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Buchcover: Mechthild Gläser: Die Buchspringer

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Buchspringer von Mechthild Gläser

erschienen bei Loewe

geeignet für Kinder im Alter ab 11 Jahren

Zusammen mit ihrer Mutter besucht Amy in den großen Ferien eine kleine, abgelegene englische Insel und erfährt, dass sie als Mitglied der dort ansässigen Familie Lennox of Stormsay eine besondere Fähigkeit hat: in Bücher und Geschichten zu springen, sich dort aufzuhalten und – das ist die Aufgabe derer zu Stormsay – dort nach dem Rechten zu sehen. Amy ist begeisterte Leserin und freut sich darüber, alle ihre Lieblingsfiguren und auch ganz neue „lebendig“ treffen zu können: Shir Khan, Heidi, Peter Pan, Oliver Twist oder Goethes Werther. Doch bald merkt Amy, dass in der Buchwelt seltsame und gefährliche Dinge passieren .. …

Wer gerne und viel liest oder Geschichten hört, der hat in seinem Leben schon viele Figuren der gedruckten Welt kennen und lieben gelernt; und sich vielleicht mehr als einmal vorgestellt, wie es wäre, sie mal in echt kennen zu lernen, mit ihnen zu sprechen, zu spielen und sie bei ihren Abenteuern zu begleiten. Dass echte Menschen in eine Geschichte geraten, ist wiederum ein des Öfteren verwandtes Thema für Romane, von „Die Unendliche Geschichte“ bis zu „Tintenherz“. In diesem Buch ist es ein bisschen anders, pragmatischer könnte man sagen, oder authentischer. Denn in diesem Buch geraten die „Buchspringer“ nicht in eine in allen Details auskonstruierte Parallelwelt und auch nicht in eine einzige Geschichte, sondern einfach in die Buchwelt. In der alle Figuren leben, die in allen Büchern dieser Welt vorkommen; sie spielen wieder und wieder die Rolle, die ihnen der Autor zugedacht hat; haben sie aber gerade keinen Einsatz, dann führen sie so etwas wie ein normales Leben, besuchen sich oder schauen den anderen Geschichten zu. Oder hängen zusammen in einer „Zeile“ genannten Ecke der Buchwelt ab. Die Wege zu den einzelnen Geschichten sind ausgeschildert und wenn es mal ganz schnell gehen soll, dann kann man sich auch vor- oder zurückblättern.

Zwar ist das Konstrukt nicht immer hundertprozentig logisch zu Ende zu denken, aber faszinierend ist es doch. Und so ist es kein Wunder, das die lesebegeisterte Amy sich freut, dass sie diese Gabe des Buchspringens besitzt. Sie erfährt davon, als sie das erste Mal zusammen mit ihrer Mutter die kleine Insel besucht, von der ihre Mutter stammt und auf der ihre Großmutter noch immer lebt. Dort lebt noch eine andere Familie und beide sind einander in herzlicher Feindschaft verbunden. Alle jugendlichen Nachfahren dieser Familien haben die Gabe, in Bücher zu springen. Und die Aufgabe, dort nach dem Rechten zu sehen und die Literatur zu schützen; neben Amy sind es zur Zeit noch die tussige, arrogante Betsy und der stille, hübsche Will. Klar – ein bisschen Romantik und am Ende auch ein bisschen Geknutsche gibt es in dieser Geschichte; aber sehr perfekt dosiert, es lenkt nicht ab von der spannenden Story, sondern überzuckert sie rosarot und bittersüß mit einer weiteren Spannung: werden sie sich kriegen?

Dass es eine spannende Geschichte ist, dass es hier nicht um Sommerfrische und Urlaubsflirts geht, ist von Anfang an klar: Amy und ihre Mutter flüchten quasi von zu Hause, Amy vor ihren Freunden, die sie mit Handyfilmchen bloßgestellt haben, die Mutter vor einer unglücklichen Beziehung. Amys Mutter und Großmutter streiten sich von der erste Minute auf der Insel über Früher, über Amy und über alles Mögliche sonst. Wie diese Verwicklungen nach und nach aufgedeckt werden, ist spannend. Und ganz normale Gruselspannung gibt es auch, denn vor jedes Kapitel ist eine Strophe eines alten, gruseligen Märchens gestellt, als Motto quasi, das sich immer mehr mit der Handlung an sich verschränkt:

