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Buchcover: Clement Freud: Grimpel

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Grimpel von Clement Freud

erschienen bei Fischer Schatzinsel

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Keine Frage, Grimpels Eltern verletzen eklatant ihre Aufsichtspflicht. Sie reisen einfach mal so nach Peru, ohne ihrem Sohn Bescheid zu sagen. Sie wissen nicht, wann ihr Kind Geburtstag hat und wie alt es ist. Grimpel scheint das kaum zu stören. Er kocht sich wie immer sein Essen und sucht nach Zetteln mit Botschaften …

Grimpel feiert seinen Geburtstag, so wie es seinen merkwürdigen Eltern einfällt. Dann sagen sie zu ihm: „Herzlichen Glückwunsch, Grimpel! Heute bist du ungefähr sieben.“ Am Ende der Geschichte ist Grimpel so ungefähr zehn Jahre alt. Bleibt auch die Frage, ob die Eltern vergessen haben, Grimpel einen ordentlichen Vornamen zu geben. Auf jeden Fall geht der Junge pflichtgemäß in England in die Schule. Doch am Morgen schlafen die Eltern noch und hinterlassen Grimpel fünfzig Pence für das Schulessen.

Eines Tages kommt Grimpel nach Hause und der Vater, dessen Beruf mit Wegfahren zu tun hat, und die Mutter sind nach Peru gereist. Einfach so. Wie gewohnt hinterlassen die Eltern ihrem Sohn Zettel. Das konnten sie, so Grimpel, am besten – Ermahnungen, Aufforderungen und Hinweise auf Zettel schreiben und an bestimmten Stellen in der Wohnung plazieren. Fünf Tage bleiben die Eltern fort und fordern Grimpel auf, bei den Nachbarn zu essen. Grimpels Mutter scheint nicht praktisch veranlagt zu sein – immerhin hat sie an sein leibliches Wohl gedacht – denn sie hat die belegten Brote mit Wurst und Aprikosenmarmelade in den Backofen getan. Grimpel dichtet immer, wenn er ein bisschen einsam ist und sich über seine Lage klar werden muss. Nachdem Grimpel den Backofen voller Brote in Papier erhitzt hat, wird ihm bewusst, dass er nun die Hilfe der Nachbarn in Anspruch nehmen muss. Doch auch die Nachbarn sind Meister im Zettel schreiben. Bei der Familie Moskito aus Jamaika backt Grimpel sich allein eine Kokosnusstorte nach Rezept.

Zu Hause findet der Junge dann ein Telegramm, in dem die Eltern ihm mitteilen, dass sie am morgigen Tag wieder ein Telegramm schicken werden. Solche überflüssigen, wie unlogischen Nachrichten verunsichern den Jungen, trudeln aber immer wieder ins Haus.

Besonderen Wert legen die Eltern auf die Körperpflege und so finden sich überall Zettel mit entsprechenden Aufforderungen, die Zähne ja ordentlich zu putzen und die Haare zu kämmen. Und Grimpel ist ein braves Kind. Ohne die Situation auszunutzen oder gar die Wohnung auf den Kopf zu stellen, folgt er ohne Auflehnung all den Erziehungsmaßnahmen aus der Ferne.

Grimpel schwänzt auch nicht, sondern läuft den langen Weg zur Schule. Im Unterricht passiert nicht viel, da der Geschichtslehrer es vorzieht Aufgaben zu verteilen und zu schlafen. Grimpel mag die Schule, denn hier kann er sich auf alles verlassen, die Regeln werden eingehalten und es gibt eine gewisse Ordnung im Gegensatz zum Chaos daheim. Am Nachmittag geht Grimpel zu den Federsteins, die natürlich nicht zu Hause sind. Herr Federstein ist Hauptmann und so sind alle Zettel auch in einem militärisch-strengen Ton verfasst. Bei den Federsteins wird Grimpel in die Heeresdienstvorschriften über Eier eingewiesen. Er lernt, wie man testen kann, ob Eier gekocht oder roh sind und macht sich einen Salat. Der zweite Tag ist überstanden und der dritte beginnt. Im Erkundeunterricht ereilt Grimpel eine Strafarbeit, weil er lieber etwas über Peru als über Birmingham wissen wollte. Am Nachmittag geht der Junge in seinen Schwimmverein und qualifiziert sich für das Schmetterlingsstil-Finale. Diese Neuigkeit würde er gern seinen Eltern mitteilen, aber Telegramme sind teuer. Am Abend, Grimpel hofft, dass sie da ist, besucht er seine Tante Felix, eigentlich Felizitas. Aber die Tante ist verreist. Sie hat für Grimpel Kartoffeln und brauchbare Milch, die bereits ein Jahr alt ist, bereit gestellt und nun kann er sich Kartoffelpuffer machen. Zum Glück muss Grimpel sich nicht um den Abwasch kümmern. Zu gern wäre Grimpel am vierten Tag zu Hause geblieben. Im Französischunterricht beschließt der Junge, dass er Lehrer werde sollte, dann könnte er am Tag schlafen und in der Nacht lesen.

