändern, scheint schon auf den ersten Metern auf nicht sehr glücklichen Füßen zu stehen. Die sogenannten „Freunde“ seines Vaters spielen ihm übel mit – und das nicht nur einmal. Interessant wird es, als unsere Technik auf die der 84er trifft. Wie reagiert ein Junge dieser Zeit auf ein Smartphone, wie auf einen Laptop?

Und während Großvater Bryon im Hier und Jetzt in einem Fish and Chips-Imbiss auf seinen Enkel wartet, müht der sich in den frühen Achtzigern damit ab, mit den alten Computern die Zeitmaschine in Gang zu bringen. Die Zeit wird knapp und der Code ist verdammt lang …Doch dann geschieht ein großes Unglück, das alles, aber wirklich alles verändert – und zwar gar nicht so, wie Al es sich gewünscht hatte.

Zunächst muss ich sagen, dass ich so eine clevere und gut durchdachte Geschichte mit so viel Charme gar nicht erwartet hätte. In seinem Kinderbuch-Debüt hat der englische Journalist und Fernsehproduzent Ross Welford alles richtig gemacht. Eben, weil er seinen jungen Helden eine ganz eigene, glaubwürdige Stimme verleiht, und auch, weil er seine Leser/innen ernst nimmt. Nichts ist schlimmer als eine fantastische Geschichte, die in sich nicht logisch ist. Das nervt nicht nur die erwachsenen Leser, sondern auch Kinder in besonderem Maße. Dass er das sehr komplizierte Geflecht aus Vergangenheit, Gegenwart und den daraus resultierenden aus Paradoxien so gut erklärt, ist ein weiteres Plus. Seine „Zeitregeln“ sind einleuchtend und – ja wirklich – es könnte wirklich so sein. Könnte. Und das macht die Geschichte wirklich spannend. Abgesehen von den lebendigen Erinnerungen und den tollen Nebendarstellern, wie sein Großvater Grandpa Bryon. Dabei stellt Welford seine Akteure – und damit auch die Hintergründe Als – sehr originell vor: In Listen, die Al zusammenstellt, erfahren wir das wichtigste über die Person und damit auch, welche Bedeutung sie für Al haben. Und darin steckt viel Gefühl, in dem sich Kinder wieder finden können.

In der lockeren Erzählhaltung steckt auch ein ziemlich cleverer erzählerischer Aufbau. Dabei entsteht ein ziemlich origineller „Twist“: Ross Wellford beginnt seine Geschichte mittendrin und gleich mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd, in der Al auf dem gestohlenen Roller von Grandpa Bryon von der Polizei verfolgt wird.

Und spannend bleibt es. Das Vermächtnis des Vaters bringt viele Erinnerungen mit und schließlich steht Al seinem Vater leibhaftig gegenüber. Die Zeitebenen verschmelzen miteinander – aus Erinnerungen und turbulenten Erlebnissen. Es wirkt so, als läge das alles nicht vor oder hinter dem Protagonisten, sondern als geschähe das alles parallel – in unterschiedlichen Universen. Nur, dass es immer nur ein Exemplar von einem Menschen geben darf und das macht es Al auch so schwer, seinen Auftrag zu erfüllen. Im Hintergrund eine Geschichte, wie sie das echte Leben leider sehr häufig schreibt: Ein dummer Unfall, der Jahre später dramatische Folgen hat. Wäre der Unfall nicht gewesen oder hätte Großvater Bryon seinen Sohn sicherheitshalber in ein Krankenhaus gebracht …wäre, hätte. Solche Geschichten sind lebendig, weil sie scheinbar aus dem wahren Leben stammen.

Und ganz nach Als Aufzähl-Manier:

  1. Geht alles schief
  2. Was schief gehen kann – und
  3. Alles ganz anders kommt

Dramaturgisch ist die Geschichte durchaus anspruchsvoll, denn Ross Wellford fällt gleich mit der Tür ins Haus. Aber gerade das macht ja die Spannung aus. Man ist einfach neugierig, warum das alles so gekommen ist und ob es Al wirklich gelingt, seinen Vater zurück zu holen. Dabei liefern die kurzen Kapitel immer einen netten Cliffhanger. Das nächste Kapitel führt uns dann erstmal in eine andere Erzählebene, in der es aber wiederum auch spannend weiter geht. Durch die direkte Anrede der Leser/innen entsteht eine Nähe und so sind auch Passagen des sonst sehr humorvollen Buchs, die sehr traurig sind, mit einer kleinen Ansprache versehen: „Ihr könnt das Kapitel überspringen...“ – damit zieht Ross Wellford junge Leser/innen ganz unauffällig in einen Dialog auf Augenhöhe. In den Briefen zwischen Vater und Sohn sowie im Zwiegespräch zwischen Protagonist und „Publikum“, können sie hautnah dabei sein.

Durch die schnellen Szenenwechsel im typisch britischen Kleinstadt-Milieu bleibt das Geschehen interessant und auf einem sehr guten erzählerischen Niveau. Obwohl alles sehr lebendig und auch mal chaotisch wirkt, ist nichts dem Zufall überlassen. Keine kleine Begegnung, keine noch so kleine Begebenheit sind zufällig und damit schließt sich der Kreis auch wieder.

Ich selbst konnte das Buch am Ende nicht mehr aus der Hand legen, also nehmen Sie es Ihren Kindern nicht übel, wenn die abendliche Lesezeit überschritten wird.

Fazit

Selten habe ich das Thema „Zeitreise“ in der Kinderliteratur so lebendig, humorvoll und clever umgesetzt gesehen. Sie packt einen emotional, ebenso wie sie durch ihre ganz eigene Logik zu überzeugen weiß. Und das macht eine richtig gute Geschichte aus.

Stefanie Eckmann-Schmechta

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