Interview mit Anne Bruns

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta

LehrerInnen müssen betroffenen Kindern Hilfe anbieten, zum Beispiel indem eine Atmosphäre der Geborgenheit geschaffen wird, in der die Kinder Vertrauen entwickeln können. Anne Bruns

Kinderbuch-Couch: Welche „ganz normalen“ Ängste treten speziell im Grundschulalter am häufigsten auf?

Anne Bruns: Am häufigsten treten Realängste wie z. B. Angst vor Krankheiten oder Verletzungen auf. Während der Grundschulzeit kommen die Sozialisationsängste hinzu.

Kinderbuch-Couch: Mit welchen realen Bedrohungen werden Kinder im Grundschulalter heutzutage schon konfrontiert?

Anne Bruns

Anne Bruns: Kinder sind in vielfältiger Weise mit existenziellen Erlebnissen und massiven Bedrohungen konfrontiert, die nicht in das Klischee einer heilen Kinderwelt passen. Solche Erlebnisse können in der Konfrontation mit dem Tod bestehen. Aber auch Zukunftsszenarien bezüglich ökologischer Katastrophen, wirtschaftlicher Verhältnisse (z. B. Arbeitslosigkeit) und Berichte über Kriegsereignisse können für Kinder bedrohlich wirken, ebenso wie Gewalterfahrungen, die Teilnahme an Unfallsituationen oder das Beobachten von Verbrechen. Besonders im Fernsehen können Kinder diese Szenarien mitverfolgen.

Kinderbuch-Couch: Was können LehrerInnen tun, um den Kindern bei der Bewältigung ihrer „Realängste“ zu helfen? Kann generell in ihrem Unterrichtsstoff darauf eingegangen werden, oder bedarf es dabei eines konkreten Vorfalls? Suchen Sie gezielt das Einzelgespräch?

Anne Bruns: LehrerInnen müssen betroffenen Kindern Hilfe anbieten, zum Beispiel indem eine Atmosphäre der Geborgenheit geschaffen wird, in der die Kinder Vertrauen entwickeln können. Die Schule muss Kindern, die sich bedroht fühlen, helfen, geeignete Strategien zu entwickeln, um mit den Ängsten umgehen zu können und Sicherheit zu erlangen. Wichtig ist hierbei vor allem, dass Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen bzw. erhalten. Diese Themen sollten auch unabhängig von evtl. aktuellen Vorkommnissen besprochen werden, damit sich die Kinder mit ihren Ängsten nicht allein gelassen fühlen. So ist die Schule bzw. die Lehrperson dazu aufgefordert, sowohl in gezielten Einzelgesprächen als auch in der Klassengemeinschaft diese Hilfestellungen zu geben.

Ängste sollten aufgrund ihrer Vielfältigkeit und Häufigkeit generell im Unterricht thematisiert werden. Leider kommt es in der Praxis tatsächlich zu oft vor, dass erst durch einen konkreten Vorfall die Notwendigkeit entsteht, die Emotionen der Kinder zu thematisieren. Eine diesbezügliche grundschulpädagogische Arbeit muss sich auf alle Lernbereiche erstrecken: Auf den kognitiven Lernbereich, indem sie Wissen bereitstellt und Erklärungsmuster entwickelt, auf den emotionalen Bereich, indem sie für den Umgang mit Gefühlen sensibilisiert, auf den Wertebereich, indem sie die Moralentwicklung fördert und auf den sozialen Bereich, indem sie die Bildung von verlässlichen sozialen Beziehungen begünstigt.

Merkt man im Umgang mit Schülern, dass Ängste übermächtig werden oder ein Kind direkt eine Angst äußert, suche ich nicht nur das Gepräch mit dem Kind, sondern in einem solchen Fall sind auch die Eltern bzw. das weitere Umfeld gefragt.

Kinderbuch-Couch: Wie können LehrerInnen den Kindern die Angst nehmen, wie etwa von ihren Klassenkameraden ausgelacht oder von den Lehrern gerügt zu werden (Sozialisierungsangst)?

