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Buchcover: Julian Gough: Rotzhase und Schnarchnase

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Rotzhase und Schnarchnase von Julian Gough

erschienen bei Magellan

geeignet für Kinder im Alter ab 5 Jahren

Diese Geschichte spielt im Winter, ist aber ausdrücklich keine, die man nur im Winter lesen könnte. Ohnehin wird es auch im Buch langsam Frühling: Schnarchnase Bär ist gerade aus dem Winterschlaf erwacht – unsanft geweckt vom Hasen Rotzhase. Der ist tatsächlich so unglaublich rotzig und schlecht gelaunt, wie er heißt. Und Bär ist genauso verschnarcht; man fühlt sich an Pu erinnert, den Bären aus dem Hundertmorgenwald, der auch immer einen Tick länger braucht, um zu verstehen, was Sache ist. Aber dabei ganz freundlich bleibt.

Das besonders Schöne an diesem – vorweg gesagt: schönen – Buch ist das Format: kleinformatig wie ein Roman und auch so schön dick, innen aber voller Bilder wie ein Bilderbuch, der Text passt von der Menge pro Seite für Leseanfänger; Syntax und Wortlänge und auch Layout erfordern allerdings ein bisschen Übung. Deswegen macht auch das Vorlesen großen Spaß und alles in allem hat es die perfekte Länge für eine Gute-Nacht-Geschichte.

Mit dem Anfang sind wir gleich mitten drin: „Als der Dieb wieder weg ging, trat er Bär auf die Nase. Bär erwachte. “Mein Honig! Mein Lachs! Meine leckeren Käfereier!„, rief Bär. “Alles weg!„ Vor der Höhle, im dichten Schneegestöber, war von dem Dieb und dem Essen keine Spur. “Es schneit?„, dachte sie. “Dann bin ich zu früh aufgewacht, es ist noch Winter.„ Die meisten Leserinnen und Leser sind an dieser Stelle vermutlich etwas irritiert, weil man irgendwie selbstverständlich davon ausgegangen ist, dass Bär ein “er„ ist, keine “sie„. Auch wenn man eigentlich nicht viel übrig hat für Rollenklischees, aber: große, starke Tiere sind irgendwie erst mal Männer und auch in Tierbüchern gibt es typisch männliche Rollen und typisch weibliche. Zwei Seiten weiter hat man sich so dran gewöhnt, dass das große, starke Tier weiblich ist, an Bär und sie, dass es anders kaum vorstellbar ist. So ist das mit Klischees, nur Gewohnheit, keine Wirklichkeit.

Das nebenbei.

Jetzt, wo Bär wach ist, vor der Zeit zwar, aber so endlich mal den Winter erleben kann, beschließt sie, erst mal und endlich mal einen Schneemann zu bauen. Die erste Kugel wächst und wächst und auf einmal ertönt darunter eine griesgrämige rotzige Stimme; mault und schimpft. Bär hat die Kugel über den Bau von Rotzhase gerollt – und der sieht nun nichts mehr. Rotzhase beschließt, auch einen Schneemann zu bauen: einen der, klar, viel größer und besser werden wird als der von Bär.

Rotzhase war es übrigens auch, der Bär das Essen geklaut hat, das wird aber erst später im Verlauf der Geschichte klar. Auch wenn man sich fragt, ob ein Hase wirklich Lachs und Honig fressen mag. Und in einem Bau wohnen Hasen ja eigentlich auch nicht – das sind die Kaninchen. Und der Wolf, der ein paar Seiten weiter auftaucht und für ordentlich Action sorgt, sieht eher aus wie ein Fuchs. Was biologische Fakten sind und was dichterische Freiheit oder Unkenntnis, da ist man sich als Vorleser irgendwann nicht ganz sicher. Auch an der Stelle nicht, an der Rotzhase seine Köttel frisst, von Bär dabei beobachtet wird und ihm erklärt, dass alle Hasen das so machen. Weil Pflanzen nicht so voller Energie stecken wie Lachs oder Honig oder Käfereier: “Wenn man Pflanzen gegessen und stundenlang verdaut hat, ist man noch lange nicht fertig!„ sagt Hase und erklärt weiter, dass die Energie noch in diesen weichen, schwarzen Kötteln steckt, weshalb man sie essen und noch einmal verdauen muss und dann erst kommt man an die Energie. “Und dann köttelt man eine andere Sorte Köttel & so trockene braune, in denen dann nur noch faserige, holzige Reste sind.„ Und diese anderen Köttel frisst man nicht. Nie. “Igitt.„ “Stimmt das in echt?„ fragt das Kind. Und ja, das stimmt, man nennt es Blinddarmkot und es ist ein bisschen wie Wiederkäuen. Nur dass Kühe und Schafe das Essen hochrülpsen – und Kaninchen es eben auskötteln.

Dann kann es ja weitergehen in der Geschichte, von der jetzt nicht mehr zu viel verraten werden soll. Am Ende raufen sich die beiden zusammen, der Hase beichtet den Futterdiebstahl, was die freundliche Bär ihm verzeiht. Die beiden teilen das Essen und bauen zusammen einen Schneemann. Statt um die Wette. Mit Tannenzapfen als Augen, mit einem Stock als lächelnden Mund. Dann holt der Hase noch eine dicke, knackige, perfekte Möhre aus seinem Geheimvorrat: “Hier, für deinen Schneemann.„ “Nein„, sagt Bär, und Hase erschrickt. Aber: “Die Möhre ist für UNSEREN Schneemann." So ist Bär, ein Vorbild an Freundlichkeit, aber weit davon entfernt naiv oder schwach zu sein, sondern: das ist ganz schön stark.

Der Text ist kindgerecht geschrieben, mit vielen Dialogen eingebettet in eine übergeordnete Erzählung, beides immer mit Niveau, Witz, frech und flott.

Die Bilder sind oft über die ganze Seite gezeichnet, der Text läuft teils hinein. Die Farben sind schwarz, weiß, grau und blau, was die winterliche Stimmung perfekt macht. Bär und Hase sind tolle Protagonisten, die eine plüschig und gemütlich mit lächelndem Gesicht, der andere spillerig und mit Rotzlaune in der Miene. Liebenswert und kauzig sind sie beide. Und wer es liebt, auf Landkarten die Orte der Geschichte nachzuschauen und nachzuvollziehen, darf sich freuen: im gleichen, ruhigen Zeichenstil wie das ganze Buch gibt es am Anfang einen Übersichtsplan von Rotzhasen-und-Schnarchnasen-Land.

Fazit:

Ein Buch das im Winter spielt, aber auch zu jeder anderen Zeit gelesen werden kann, weil die Geschichte um die Bär und Hase sich nur vordergründig um Schnee und Eis dreht. Eigentlich geht es um Freundschaft und Freundlichkeit, um Miteinander und Anderssein, das alles aufs Beste verpackt in viel Humor und auch ein bisschen Action. Band zwei gibt es auch schon. Dann ist es Frühling und Rotzhase hat grandios schlechte Laune: Bär schnarcht, eine Schildkröte erschreckt ihn fast zu Tode und dann kommt auch noch eine Grünspechtin in den Wald, die spechttypisch fürchterlichen Lärm macht. Für beide Bände gilt: tolle Bilder, flotter Text, gute Länge zum Vorlesen, gute Menge zum Selberlesen und lustig ist es auch.

Sigrid Tinz

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