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Buchcover: Sébastien Joanniez: Ein Zwilling für Leo

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Ein Zwilling für Leo von Sébastien Joanniez

erschienen bei Gulliver

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. „Ich bin immer woanders, sogar wenn ich da bin, bin ich woanders.“ Der schweigsame Leo wünscht sich einen Zwillingsbruder. Dann wäre er nicht mehr so allein und könnte alles mit seinem Bruder teilen. Der Junge weiht nun seine Freunde ein, erhält viele gute Ratschläge und am Ende sogar Familienzuwachs.

Im locker leichten Erzählton nimmt der eigenwillige, wie sympathische Leo den Leser mit in sein Leben und wie Nora, in die er verliebt ist, springt er auch ab und zu von einem Gedanken zum nächsten. Leopold, kurz Leo genannt, wohnt in Frankreich, irgendwo im Hochhaus B. Sein Vater ist arbeitslos und hockt zu jeder Tageszeit vor dem Fernseher. Die Mutter stopft den Kühlschrank voll, nachdem sie die Einkaufstüten mühsam die fünf Treppen hinauf geschleppt hat. Sie putzt und sorgt sich um ihren Sohn. Allerdings redet offensichtlich niemand mit dem Jungen und er hat es sich abgewöhnt, Fragen zu stellen. Lieber geht er allein auf die Suche nach den Antworten und verlässt sich nicht auf seine Eltern, deren Lebenserfahrungen sowieso nur aus dem Fernsehprogramm stammen. Wenn Leos Vater etwas nicht passt, setzt es Ohrfeigen. Auch die Mutter hat keine Sprache für ihr Kind. Leo regt das nicht auf, denn er weiß, dass seine Eltern nicht auf der glücklichen Sonnenseite stehen und es woanders vielleicht besser wäre. Jedenfalls hadert er mit dem Schicksal und wünscht sich einen Zwillingsbruder. Mit ihm wäre er in seiner Familie nicht mehr so einsam und er hätte jemanden, der ihn versteht. Sein Fußballfreund Amédée aus dem Senegal ist da ganz anderer Meinung. In seiner Familie sitzen mindestens 15 Leute am Tisch. Nirgendwo hat er Ruhe zum Lernen. Sein ehrgeiziges Ziel Pilot zu werden, verhindern am Ende noch seine kleinen neugierigen Schwestern.

Leo sieht das natürlich ganz anders. Er erträumt sich einen Menschen, dem er nichts erklären muss, der seine Gedanken teilt und der haargenau so ist wie er selbst. Doch wie besorgt man sich einen Bruder? Die hässliche Ingrid nimmt Leo gleich den Wind aus den Segeln und stellt lapidar fest, dass das einfach gar nicht möglich ist. Leos Freunde machen sich da schon mehr Gedanken. Julien, der stotternde Junge, dem einfach zu viele Worte gleichzeitig einfallen, hat die zündende Idee: Leo sollte sich klonen lassen. Als der Junge am kommenden Tag von der Lehrerin wissen möchte, was ein Klon ist, sind alle erstaunt, denn der Schweiger Leo hat ziemlich schlechte Zensuren. Nach dem Unterricht beantwortet die Lehrerin Leos Frage. Plötzlich weint er ganz hilflos. Vielleicht ahnt er bereits, dass er weit von seinem Ziel entfernt ist. Nora, das afrikanische Mädchen, das wie aus Honig gemacht ist, schleppt den Jungen zu einem schwarzen Medizinmann, einem Marabut. Er händigt Leo eine Puppe aus, damit er diese bei Vollmond den Eltern unter das Bett schiebt. Nora bezahlt und beide Kinder hüten ihr Geheimnis. Schweißgebadet und hoffnungsvoll legt Leo dann um Mitternacht das Spielzeug an die bewusste Stelle.

In den kommenden Tagen muss er die Puppe wieder hervorholen, denn seine Mutter würde sie beim Säubern der Wohnung finden. Das Leben geht seinen gewohnten Gang. Nichts Weltbewegendes geschieht. Leo geht in die Schule, wird bestraft, spielt Fußball, geht schwimmen, zählt die Tage bis zu seinem Geburtstag, isst Krebse, träumt und macht sich Gedanken. Doch das geduldige Warten soll belohnt werden, zum einen mit einem fast zufälligen echten Kuss von Nora und zum anderen mit einer ersten freundlichen Geste seiner Mutter.