Anne Bruns: Zunächst ist es Aufgabe eines jeden Lehrers, speziell aber des jeweiligen Klassenlehrers, eine Atmosphäre des kooperativen Miteinanders zu schaffen und zu fördern. Die Schüler müssen merken, dass sie nicht gegeneinander, sondern miteinander lernen. Dies können wir als LehrerInnen schon durch viele kleine Hilfen erreichen. So fördert zum Beispiel das Zusammenarbeiten in Gruppen oder die Durchführung von Projekten das Miteinander unter den Klassenkameraden. Auf der anderen Seite ist es aber genauso wichtig, dass die Kinder für sich selber lernen. Der Konkurrenzdruck unter den Schülern führt oft dazu, dass der Einzelne ein geringeres Selbstwertgefühl bekommt. Daher sollte die Förderung der individuellen Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler im Vordergrund stehen. Die erreicht man zum Beispiel durch Freiarbeit, in der sich die Schüler nur nach ihrem eigenen Tempo richten.

Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer ist oftmals ein Problem, welches zu extremen sozialen Ängsten führen kann. Viele Lehrer sehen ihren Posten zu autoritär und somit gelingt es ihnen nicht, die Schüler optimal zu unterstützen. Ein wichtiger Aspekt für Lehrpersonen ist, alle Leistungen, auch geringe Leistungsverbesserungen, durch Lob und Bestätigung positiv zu verstärken. Genauso sollten negative Leistungen nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt werden. Fehler sind etwas ganz normales und sollten als Chance auf Verbesserung gesehen werden und nicht als Versagen. So kann ein gesundes Selbstbewusstsein erreicht werden, mit dem das Kind gewisse Tiefschläge bzw. Fehler und Probleme gut bewältigen kann.

Wichtig ist es auch, den (über-)durchschnittlich guten Schülern bei der Bildung eines gesunden Selbstbewusstseins zur Seite zu stehen. Gerade beim späteren Wechsel auf eine höhere Schulform (speziell ein Gymnasium) tritt nicht selten der Fall ein, dass die Schüler, die in der Grundschule überdurchschnittlich gut waren, sich nun damit abfinden müssen, nicht mehr „Klassenbeste(r)“ zu sein, sondern nur eine(r) von vielen. Dies ist eine hohe Belastung für das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Wird dies jedoch schon vorher in der Grundschule gestärkt, sind Schüler weniger anfällig für solche Krisen.

Kinder sind oft den heutigen Medien (TV, Radio,…) schutzlos ausgesetzt. Anne Bruns

Kinderbuch-Couch: Was können Eltern tun, um ihren Kindern zu helfen, in der ungewohnten Umgebung, im Zusammensein mit den vielen fremden Personen des Schulalltages zurecht zu kommen?

Anne Bruns: Eltern sollten in jeglicher Hinsicht ihren Kindern unterstützend zur Seite stehen. Sie sollten aktiv auf ihre Kinder zugehen und mit ihnen aktuell die schulischen Begebenheiten, sowohl die fachlichen Inhalte als auch die zwischenmenschlichen Vorkommnisse, besprechen. So kann bereits die Entstehung von Ängsten vermieden werden bzw. können bestehende Ängste beseitigt werden. Die Eltern sollten das bestehende Vertrauensverhältnis zu ihren Kindern nutzen, um hilfreiche Gespräche zu führen. Dies beginnt mit der Unterstützung bei den Hausaufgaben und geht bis zur „Krisensitzung“ über den Streit mit Klassenkameraden oder mit dem Lehrer.

Kinderbuch-Couch: Welche Kinder entwickeln aufgrund ihres sozialen oder familiären Hintergrundes stärkere „Sozialisierungsängste“?

Anne Bruns: „Sozialisierungsängste“ sind in erster Linie ein Zeichen für Minderwertigkeitsgefühle. Kinder, die in einem stabilen Umfeld leben, mit gesicherten Lebensbedingungen, sind für soziale Ängste weniger anfällig. Der Ursprung für die Entwicklung von Sozialisierungsängsten ist weitestgehend im Elternhaus zu suchen. Kinder, die einer dauerhaften Trennung von einem Elternteil ausgesetzt sind (z.B. durch Scheidung oder Tod) sowie Kinder, die den „Kampf ums tägliche Brot“ miterleben müssen, aus Gründen der Arbeitslosigkeit oder Überschuldung, entwickeln eher Sozialisierungsängste als Schüler, die von intakten Familienverhältnissen profitieren dürfen.

