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Buchcover: Emily Jenkins: Was ich am allerliebsten mag

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Was ich am allerliebsten mag von Emily Jenkins

erschienen bei Gerstenberg

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

[ab 5 Jahren]

Alberta, die selbstbewusste Heldin des in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Buches „Was ich am allerliebsten mag“, weiß genau, was ihr gefällt. Aber wie findet sie ein Maß für das Mögen? Alberta wird in allerlei verschiedenen Lebenslagen gezeigt, bis sie uns am Ende schließlich die überraschende Antwort gibt …

Alberta mit den frechen Zöpfen erzählt keine Geschichte, sondern gibt wieder, wie sie lebt und was ihr gut tut. Das Allerliebste zu finden ist jedoch nicht so leicht. Da werden Zollstöcke angelegt, der Vergleich mit anderen Personen bemüht, graduelle Abstufungen erdacht und dabei viele Bereiche beleuchtet: Lieblingstiere und -essen, Lieblingsbeschäftigungen und -filme, Lieblingsfarben und – gefährte und sogar favorisierte Bettgenossen.

Mit der Erwartungshaltung des (erwachsenen) Lesers wird gebrochen, denn zunächst wird klargestellt, was Alberta nicht besonders mag: Hunde – außer sie sind nur „kniehoch“. So kommen für ein so kleines Mädchen also fast nur Dackel in Frage …. Katzen hingegen stehen auf Albertas Beliebtheitsskala schon höher, orangefarbene Dinge sehen für sie „wahnsinnig aufregend“ aus, Schiffe sind toll und Stoffeulen dürfen ihre Bettkante auch im Dunkeln bevölkern. Alberta mag auch Fische – nur lebendig müssen sie sein. – Absolut unbeliebt hingegen sind bei ihr Puppen (!), Zurückweisungen des Bruders Marshall, die leidige Pflicht des täglichen Zähneputzens sowie Zeichentrickfilme, in denen Tiere sich ständig jagen. Oft wägt Alberta ab, schränkt ein, und zählt so auch Situationen auf, in denen sie ihren Bruder durchaus mag, z.B. wenn er Zungenturnen veranstaltet oder Scherzfragen präsentiert. (Ein typisches Beispiel ist in der entsprechenden Seitenillustration originell verarbeitet. Unbedingt ansehen!)

Das Mädchen grenzt sich mit Bestimmtheit von den Vorlieben der Mutter ab – bitterer Grapefruitsaft trifft ihren Geschmack ganz und gar nicht.
So stellen sich letztlich kleine rote Fruchtgummibonbons, Pfefferminz-Eis, Filme mit Tierkunststückchen und das Baden mit drei Gummihaien als Favoriten heraus. Für Kinder besonders komisch: Kartoffelchips als Lieblingsgemüse!

Es wird von Seite zu Seite immer spannender, was oder wer schließlich auf Albertas persönlichem „Siegertreppchen“ stehen könnte. Albertas Antwort ist schließlich so simpel wie verblüffend: es werden keine weiteren Personen, Tiere oder Gegenstände ins Feld geführt, sie mag am allerliebsten: sich!

Eine solch unbescheidene Aussage ist für Kinder ihres Alters sicherlich absolut typisch und ehrlich, auch wenn Eltern geneigt sein werden zu argumentieren, wie wichtig doch die Geschwisterkinder, Freunde etc. sein sollten. Dieses Finale bietet ebensoviel Gesprächsstoff wie die Frage „Warum mag man, was man mag?“ sowie die Feststellung „Was du bist und was du magst, ist nicht das Gleiche, hängt aber zusammen“. Darüber ließen sich – je nach Alter des Kindes – vortrefflich die verschiedensten Gedanken und Ideen austauschen. Jüngere Kinder finden vorerst Gefallen an den abwechslungsreichen Illustrationen, die sie vieles aus ihrer Alltagswelt entdecken lassen, und äußern sicher auch bereits eigene Meinungen; ältere betrachten Albertas Aussagen dagegen sicherlich noch differenzierter. Beim Vorlesen werden sie sich garantiert selbst fragen, wie sie zu den ganz persönlichen „Thesen“ Albertas stehen und ihre eigenen Urteile verkünden – ein Innehalten vor dem Betrachten der letzten Seite wäre trotz aller Spannung aber empfehlenswert! Ohne Albertas vorweggenommene Antwort können die Kinder unbefangener nach eigenen Ideen suchen und damit nach der Beantwortung der entscheidenden Frage „Was mag ich am allerliebsten?“

Emily Jenkins hat viel erreicht, wenn die Kinder nach der Lektüre mit noch offneren Augen ihre Umwelt betrachten und eigene Vorlieben entdecken. Sie werden selbst-bewusster, aufmerksamer und klüger – was wollen wir Eltern mehr?