Sie hat ihrem Sohn einen Schwimmreifen gekauft und erzählt ihm auf sehr nüchterne Weise, dass sie schwanger ist. Leo ist so froh, dass er erstmal durch die Gegend laufen muss und kurzerhand Ingrid eine Ohrfeige verpasst. Das musste einfach sein.
Der Bruder ist dann zwar eine Schwester und heißt Nina, aber das Leben ist nun doch irgendwie reicher. Mit Nina zieht ein bisschen mehr Freundlichkeit in die Familie ein und Leo ist der stolze Bruder.

Gut 500 Bücher des Vorjahres hat die Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, unter dem neuen Vorsitz von Dr. Caroline Roeder gesichtet und dabei nach in sprachlicher wie bildästhetischer Hinsicht qualitativ hochwertigen Formen gesucht. In der Sparte Kinderbuch wurde neben so bekannten Autoren wie Guus Kuijer, Jon Fosse oder Ake Edwardson der französische Newcomer Sébastien Joanniez mit seinem schmalen Kinderbuch „Ein Zwilling für Leo“ ausgewählt. „Heute wird Kindern mehr Daseinsernst zugetraut.“ sagte Dr. Roeder in ihrer Rede auf der Leipziger Buchmesse anlässlich der Bekanntgabe der Nominierungsliste.

Sébastien Joanniez versetzt sich gekonnt in seinen Protagonisten Leo, schaut dabei nicht von außen auf das Geschehen oder psychologisiert. Mit der knappen, kindlichen Sprache der Hauptfigur zieht der Autor den Leser mit viel Charme direkt in Leos alltägliche, unspektakuläre Welt hinein, schafft so eine Identifikationsbasis und geht auf die existentiellen Fragen des Lebens fast beiläufig ein. Ein Satz des Jungen sagt mehr als viele andere ausufernde, erklärende sozialkritische Geschichten.

„ Ich bin der Junge, der bei seinen Eltern wohnt und der glaubt, dass es woanders besser wäre, aber egal.“

So beginnt Leos Lebensbilanz. Die triste Wohngegend, der passive Vater, die putzsüchtige Mutter, vor diesem Hintergrund könnte Leos Geschichte ziemlich traurig ausfallen, doch Sébastien Joanniezs Sprache verfügt über diese einzigartige französische Leichtigkeit, die das Lesen so heiter macht. Und der französische Autor zeigt ein Miteinander der unterschiedlichen Kulturen und den vorurteilsfreien Umgang der Kinder mit dem Unbekannten. Leo weiß, dass sein Vater ihn hart bestrafen würde, wenn er ihn in der Kellerwohung eines schwarzen Medizinmannes erwischen würde. Allein schon der Gang in die verruchte Wohngegend der Migranten ist Leo verboten. Doch mit Nora an seiner Seite fühlt sich der Junge sicher und stellt ihre Ansichten über Zauberer und Wunderheiler erst gar nicht in Frage.
Leos Monolog liest sich in einem Rutsch einfach so weg und doch ist er nicht schnell vergessen, denn er besticht durch den naiven Blick des Kindes, durch Komik und Wärme.
Mit treffenden und verspielten, fast Kinderzeichnungen ähnlichen Schwarz-Weiß-Cartoons mischt sich der Illustrator Régis Lejonc in die witzigen aber auch sachlichen Augenblicke der Geschichte ein.

Fazit:

Das dünne, orangefarbene Gulliver-Buch „Ein Zwilling für Leo“ könnte leicht im riesigen Berg der werbewirksamen, auffälligen Buchcover, die neuerdings auch glitzern oder blinken und so um die Gunst der Leser zu buhlen, übersehen werden. Dank der Nominierungsliste des Deutsches Jugendliteraturpreis erfährt Sébastien Joanniez Kurzroman im Jahr 2007 noch einmal erhöhte Aufmerksamkeit und hoffentlich viele Vorleser oder Leser. Es lohnt sich!

Karin Hahn


Meinungen zu diesem Buch

[Leser-Kommentare überspringen]

Ilka meint:
Mein Sohn liest das Buch derzeit in der Projektwoche der 2. Klasse. Der Neugier halber habe ich das Buch gelesen und bin über die Trostlosigkeit im Leben Leos richtig erschrocken. Mein Sohn und seine Freunde, die ich darauf ansprach, fanden das gar nicht so schlimm, obwohl sie - verglichen mit Leo - doch sehr behütet aufwachsen. Ich hoffe, die Lehrerin geht auch darauf ein. Was wohl die Kinder in der Klasse fühlen und sagen, die genau so aufwachsen? (Mein Papa knallt mir auch immer gleich eine???) Ob es den Kindern Trost oder Lösungswege gibt? Ich bezweifle es etwas.

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