Für betroffene Kinder ist es daher besonders wichtig, ein stabiles familiäres Umfeld zu schaffen. So müssen Kinder nicht auf andere „Selbstvertrauensquellen“ zurückgreifen, die im schlimmsten Fall sogar zur Kriminalität führen können.

Ferner haben gerade Schüler mit Migrantenhintergrund, die Deutsch als Fremdsprache und nicht als Muttersprache erlernen, mit starken Sozialisierungsängsten zu kämpfen. Sie sitzen zwischen den Stühlen der unterschiedlichen Kulturen und bekommen vom Elternhaus leider oftmals wenig Unterstützung. Viele der heutigen Lehrpersonen sind auf die heute heterogenen Klassengemeinschaften in ihrer Ausbildung nicht vorbereitet worden. Es wird zunehmend deutlich, dass ein großer Fortbildungs- bzw. Schulungsbedarf seitens der Lehrpersonen besteht.

Kinderbuch-Couch: Hat sich die Art der Ängste, denen sich die Kinder während ihrer Grundschulzeit gegenüber sehen im Laufe der Jahren verändert? Wenn ja, welche haben besonders zugenommen?

Anne Bruns: Mit der laufenden Veränderung der Gesellschaft ändern sich selbstverständlich auch die Bedrohungen und damit auch Ängste der Kinder. Der zunehmende Einfluss von Medien spielt in dieser Entwicklung eine ganz entscheidende Rolle. Kinder sind oft den heutigen Medien (TV, Radio,…) schutzlos ausgesetzt, was unter anderem mit der steigenden Berufstätigkeit der Eltern einhergeht.

Andererseits stehen die Eltern im ständigen Kampf mit der Arbeitslosigkeit. Viele Elternteile sind arbeitslos. Dies hat oftmals schwere Folgen für den (Schul-)Alltag der Kinder. So kommt es leider vor, dass Klassenfahrten oder sonstige Ausflüge nicht bezahlt und von den Schülern nicht angetreten werden können. Demzufolge sind es vor allem die Realängste, die zunehmend häufiger auftreten und immer schwieriger zu bekämpfen sind, da aus den bestehenden Ängsten schnell Bedrohungen werden können.

Kinderbuch-Couch: Wie wichtig finden Sie es Kindern neben Schreiben, Lesen und Rechnen …auch emotionale Inhalte zu vermitteln?

Anne Bruns: Lehrer sind einem Gesamtbildungsauftrag verpflichtet. Allein dieser Ausdruck macht schon deutlich, dass in der Schule nicht nur fachliche Inhalte gelehrt werden. Gerade in der Grundschule werden die Kinder auf die nachfolgenden Bildungsstufen vorbereitet. Somit ist es besonders wichtig, ihnen nicht nur fachliches, sondern auch zwischenmenschliches „Werkzeug“ mit an die Hand zu geben, um im späteren Alltag zurecht zu kommen.

Sowohl Erfolg als auch Enttäuschungen gehören zum Leben dazu. Das sollten Kinder bereits in der Grundschule lernen. Deshalb ist es wichtig, dass die Lehrperson ein familiäres Lernumfeld schafft, in dem gute Unterrichtsbedingungen erfüllt werden, damit ein Misserfolg leichter zu verkraften ist.

So kann man nicht nur die fachliche Kompetenz sondern auch die nicht unerhebliche soziale Kompetenz schulen. Der Lehrperson werden vielerlei didaktische Hilfsmittel, sowohl zu den einzelnen Fächern als auch fächerübergreifend gegeben, um eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen.

Kinderbuch-Couch: Was kann die Schule unternehmen, um „gemobbten“ oder durch Gewaltandrohung unter Druck gesetzten Kindern zu helfen, damit sie aus ihrem Stillschweigen herauskommen und Hilfe annehmen können?

Anne Bruns: Die Lehrpersonen sollten für solche Fälle speziell geschult werden. Es reicht nicht nur einen Vertrauenslehrer zu haben, obwohl ein zentraler Ansprechpartner von Vorteil ist. Jeder Klassenlehrer, der eine besondere Bindung zu seiner Klasse haben sollte, ist dazu verpflichtet, Druck und Gewalt gegenüber seinen Schülern zu erkennen und abzuwehren. So sollten geschulte LehrerInnen das Gespräch mit dem/der Schüler/in und – gerade in der Primarstufe – den Eltern suchen, um dann zu vermitteln.

