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Buchcover: Mina Teichert: Ich wollt ich wär ein Kaktus

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Ich wollt ich wär ein Kaktus von Mina Teichert

erschienen bei Thienemann

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Lus Eltern trennen sich und sie soll mit Mama zur Oma ziehen. Eine neue Schule, ohne ihre Freunde, aufs Dorf, wo es stinkt und auch noch der neue Freund der Mutter – Landwirt – ständig in der Nähe ist und sie das peinliche verliebte Getue der beiden rund um die Uhr zu ertragen hat. OMG. Lus Papa bleibt im alten Haus, mit seiner neuen Freundin und turtelt genauso peinlich herum. In der neuen Schule trifft sie Julian und hat bald selber Schmetterlinge und Wespen im Bauch, was alles nicht einfacher macht.

„Ich wollt ich wär ein Kaktus“, das ist dann auch Lus Gedanke. Kakteen sind die Ruhe selbst und keiner würde sich erdreisten, sie ständig anzufassen oder abzuknutschen, selbst eine Oma nicht. Dazu sind sie zu stachelig. Dieser Wunsch kommt nicht von ungefähr, denn Lu ist begeisterte Kakteensammlerin. Sie hat große, kleine, empfindliche, seltene und all ihre Kakteen haben Namen. Eine große Sorge beim Umzug in die Wohnung bei Oma ist dann auch, ob sie für alle die richtigen Fensterplätze finden wird.

Kakteen sind der rote Faden der Geschichte

Metapher dafür, wie Lu Nähe und Veränderungen abwehrt, oder sich wünscht, es abwehren zu können, wenn mal wieder alles zu viel ist. Einen stacheligen Kaktus würde jeder ganz von alleine distanziert behandeln und sie müsste nicht immer selbst auf ihre Grenzen achten. Mamas neuer, nach Kuhstall stinkender Freund Jo würde nicht Kullerkeks zu ihr sagen. Oma würde ihr nicht einfach feuchte Knutscher auf die Wange drücken. Julian aus ihrer neuen Klasse würde sich nicht ständig so nah neben sie stellen, dass sie es in ihrem Bauch schwirren fühlt, als wären Wespen drin. Ida aus der Parallelklasse würde nicht drohen, einfach so aus schlechter Laune, Lu mit dem Kopf ins Klo zu stecken.

Alltägliche Probleme, mit denen Lu zu tun hat

Sie ist in der Pubertät, neu an einer Schule, ihre Eltern trennen sich gerade. Wie sie in diesem Buch behandelt und beschrieben werden, ist durchaus mal ein bisschen anders als üblich: weder wird es hochdramatisch-problematisch mit Therapiebedarf und Elternhass; noch spulen die Erwachsenen alles nach pädagogischem Lehrbuch ab und reagieren die Kinder ebenso lehrbuchmäßig. Bei Lu hakt es an vielen Stellen, wie im echten Leben. Ihrer Mutter rutschen süffisante Bemerkungen über den Vater heraus; es geht ums Geld und beide Eltern sind neuverliebt und haben oft mehr Augen für den und die Neuen als für ihre Tochter.

Gleichzeitig gibt es kleine Lichtblicke, die in pädagogischen Lehrwerken auch wiederum nicht vorgesehen sind, aber passieren. Dass Lu und die neue Freundin ihres Vaters sich beim ersten Treffen wunderbar über die Mode der vergangenen Jahrhunderte unterhalten und der Vater daneben sitzt und sich langweilt. Oder dass Jo zwar doof ist, aber sein Rührei klasse, auch wenn Lu das nur vor sich selber zugibt. Und neben allen Trennungswirren geht das Leben ja auch einfach weiter. Lu ist mitten in der Pubertät und verliebt sich selbst ein bisschen, was es alles aus ihrer Sicht nicht besser macht.

Viele innere Monologe lassen uns an Lus Gedanken und Gefühlen teilhaben und viele Dialoge bringen Situationskomik in die Geschichte. Denn trotz des ernsten Themas hat der Text viel Humor. Zwar steht ihr Leben eine Zeitlang auf dem Kopf, und am liebsten wäre Lu ein Kaktus, um alles abzuwehren, aber in den Arm genommen zu werden ist dann doch ganz schön.

Und so steuert dieser turbulente und sehr lebensnahe Roman sehr gradlinig auf ein gutes Ende zu, auf Lus neues Leben, in dem nicht immer alles gut ist, aber eben so ist, wie es ist.

Fazit:

Dass sich Eltern trennen ist Alltag in Deutschland und damit auch immer ein Thema fürs Kinderbuch. Hier bildet die Trennung der Eltern das Grundgerüst, die neue Situation, mit der sich Hauptperson Lu arrangieren muss. Manchmal wäre alles einfacher, wenn man ein Kaktus wäre. Aber irgendwie geht es trotzdem weiter. Und meistens auch ganz gut. Zumindest in diesem Buch.

Sigrid Tinz

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