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Buchcover: Heinz Janisch: Bärensache

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Bärensache von Heinz Janisch

erschienen bei Bajazzo

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

[ab 5 Jahren]

Ein Bär, der mitsamt der Haut aus dem Fell fährt – wo hat man so etwas schon je gesehen, und dann auch noch in dreifacher Ausführung?! Mit dem sich verschaukelt fühlenden Bären kann der Betrachter auf unterhaltsame Weise neu sehen lernen …

Um es gleich vorwegzunehmen: was mit einem heftigen emotionalen Ausbruch und der entsprechenden Handlung beginnt, endet zum Glück für alle Beteiligten versöhnlich. Der Bär, seit einem Jahr Mitarbeiter (?!) des Zoos, beschwert sich bei seinem Chef, dem Direktor, über die unzureichende Unterbringung. Als Untermieter der Familie Bärenkirchner sei er schließlich allzu oft den Ameisenangriffen im Garten ausgesetzt. Als lebenden Beweis bringt er gleich zahlreiche Exemplare mit ins Büro (die schleunigst die Einrichtung demontieren). Um von seinem im Stuhl schaukelnden Arbeitgeber ernst genommen zu werden, tritt Meister Petz fordernd auf: seine eigene Höhle für die nächsten fünf Jahre verlangt er und einen Schach spielenden Wärter gleich noch dazu. Andernfalls droht er an, auf eine Weltreise zu gehen. Der Direktor willigt ein und beide essen ein Haselnuss-Bananen-Versöhnungs-Eis.

Soweit die Geschichte, die an sich schon erheiternd wirkt ob ihrer Sprachspiele von „verschaukeln“, der „vollen Schnauze“ oder dem Superlob „bärenstark“ – ein sprachlicher Gewinn für Leser wie Zuhörer ist garantiert.

Warum, fragt sich der Leser jedoch, sollte er denselben Text gleich drei mal hintereinander in einem Buch lesen? Die Antwort lautet: zur Erbauung und Bereicherung!
Obwohl jede der Illustratorinnen Daniela Bunge, Helga Bansch und Manuela Olten exakt dieselbe Textvorlage auf sechs Doppelseiten darstellt, geben sie der Geschichte jeweils ein ganz eigenes Gesicht. Sie verteilen die Zeilen verschieden, illustrieren andere Schwerpunkte, geben ihren Bären und Direktoren ganz unterschiedliche Gestalt und Mimik.

Bei Manuela Olten, deren Stil vielen Betrachtern aus „Muss mal Pippi“ oder den „echten Kerlen“ geläufig sein wird, ist der Direktor z.B. ein pummeliger Mini-Mann. Der Bär – fiesen ihn attackierenden Kindern schutzlos ausgeliefert – weckt zunächst unser Mitleid, zieht mit dem Fortgang der Handlung jedoch alle Register auf der Klaviatur der Gefühle. Manuela Olten zeigt ihn traurig, wütend und schließlich himmelhoch jauchzend . Besonders hervorzuheben ist ihre Gestaltung der Eingangsszene, in der die Ameisen übermächtig erscheinen und der Bär seinen Pelz auf einen Bügel hängt.

Daniela Bunges Bär hingegen blickt von Anfang an friedlich drein, wirkt eher ratlos als fordernd und bedrohlich. Der Direktor im durchgestylten Büro samt wimpernklappernder Giraffe als Vorzimmerdame, ist als Typ gekonnt aufs Korn genommen. Wie er vor dem Panoramafenster über seine sorgfältig designte Brille per Laptop „zooglet“ ist einfach köstlich. In dieser Version wirken beide Protagonisten – Bär und Direktor – gleich wichtig und gleichermaßen an der Lösung des Problems interessiert.

Die dritte im Bunde, Helga Bansch, stellt schließlich unsere nunmehr vorgeprägte Erwartungshaltung auf den Kopf. Läßt sie doch den Affen als Direktor agieren und stellt „europäische Zweibeiner“ in Käfigen aus – ein erheiternder Perspektivwechsel. Auch Helga Bansch spart nicht an witzigen Einfällen wie der Schach-Unterhose des Bären oder seiner Menschen karikierenden Bauch- und Rückenbehaarung. Die Barszene ist ihr besonders gut gelungen.

Allen gemeinsam ist also: es gibt eine Fülle gelungener Details zu entdecken und es ist äußerst spannend zu erleben, wie die Art der Bebilderung unsere Sicht auf die Protagonisten beeinflusst oder der gesamten Geschichte eine andere Stimmung zu geben vermag.
Dem Betrachter bleibt schließlich bei der Favoriten-Suche die Qual der Wahl. Soll man nach der Sympathie der Bärentypen, der Farbwahl, dem Zeichenstil der Illustratorin oder der Anschaulichkeit der Bilder entscheiden? Auf jeden Fall muß man die tollen Zeichnungen mehrfach aufmerksam betrachten und erfüllt damit das Ansinnen des Verlegers, Thomas Minssen: das Buch möge eine „unaufdringliche Schule des Sehens“ sein.
Verwirrend bleibt einzig, warum die Illustratorinnen auf dem Cover, der ersten Seite und im Verlauf des Buches drei mal in verschiedener Reihenfolge angeordnet sind.

Fazit:

Dieselbe Geschichte dreimal illustriert beschert Überraschungen, Freude und Seh-Genuß der besonderen Art. Dieses Buch bietet Gesprächsanlässe über eigene und fremde Vorlieben und Stimmungen und ist es wert, wiederholt zur Hand genommen zu werden.

Silvia Ströhmann

 

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