„Das Ungeheuer hatte viele, viele Jahre geschlafen, tief, tief in seiner Höhle, wo es am dunkelsten war. Anfangs hatten sich die Bewohner des Königreichs vielleicht noch verschwommen an das schreckliche Wesen erinnert, aber mit der Zeit war es zu einer dunklen Ahnung verblasst. Jetzt jedoch, gerade als das Vergessen die Menschen vollständig einhüllte, jetzt war der Moment gekommen, da das Ungeheuer von neuem die Augen aufschlug.“

Und damit es für alle zukünftigen Leserinnen und Leser eine spannende Geschichte bleibt, wird jetzt nicht mehr allzu viel verraten.
Warum Amy zum Beispiel sehr viel besser in Bücher springen kann als die anderen beiden, nicht nur von der dafür vorgesehenen Stelle nämlich, sondern wann immer sie ein Buch zur Hand hat; sogar mit ihrem E-Reader funktioniert es. Sie scheint den Unterricht gar nicht zu brauchen, der den Buchspringern jeden Tag von drei freundlichen Mönchen erteilt wird – über die hier auch nicht mehr verraten wird.

Anfangs genießt Amy das Buchspringen einfach, so wie es jeder von uns tun würde, der Geschichten liebt, der vor Frust, Liebeskummer, einer peinlichen, auf jugendlich machenden Mutter und ständigen Streitereien in der Familie fliehen wollte. Weil sie so begabt ist, kann sie von Anfang an zwischen den Geschichten herumwandern und das tut sie ausgiebig: sie reitet auf Shir Khan aus dem Dschungelbuch, trinkt in Alice’ Wunderland Tee, schenkt Oliver Twist Kaugummi und freundet sich mit Goethes Werther an. Die Figuren, die auftreten, sind allesamt aus klassischen, bekannten Texten und Märchen; zum Verständnis ist es allerdings nicht notwendig, all diese Texte zu kennen, denn das wichtigste wird jeweils erklärt. Wer sie schon kennt, freut sich doppelt, sie zu treffen. Und man bekommt Lust, auch mal die Originalgeschichten zu lesen.

Jedenfalls, Amy stellt schnell fest: irgendetwas stimmt nicht in der Buchwelt! Erst verschwindet Geld aus den Schatzkammern von Ali Baba, dann passieren Unfälle und sogar ein Mord; und dann verschwinden aus manchen Geschichten die wichtigsten Ideen, die, ohne die eine Geschichte in sich zusammenbricht, der Sommer beim Sommernachtstraum zum Beispiel. Jemand schleicht durch die Buchwelt und klaut sie! Parallel verschärft sich auch der Ton in der Realität zwischen den Familien, zwischen Amy und Betsy und auf einmal scheint alles mit allem zusammen zu hängen.

Hier machen wir nun wirklich einen Punkt.
Sprachlich ist das Buch normal, und das ist positiv gemeint: Jung geschrieben, aber nicht betont jugendlich, fantasievoll, ohne durch neu erfundene Vokabeln für alles Mögliche in der anderen Welt zu nerven. Der Text fließt, unterhält, fesselt, man muss ein bisschen mitdenken.

Insgesamt ist es ein Buch für erfahrene Leser und Leserinnen, die sich über hunderte Seiten nicht allzu großer Schrift freuen. Und wohl eher für Leserinnen – auch wenn es keine typisch Teenie-Chick-Lit ist. Auch das Ende mutet uns ein bisschen was zu; zwar passiert nicht die ganz große Katastrophe, auf die es eine Zeit lang hinauszulaufen scheint. Sondern nur eine kleine, eine sehr bittersüße, die die Hoffnung lässt auf einen zweiten Band. Und über die man noch stundenlang melancholisch sinnieren und weiterspinnen kann. Herrlich.

Fazit

Viele Seiten für viellesende Kinder, gefüllt mit mehr als flockig zu lesendem Knutsch und Tratsch und Erwachsenwerden, trotzdem aus dem wahren Leben und gleichzeitig voller Fantasie, so spannend, dass man es „wegfressen“ muss und so schön, dass man seine Lieblingsstellen viele Male wieder lesen mag, unterhaltsam und mit genau der richtigen Prise Romantik. Solche Bücher gibt es nicht so oft – mit „Buchspringer“ hat die Bücherwelt wieder eines mehr!

Sigrid Tinz

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