Am Nachmittag versucht Grimpel sein Glück beim Bahnhofsvorsteher Rollrad. Aber auch Herr Rollrad glänzt durch Abwesenheit. Der Junge findet ein Buch mit dem Titel „Bahnwärter-Vorschriften“ und beschließt auf keinen Fall Bahnwärter zu werden. Grimpel isst angebrannte Schokoladensoße mit Sardinen und Corned Beef.
Am fünften Tag hofft Grimpel auf die Rückkehr der Eltern, gleichzeitig ist es der letzte Schultag vor den Ferien. Aber die Eltern sind nicht da als Grimpel aus der Schule kommt. Grimpel geht zu Madame Meergrün in die Konditorei. Wie gewohnt ist niemand da und der Junge macht sich Trifle. Die Schale mit der süßen Speise nimmt Grimpel mit nach Hause als Willkommensgeschenk für die Eltern. Und da sitzen sie auch schon in der Küche. Sie stecken 10 Kerzen in den Trifle und feiern Grimpels Geburtstag.

Grimpel superhöchstbestens Weihnachten steht vor der Tür und Grimpel wünscht sich ein richtiges Fest mit Geschenken und geschmücktem Baum. Ein aussichtsloser Wunsch, denn Grimpels Eltern, denken nicht an diese irdischen Dinge. Sie sind einfach zu vergesslich oder schenken sich eher selbst etwas völlig aus der Reihe. Grimpel beschließt mit einer nützlichen Arbeit zu Geld zu kommen, um dann einen Baum zu kaufen. Seine Geschäftsidee ist ziemlich aufwendig. Er will den Leuten morgens warmen Toast verkaufen. Aber der Toast-Versorgungsdienst ist eine anstrengende Tätigkeit. Grimpel erhält wie immer mehrere Briefe, unter anderem einen von Tante Felix, die ihm zehn Pfund schenkt. Der Weihnachtsbaum kann gekauft werden, aber wo bleiben die Geschenke. Doch Grimpel wird diesmal von seiner Familie völlig überrumpelt. Sie wollen mit ihm zu Weihnachten nach Afrika fliegen und das ist doch eine wunderbare Überraschung.

Bei Fischer Schatzinsel erscheinen seit dem Frühjahr 2008 Die Bücher mit dem blauen Band. Wunderschön in Leinen gebunden, mit blauem Leseband und Schuber werden in dieser neuen Reihe neben Neuerscheinungen vergessene Kinderbücher, die es Wert sind, in Erinnerung gerufen zu werden, veröffentlicht. Eines dieser Bücher ist auf jeden Fall Clement Freuds Kinderbuch „;Grimpel“.

Die vierzig Jahre, die dieses Kinderbuch auf dem Puckel hat, merkt man ihm nicht an. Freuds Witz ist nach wie vor umwerfend und die Aktualität der Geschichte ein wenig beängstigend, denn Grimpel ist auf den ersten Blick ein ziemlich vernachlässigtes Kind. Seine Eltern verreisen und statt ihrer liegen viele Zettel als Ersatz für Erziehungsworte, Trost- und Liebesworte, Hinweise auf Nahrung, Anweisung zum Kochen und Wegweiser zu den Nachbarn herum.

Aber andererseits könnte man auch denken, dass Grimpels Eltern ihrem allzu vernünftigen Kind nicht nur etwas zumuten, sondern auch viel zutrauen. Immerhin kann sich Grimpel frei von elterlicher Bevormundung oder Nörgeleien bewegen. Sein Vater, wenn er dann mal da ist, ruft ihn nur zu sich, um ihm etwas zu zeigen oder zu erklären. Die Mutter ist nur indirekt anwesend. Es ist ein Spaß für jeden Leser mit dem in sich ruhenden Grimpel die Zeit zu verbringen, denn er langweilt sich nicht und kann auch ohne Fernsehen, Computer und andere aktuelle Ablenkungen seine Zeit wunderbar mit Kochen, Dichten und vielen Gedanken über die Zukunft ausfüllen.

Genauso wenig Respekt wie den Elternpflichten erweist Clement Freud dem Thema Schule. Auch hier sind die Erwachsenen zumindest geistig abwesend und Grimpel lernt durch seine eigenen Experimente und Erfahrungen mehr als in den Schulstunden. Klar, lakonisch, ohne Abschweifungen und dicht erzählt der Autor von seinem Protagonisten und dessen seltsamem Leben. Ob Grimpels Eltern ihrem Sohn gegenüber lieblos sind oder einfach nur gedankenlos, muss jeder für sich beantworten.

Ob Zwiebelsuppe, Kartoffelpuffer oder Trifle, alles kann nachgekocht werden und am Ende des Buches stehen alle Rezepte, die Grimpel mehr oder weniger erfolgreich ausprobiert hat.

Clement Freud, Journalist, Politiker und begnadeter Koch ( Enkel von Sigmund Freud) hat sich diese ungewöhnliche Geschichte ausgedacht. Sein Protagonist könnte ihm ähnlich sein, denn in einem Interview hatte Clement Freund geäußert, dass seine Mutter ihm gegenüber ziemlich gleichgültig war.

Aber Clement Freud hat auch eine Kinderfigur erschaffen, die nicht nur sympathisch, warmherzig, sondern auch sehr fürsorglich ist und das bekommen – in dieser verkehrten Welt – Grimpels Eltern zu spüren.

Fazit:

Dieses Kinderbuch zeichnet sich durch die Abwesenheit der Erwachsenen aus. Grimpel, ein Kind ohne Vorzeigequalitäten, schlägt sich tapfer und manchmal leicht orientierungslos durch den Alltag des Lebens und macht so seine Erfahrungen. Eine Geschichte, die sicher nicht zum Nachahmen zu empfehlen ist, aber dafür sollten Grimpels gesammelte Rezepte nachgekocht werden.

Karin Hahn

 

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