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Buchcover: Lieneke Dijkzeul: Schließ die Augen und sag mir, was du siehst

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Schließ die Augen und sag mir, was du siehst von Lieneke Dijkzeul

erschienen bei Arena

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Raaf ist zwölf Jahre alt und weiss, dass er bald erblinden wird. In seinem Kopf speichert er alle Bilder von der Insel, die er so sehr liebt und auf keinen Fall verlassen will. Doch das muss er, denn auf eine normalen Schule kann er nicht mehr gehen. Raaf ist wütend und wild entschlossen, sich dem Unvermeidlichen zu widersetzen …

Raaf macht es den Menschen in seiner Umgebung nicht leicht. Ständig sucht er Streit mit seinen Eltern und von seinen Freunden zieht er sich immer mehr zurück. Seine Umwelt, seine Lehrer und Mitschüler reagieren dabei äußerst rücksichtsvoll auf ihn und lassen ihm jede Freiheit. Doch genau das will Raaf nicht, er will keine Sonderbehandlung und schon gar kein Mitleid. Er reagiert aggressiv, schwänzt die Schule und treibt sich den ganzen Tag an seinem Lieblingsort herum: Am Strand. Immerzu wägt er ab, was sein Kopf an Bildern behalten soll. Möchte er es „behalten“,
dann, „klick, klick“, fotografiert er den Schaum auf den glitzernden Wellen oder die Fußspuren eines Wattvogels.

Irgendwann jedoch sind Raafs Eltern nicht länger bereit, sein Schulschwänzen und seinen totalen Rückzug hinzunehmen. Raaf soll in das normale Leben zurück finden, doch wie soll er das, wohlwissend, dass bald nichts mehr so sein wird, wie es war. In seiner Verzweiflung schimpft der Vater mit Raaf wie in alten Tagen. Für Raaf ist die zurückkehrende Normalität zunächst eine Wohltat. Doch der ebenso traurige Vater macht seinem Sohn gleichzeitig klar, dass er ihn zur Not von dessen geliebten Insel jagen würde, denn er wisse, dass Raaf nur auf dem Festland eine Chance hat, etwas aus seinem Leben zu machen. Irgendetwas in Raaf versteht, dass es Liebe ist, die seinen Vater ihm gegenüber so unnachgiebig sein lässt.

Gleichzeitig trifft Raaf zum ersten Mal auf eine Gruppe Sehbehinderter Jungen. Sie sind älter als er, doch sie wirken trotzdem ganz normal. Sie sind sympathisch, lachen gemeinsam und necken einander. Ehe er sich selbst versieht, sitzt er auch schon mit ihnen am Tisch, kauft sich ein Eis und beobachtet sie. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt. Nach einem kurzen Wortwechsel mit den Jungs platzt es auch schon aus Raaf heraus, dass er auch bald erblinden werde. Er sagt, er habe MD. „Makuladegeneration, sagte der Junge sachlich...“ Und der Junge namens Job erklärt ihm, was diese Krankheit bedeutet, denn er hat sie auch. Hier erfährt Raaf, dass er nicht ganz blind sein wird. „ …Du kannst nur nicht mehr sehen, wonach Du schaust. Aber den Rest siehst Du schon noch. So ungefähr. Nicht, dass du viel davon hättest, natürlich, in der Praxis.“

Lieneke Dijkzeul schildert ohne Pathos, beinahe nüchtern, von dem inneren Widerstand eines zwölfjährigen Jungen, der plötzlich mit der unabänderlichen Diagnose MD leben muss. In Raafs Betrachtungen gibt es kein Selbstmitleid, nur Wut. Mit klarem Blick erzählt Raaf von seinen letzten Tagen auf der geliebten Insel und von seinem stoischen Beharren, seine Welt, wie er sie bisher kannte, aufrecht zu erhalten. Dass sich seine Eltern, seine Lehrer und seine Freunde damit abgefunden zu haben scheinen, dass Raaf bald nichts mehr sehen wird, ihren Blick schon nach vorn gerichtet haben, macht ihm die Auseinandersetzung doppelt schwer. Er geht in die Verweigerung, anstatt sich mit seiner Krankheit konstruktiv auseinander zu setzen. Lieneke Dijkzeul macht zurecht deutlich, wie schwer dieser Weg für Raaf ist. Niemandem will er eingestehen, dass er beim Radfahren kaum noch etwas sieht, dass die Buchstaben auf der Tafel vor seinen Augen tanzen, dass er die Amsel im Garten nur als einen schwarzen Fleck erkennt. Nicht einmal als er sich in seiner Not eine Leselupe kauft, darf irgendjemand von diesem indirekten Eingeständnis wissen. Er kauft sie im Nachbarort. Natürlich macht er sich etwas vor, dass sein Freund ihm auf dem Gymnasium alle Aufgaben würde vorlesen und schreiben können, natürlich ist der Wechsel auf eine Schule für Sehbehinderte unvermeidlich, doch Raaf kann und will sich nicht mit dieser Realität abfinden. Er kann es nicht – noch nicht. Zu seinem Glück trifft er auf kluge Jungen mit gleichem Problem und so viel Erfahrung, dass sie, vor allem Job , ihm die so wichtigen Dinge über die Krankheit erklären und vorleben können. Raaf erkennt, dass es nicht das Ende der Welt ist, und auch, dass es nicht einer persönlichen Niederlage gleichkommt, wenn er sich damit abfindet, dass er nie mehr richtig sehen wird. „Schliess die Augen und sag mir, was du siehst“: Als er mit geschlossenen Augen eine Muschelart erkennt, die ihm Maarten, der Lehrer der Jungs, zum Abschied schenkt, begreift Raaf, dass man auf vielfältige Weise „sehen“ lernen kann.

Am Ende kann Raaf den totalen Widerstand aufgeben und Abschied nehmen von seinem früheren Leben. Noch einmal prägt er sich sein Gesicht genau ein, wohlwissend, dass er es niemals mehr so wird betrachten können. Er weiss, dass etwas zu Ende geht aber auch, dass erst jetzt etwas Neues beginnen kann.

Fazit:

Ganz aus Sicht des zwöfjährigen Raaf erzählt Lieneke Dijkzeul von der unvermeidlichen Akzeptanz einer vollkommen neuen und schwierigen Lebenssituation. Sie zeigt mit Raafs Worten, wie die schwarze Wand, die aus verschwommenen Bildern und dem unwillkommenen Verhalten seiner Umgebung besteht, unaufhaltsam auf ihn zukommt. Raafs ohnmächtige Wut und die innere Vereinsamung beschreibt Lieneke Dijkzeul auf behutsame Weise, ohne jemals sentimental zu werden. Sie beschönigt nichts, versucht nicht, die heile Welt für Raaf zurückzuholen, sondern orientiert sich ganz an der Realität und zeigt am Ende offen und ehrlich: Raaf kann nicht geheilt werden, doch er hat immer noch eine Chance auf ein glückliches und selbstbestimmtes Leben.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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