Die Autorin konfrontiert die Leser bereits auf der zweiten Buchcover-Seite mit acht Fragen zu Dingen, die sie mögen – ein ungewöhnlicher Einstieg, der die Kinder von der ersten Minute an mit einbezieht. Emily Jenkins Worte erscheinen wohlgewählt, die Sätze überfordern in punkto Länge und Inhalt Vorschulkinder keinesfalls. Sympathisch ist, dass über Alberta erzählt wird, sie aber auch selbst zu Wort kommt und Bezüge zu anderen Menschen hergestellt werden, z.B. „Manche Menschen mögen Katzen lieber.“.

Scheinbar nebenbei und völlig mühelos vermittelt uns die Autorin über die Figur der Alberta zum Thema „Schiffe“ allerlei – auch im „richtigen Leben“ brauchbare – Vokabeln wie Flugzeugträger, Yacht, Gummiboot und Kanu. Kinder rufen im besten Fall vorhandene Bilder zu diesen Begriffen aus ihrem Gedächtnis ab oder werden ermutigt, nach Abbildungen dieser Art Ausschau zu halten.

Die aufwändigen Illustrationen von Anna Laura Cantone treffen in ihrer Ausgefallenheit wunderbar den Ton des Buches. Die wie von Kinderhand geschaffenen comicartigen Bleistift-„;Kritzeleien“, von Strichmännchen und kakaduartigen Phantasievögeln mit Zähnen, sowie die zahlreichen Details auf jeder der großformatigen Doppelseiten werden mit flächig gestalteten Hintergründen als ausgleichendes Element unterlegt. Die Farbwahl variiert von verhaltenem Pastell bis hin zu schreiendem Orange und meerblauem Petrol. Eine wirkliche Besonderheit ist die mutige Entscheidung für eine Mischung aus Collagen und Zeichnungen. So finden Perlen und Fotos, Stoffreste und Holzstäbchen, Wellpappe und Paketschnur, Fellstückchen, Krepppapierkugeln und vieles mehr Verwendung – es gibt unendlich viel zu entdecken! Diese Art der Illustration zieht den Betrachter hinein in Albertas kindlich-buntes Leben und hält ihn – im besten Wortsinn – gefangen.

Auch die vielfältigen verwendeten Schrifttypen und ihre Einbindung in die Illustrationen dürfen ebenfalls keineswegs unerwähnt bleiben. Der Zeilenverlauf folgt bisweilen den dargestellten Dingen, Klein- und Großdruck, zwischenzeitlich sogar ein Wechsel vom Quer- zum Hochformat, Leerzeichen, Hervorhebungen durch Fettdruck und Silbentrennung, verschiedene Schriftgrößen – hier wurden ungemein viele Register der Buchdrucker- und Illustrationskunst gezogen. Die meisten Feinheiten erschließen sich nicht auf den ersten Blick, eine ausführlichere Betrachtung, ein Sich-Einlassen auf den mitunter kunterbunten Wort-Bild-Mix ist unbedingt erforderlich. Die prall gefüllten Seiten wehren sich förmlich gegen gedankenloses Durchblättern, belohnen den ausdauernden Betrachter dafür aber mit Unmengen von skurrilen Einfällen. So hat sich die Mutter ihre geliebte Thunfischkonserve, wie ein Hut auf den Kopf geschnallt, oder man meint zu erkennen, wie der Fisch in der Pfanne ob seines Schicksals widerwillig die Augen verdreht.

Fazit:

Während Alberta dem Betrachter überraschende und abwechslungsreiche Einblicke in ihre Vorlieben und Abneigungen gibt, lernt dieser auf vergnügliche Weise zwischen verschiedenen Arten des Mögens zu unterscheiden und entdeckt sogar neue eigene Antworten. Dieses Buch ermutigt dazu, selbstbewusst zu seinen Vorlieben zu stehen.

Silvia Ströhmann


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