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Buchcover: Jimmy Liao: Die Sternennacht

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Sternennacht von Jimmy Liao

erschienen bei Chinabooks E. Wolf

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

An dieses Buch muss man sich ein wenig gewöhnen: es ist ein Bilderbuch, aber ungewohnt dick und im Paperback; das Thema ist ernst und für ältere Kinder; die Geschichte ist sehr lang, romanwürdig, aber erzählt wird sie von den Bildern wie bei einem Comic oder einer Graphic Novel; der Inhalt und die Illustrationen wechseln zwischen Realität und Fantasie, zwischen hartem Alltag und bunten Träumen.

Ein kleines Mädchen mit viel beschäftigten Eltern und wenig Freunden trifft einen schweigsamen Jungen. Das Mädchen ist einsam in der Schule und wird gemobbt, die Eltern lieben es wohl, verstehen es aber nicht. Dann kommt dieser Neue auf die Schule, ein Einzelgänger wie sie, aber sie beneidet ihn: denn er scheint gerne alleine zu sein, er wirkt zufrieden und bei sich. Beide Kinder sind nicht das, was man landläufig als glückliche Kinder bezeichnet, auch wenn das natürlich ein utopischer Anspruch ist, denn kein Kind ist immer glücklich. Aber: hier eskaliert das Mobbing in einer Schlägerei, danach sind die beiden Außenseiter verletzt – aber so etwas wie Freunde. Nicht mehr einsam, nicht mehr allein.

Eines Tages beschließen die beiden, die Stadt zu verlassen und in die Berge zu fahren, wegzulaufen, könnte man sagen, aber sie sind eigentlich alt genug. So muss man sich als Leser keine großen Sorgen machen. Sondern im Gegenteil, kann die Sorglosigkeit dieses Ausfluges mitgenießen: die Sonne auf dem Bauch, die Natur vor Augen, die Zeit nur für sich, und dann nachts, allein zu zweit, unter einem magischen Sternenhimmel zu schlafen. Das Mädchen kennt sich außerdem aus in den Bergen, dort lebten ihre verstorbenen Großeltern, dort hat sie gelebt, bis sie so alt war, dass sie in die Stadt und in die Schule musste.

Wieder zurück in der Stadt wird das Mädchen krank, und der Junge zieht mit seiner Familie weg. Das Mädchen wird den Jungen nie wieder sehen, aber ihre Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit bleiben – und ganz besonders die an die Sternennacht.

Das ist die Geschichte.

Viel mehr Text enthält das Buch auch gar nicht, auch wenn zwischen den Zeilen natürlich ein ganzer Roman spielt. Den erzählen in diesem Buch die ganz- und doppelseitigen Bilder. Wechselnd zwischen Fantasie und Realität, zwischen traurigem, anstrengendem und schönem Geschehen. Immer vielfarbig, fantasievoll und traumschön, und jedes ganz anders und etwas eigenes.

Dazu gibt es meist ein paar wenige Zeilen Text, manchmal sehr konkret, manchmal zusammen mit dem Bild wie ein Postkarten-Spruch, der nachdenklich macht:

„Bevor ich sechs wurde, lebte ich mit meinen Großeltern in den Bergen. Damals vermisste ich meine Eltern. Jetzt vermisse ich meinen Opa und meine Oma.“ Oder: „Der fremde Junge ist wie eine Pflanze in einem Irrgarten, er interessiert sich nicht dafür den Weg hinaus zu finden. Ich dagegen bin wie ein kleiner Vogel, der in einen Käfig eingesperrt ist, ich sehne mich danach in den weiten Himmel aufzufliegen.“

Oder, beim nachtblauen, an berühmte Kunst erinnernden Bild vom Sternenhimmel: „Hättest du Angst, wenn wir beide die letzten Menschen auf der Welt wären?“

Und auch: „Letztes Jahr hat mir mein Opa zum Geburtstag einen kleinen Elefanten geschenkt. Manchmal verwandelt sich der kleine Elefant in einen großen.“ Auf dem Bild sieht man erst, wie das Kind den Stoffelefanten aus dem Geschenkpapier wickelt und dann mit einem lebensgroßen Elefanten in seiner Fantasiewelt spielt. Wie auch später, das Mobbing in der Schule, als das Mädchen dem Jungen zur Hilfe kommt: Das Bild zeigt einen großen, roten, dicken freundlich-grimmigen asiatischen Drachen, der die ärgernden Kinder auseinandernimmt. „Wir sind zwar beide verletzt, aber ich glaube in Zukunft werden die anderen uns in Ruhe lassen.“

Zwischen dem wenigen Text und den großen, vollen Bilder gibt es immer wieder Lücken und Sprünge, die wie automatisch gefüllt werden mit der eigenen Fantasie der Leser und deren eignen Erlebnissen, Träumen, Erinnerungen – und so finden sich, in dieser eigentlich sehr konkreten Geschichte über dieses eine bestimmte Mädchen, für jeden ganz persönliche Anknüpfungspunkte. Weil sie eben auch das erlebt, was alle erleben: einsam sein und sich unverstanden fühlen, Sehnsucht, fröhliche Kindertage, Kranksein, Ärger in der Schule, Freundschaft, die erste Liebe, Schuleschwänzen, großartige Natur.

Nach fünf, sechs Bildern ist so etwas wie ein Kapitel zu Ende und ein neuer Gedankengang, eine neue Erinnerung beginnt, ohne dass es durch eine Überschrift gekennzeichnet ist. Man liest dieses Buch deshalb wie automatisch langsamer, weil man mitdenken muss, kann aber gleichzeitig immer folgen. So lässt es auch zeitlich viel Raum, nicht nur zwischen den Zeilen und Bildern, und wird dadurch zu einem sehr intensiven Lese-Erlebnis. Einfach besonders.

Fazit:

Ein ungewöhnliches Bilderbuch, das man nicht mehr weglegen mag, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat. Und eines, das man immer mal wieder nimmt, um die Lieblingsstellen zu lesen und die Lieblingsbilder anzuschauen, wenn man sie nicht ohnehin im Kopf behält und im Herzen.

Sigrid Tinz

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