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Buchcover: Jan Koneffke: Die Schlittenfahrt

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Schlittenfahrt von Jan Koneffke

erschienen bei Beltz und Gelberg

geeignet für Kinder im Alter ab 5 Jahren

Heile Welt zu Weihnachten, das funktioniert leider nicht immer. Wie gut, wenn dann jemand da ist, der einem hilft, alles hinter sich zu lassen. Jan Koneffke erzählt die abenteuerliche, phantastische Flucht eines Kindes aus der erdrückenden Enge und Tristesse seines Familienlebens. Glücklicher Weise bietet er dem Leser ein Happy End und öffnet ihm die Augen für die wichtigen Dinge des Lebens.

Eigentlich ist es wie immer: kurz vor Heiligabend streiten Mama und Papa über Kleinigkeiten. Aber diesmal erscheint es unerträglich. Das Kind nimmt seinen Schlitten und verlässt das Haus. Eine wundersame, aufregende Reise beginnt, denn der Schlitten lässt sich nicht mehr anhalten. Statt dessen wird er immer schneller und schneller. Vorbei geht es am verwunderten Vater, der in Jogginghose vor dem Haus steht und eine Zigarette raucht, hinaus aus dem Dorf, durch die große Stadt, über Berge und Täler bis ans verschneite Meer. Das Meer ist groß, doch es geht immer weiter. Mit glühenden Kufen erhebt sich der Schlitten in die Luft, die Erde ist bald nur noch als blauer Ball zu erkennen. Er rast vorbei an Planeten, Sonnen und mitten hinein in einen Meteoritensturm. Schließlich geht es rasant wieder auf die Erde zurück. Erleichtert kommt das Kind im Elternhaus an und alles scheint beim Alten, denn die Eltern streiten immer noch. Und doch, etwas muss passiert sein. Die Eltern sind älter geworden, ihr Haar ist grau, die Haut faltig. Als sie Ihr Kind erblicken scheint es wie ein Wunder. „Wo bist Du denn die ganze Zeit gewesen?“ fragen sie fassungslos, schluchzend. Sie hatten nicht mehr geglaubt, das ihr Kind jemals zurückkommen würde.

Mit dem Buch „Die Schlittenfahrt“ hat Jan Koneffke ein Weihnachtsmärchen geschaffen, das heile Welten entzaubert. Zwar bilden verschneite Dächer und schneebedeckte Bergen die passende Kulisse, doch bereits die erste Seite macht klar, dass man sich hier keineswegs in einer lauschig-warmen, heilen Weihnachtswelt bewegt. Ein Blick in ein Wohnzimmer, symbolisch die Axt, an die Wand angelehnt, daneben der Weihnachtsbaum lieblos und kümmerlich, umgeben von auf der Erde liegenden Weihnachtskugeln, vermittelt den Eindruck eines Trümmerfeldes. Dieser Eindruck vertieft sich und schnell wird klar, das eigentliche Trümmerfeld ist nicht das Wohnzimmer, sondern die Familie. So lieblos wie die gesamte Atmosphäre, so lieblos ist auch der Umgang miteinander. Der Zigaretten rauchende Vater im Jogginganzug und die kleinliche, nörgelnde Mutter machen deutlich, wie wenig Respekt und Gefühl einander noch entgegengebracht wird. Fixiert auf ihren eigenen Machtkampf, scheint das Kind hier nur Figur am Rande zu sein. Da das Kind die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, wird dies sehr intensiv verdeutlicht. Der Leser kann nachempfinden, wie ausgeschlossen, vergessen und alleine es sich in diesen Momenten fühlen muß. Die nun folgende abenteuerliche Schlittenfahrt beschreibt eine rasante Berg und Talfahrt der Gefühle. Einerseits spürt der Leser die Erleichterung darüber, den ungastlichen Ort des Elternhauses zu verlassen, gleichzeitig aber bestimmen Angst vor dem Ungewissen, Neugierde, Faszination am Erlebten aber nicht zuletzt auch hier ein Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit das Bild.

Sehr interessant, ausführlich und phantasievoll beschreibt Jan Koneffke hier Eindrücke, Erlebnisse und Schauplätze, wie nebenbei vermittelt er Wissenswertes über Erde und Weltall. Sehr eindrücklich an diesem Buch auch die Illustrationen von Jacky Gleich. Fast „erschreckend“ authentisch versteht sie es, die Tristesse des Familienlebens aus den Bildern sprechen zu lassen. So legen sich die überwiegend verwaschenen braun-grau Töne während der ersten Seiten wie ein schweres Tuch über den Leser und Betrachter. Erst als das Kind mit dem Schlitten durch Welt und Weltall reist, werden die Farben teilweise kräftiger, abwechslungsreicher und wärmer. Erzähltes und Illustration bilden ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ganzes.

Die Texte sind detailliert und sehr spannend. Zwar erzählt das Kind seine abenteuerliche Geschichte recht nüchtern, dennoch gelingt es, Stimmungen überzeugend zu erzeugen. Leider bleibt am Ende der Geschichte trotz des Happy-Ends ein großes Fragezeichen. Fantasie und Realität werden hier miteinander verbunden, das sorgt für Unklarheit. Aber vielleicht muss sich auch nicht immer alles erklären lassen. Wichtig ist, dass am Ende die Erkenntnis um wesentliche Dinge des Lebens im Mittelpunkt steht und eine Familie wieder zueinander gefunden hat.

„Die Schlittenfahrt“, ein ernsthaftes Buch mit einem etwas undurchsichtigen Ende erscheint mit seiner Problematik eher wie ein Buch für Eltern denn für Kinder. Es bringt den Vorleser zum Innehalten, zum kritischen Beleuchten und Hinterfragen seiner eigenen Familienwelt und kann somit eine große Bedeutung haben.

Fazit:

Ein Buch, das nicht der Kurzweile dient. Wer sich entschließt, dieses Buch mit seinem Kind zu lesen, sollte sich auf Fragen einstellen und einige Zeit für Erklärungen einplanen. Dann aber kann es durchaus eine Bereicherung für alle darstellen. Gemeinsam kann man das eigene Miteinander hinterfragen und gleichzeitig sensibel werden für Probleme, an denen vielleicht andere schwer zu tragen haben.

Antje Saam

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