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Buchcover: Klaus-Peter Wolf: Der Schal, der immer länger wurde

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Der Schal, der immer länger wurde von Klaus-Peter Wolf

erschienen bei Annette Betz

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

in mein Bücherregal

Kinder lieben ihre Väter und können einfach nicht verstehen, warum sie sich manchmal so merkwürdig verhalten. Das gilt insbesondere für Kinder aus Alkoholikerfamilien, um deren Wahrnehmung es sich in diesem einfühlsamen Buch dreht.

Papa ist ein toller Kerl, denn er ist Clown, Reitpferd und der weltbeste Sandburgenbauer in einem. Doch manchmal erkennt sein Sohn in seinen Augen, dass etwas nicht stimmt. Dann verwandelt sich sein Papa in ein Ungeheuer, das brüllt und Sachen kaputt macht. Keiner weiß warum, aber dem kleinen Erzähler und seiner Mama macht das große Angst. Der Kleine meint, er sei schuld am Streit zwischen Mama und Papa und versucht, besonders brav zu sein. Er will ja nicht, dass Mama den Papa seinetwegen verlässt. Nach einer Weile der Ruhe und Späße fängt alles wieder von vorne an und er fragt sich, ob es an dem langen schwarzen Schal liegt, der um den Hals seines Papas geschlungen ist und ihn scheinbar erwürgt. Dann verspricht sein Papa den Schal nie wieder zu tragen und die Freude ist groß. Aber Papa kann sein Versprechen nicht halten und legt ihn immer wieder um. Der Schal ist so lang geworden, dass er seinen Papa völlig umwickelt und ihn sogar am gehen hindert. Trotzdem will Papa nicht, dass der Schal zerstört wird, da er ihn so sehr braucht. Als seine Mama erkennt, dass der Papa sich nur ganz alleine von dem Schal befreien kann, packen sie die Koffer, um das geliebte Ungeheuer tatsächlich zu verlassen. Der Kleine will ihn nicht alleine lassen, spürt aber insgeheim, dass seine Mama Recht hat. Am Boden zerstört schwört er, er wolle sich helfen lassen und lässt es zu, dass man ihn in ein Heim bringt in dem solchen Menschen geholfen wird. Er ist sehr stolz auf seinen Papa und als sie ihn das erste Mal dort besuchen ist von dem Schal schon kaum noch etwas zu sehen. Er ist glücklich, denn in den Augen seines Papas kann er erkennen, dass er es diesmal ernst meint.

Ein Wechselbad der Gefühle ist das Verhältnis eines Kindes zu einem suchtkranken Vater. Wie soll ein kleiner Mensch mit dieser Unberechenbarkeit umgehen und warum ist denn der Mensch, den er so liebt, manchmal so grausam? Alkoholismus – Diese wirklich schwerwiegende Thematik wird in „Der Schal, der immer länger wurde“ sehr direkt aber gefühlvoll behandelt.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Jungen erzählt, was emotional aufwühlt und eine gewisse Nähe schafft. Die Autoren lassen ihn zwischen Zuversicht, Liebe und Abneigung hin- und herschwanken und auch seiner Mutter Raum, Gefühle zu zeigen.

Der Schal dient als Symbol für die Sucht nach dem Alkohol und ist ein hervorragendes Mittel, den Verlauf einer Abhängigkeit zu schildern. Trennt man sich nicht früh genug von diesem Schal, dann wird er länger und länger, bis er den Kranken vollends umwickelt und ihn stürzen lässt. Und auch dann wird noch immer geleugnet, dass es gefährlich sein könnte. Es folgen Entschuldigungen für Brutalitäten, die im Rausch begangen werden. Erst wenn der Kranke selbst zur Einsicht kommt und sich professionell helfen lässt, gibt es eine Möglichkeit, den Schal loszuwerden. Im einen oder anderen Fall endet der Leidensweg mit einem Happyend. Im vorliegenden Bilderbuch ist das glücklicherweise auch der Fall, allzu schockierend wäre sonst der Verlauf. Das versöhnliche Ende tröstet über die Angst und die Verlassenheit ein wenig hinweg und schafft es möglicherweise, die Hoffnung der betroffenen Angehörigen zu aufrecht zu erhalten.

Die Erzählung des kleinen Jungen, korrespondiert hervorragend mit den gefühlvollen Illustrationen von Maria Blazejovsky. In glücklichen Zeiten, wenn Vater und Sohn Spaß miteinander haben, herrschen helle, freundliche Töne vor. Sobald Alkohol im Spiel ist, dominieren dunkle, bedrohliche Farben. So wird das Leben mit seiner Mama in den kurzen glücklichen Abschnitten strahlend mit viel lichthellem Gelb dargestellt. Auch der schwere Gang des Vaters in die Klinik erscheint sonnendurchflutet, da hoffnungsvoll. Durch die Farben erfährt der Leser zwischen den Zeilen, dass auch das Zimmer des Jungen ein ruhiger Platz ist an dem Rückzug möglich ist. Der betrunkene Vater hingegen wird wie ein verwahrloster Kranker, ins sich zusammengekauert, leichenblass, auf dem Kopf stehend, physisch behindert gezeigt. Schön auch die Darstellung, wie der Kleine durch die Streben eines Stuhls hindurch seinen Vater beobachtet, als Zeichen dafür, dass der Große in einem inneren Gefängnis sitzt.

Muss man sich in all seiner Hilflosigkeit dem eigenen Kind erklärend zuwenden, dann ist dieses Buch sicherlich hilfreich. Aber auch für Menschen in deren Umfeld Alkoholismus ein Thema ist, eignet sich das Buch bestens als erster Erklärungsansatz.

Fazit:

Dieses ungewöhnliche Bilderbuch stellt sehr eindringlich die ganze Dramatik einer durch Alkohol gestörten Beziehung aus der Sicht des Kindes dar. Betroffenen Eltern oder Angehörigen kann das Buch als Unterstützung dienen, diese schwierige Thematik auf einfühlsame Weise Kindern näher zu bringen.

Gabriele Jansen


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