Kinderbuch-Couch: Wie hilfreich sind Bücher über dasThema Angst generell bei Ihrer Arbeit mit den Kindern?

Anne Bruns: Bücher sind sehr hilfreich. Sie bieten gerade den Grundschülern die Möglichkeit, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, indem das Buch vom Schüler selber gelesen werden kann. Die Schüler entdecken so eine neue Form der Informationsbeschaffung –sie lesen das, was sie interessiert. Allerdings sollten Bücher, gerade wenn es um das Thema Angst geht, zuvor von dem zuständigen Lehrer oder den Eltern geprüft werden.

So gibt es in einigen Klassen eine Leseecke, die die Schüler in den Pausen oder Freistunden nutzen können. Jedoch sollten die Schüler dabei nie unbeaufsichtigt bzw. allein gelassen werden, damit eventuell auftretende Fragen direkt geklärt werden können. So kann man Ängsten vorbeugen und man hat einen Anlass, um mit den Schülern diese Themen zu diskutieren.

Kinderbuch-Couch: Welche Beobachtungen machen Sie bei den Kindern, wenn Sie ein Buch zur Unterstützung einsetzen?

Anne Bruns: Die Erfahrungen haben gezeigt, dass bereits beim Lesen ein hoher Gesprächsbedarf seitens der Kinder entsteht. Kinder besitzen eine unglaublich rege Phantasie, die sie dann auch direkt mitteilen wollen. Die Angst wird thematisiert und artikuliert und so im glücklichsten Fall bewältigt.

Kinderbuch-Couch: Wünschten Sie sich mehr Kinderbücher zu diesem Thema?

Anne Bruns: Es gibt einige Bücher zum Thema Angst. Jedoch finde ich es fraglich, inwieweit sie einen positiven Nutzen haben. Einige Bücher sind aufgrund der Bilder bereits untauglich – sie fördern Angst und helfen nicht bei der Bewältigung. Wünschenswert sind Bücher, die freundlich/positiv aber bestimmt Angst thematisieren und die Möglichkeit geben, sich aufgrund ihrer Texte mit den Kindern später auseinanderzusetzen. Zu grausame Bücher dienen höchstens der Abschreckung, nicht aber dem Verständnis und der Angstbewältigung.

Gute Bücher sollen Lösungsmöglichkeiten bieten und die Kinder dort „abholen“ wo ihre akuten Ängste bestehen.

Kinderbuch-Couch: Vermissen Sie Bücher zu speziellen Themen der Angst ?

Anne Bruns: Aufgrund des regen Wirtschaftsgeschehens sind Bücher, die aktuelle Themen benennen, leider rar. Themen wie Arbeitslosigkeit oder Migration werden selten berücksichtigt. Dabei ist es gerade heute wichtig, dass Kinder sich mit diesen Themen auseinandersetzen, um Vorurteile und somit (bei betroffenen Kindern) Sozialisationsängste abzubauen.

Kinderbuch-Couch: Was möchten Sie den Eltern noch mit auf den Weg geben?

Anne Bruns: Eltern sollten stets im Bilde sein, was ihre Kinder machen und was sie sehen und erleben (gerade im TV bzw. Internet). Sie sollten aufmerksam sein und nicht die ganze Erziehungsarbeit der Schule überlassen. Wenn Eltern ein gesundes Vertrauensverhältnis mit ihren Kindern pflegen, kommt es zu weniger Ängsten und einem guten Selbstwertgefühl, mit dem die Kinder ihren Lebensweg erfolgreich bestreiten können. Eltern sollten z. B. die angebotenen Elternsprechtage wahrnehmen, um zu erfahren, was ihre Kinder machen, wenn sie nicht in unmittelbarer Sichtweite sind, sie sollten sich mit anderen Eltern unterhalten, wie etwa der Spielenachmittag gelaufen ist –ob es z. B. Streit gab. Wenn Eltern ihren Kindern vertrauen und sie nicht alleine lassen und vor allem die Kinder ihren Eltern vertrauen, entstehen weniger Sozialisierungs- und Realängste, da sich die Kinder beschützt und geborgen fühlen – sie wissen dann, dass sie mit all ihren Problemen zu ihren Eltern kommen können.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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