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Buchcover: Dirk Walbrecker: Kleiner Engel, wo bist Du?

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Kleiner Engel, wo bist Du? von Dirk Walbrecker

erschienen bei Pattloch

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

[ab 5 Jahren]

Kleiner Engel, wo bist du? Diese Frage begleitet auch uns das ganze Buch hindurch – die einzige Spur, den die kleinen Engel von Fynn und Felicitas zunächst hinterlassen, sind glitzernde Federn am Strand. Bis sie ganz am Ende doch noch auftauchen und die Kinder über das Meer zu neuen Ufern begleiten …

Fynn ist neu auf der idyllischen kleinen Insel und lebt in einem Haus inmitten der Dünen, umgeben vom Meer. Er muss sich erst an die Geräusche der Insel gewöhnen; an das Rauschen des Meeres und an das Pfeifen des Windes. Auch in Fynns Zimmer gibt es keinerlei elektronische Geräte, die der Ablenkung dienen könnten, wie zum Beispiel CD-Player oder Computer. Noch nicht einmal der Fernseher ist angeschlossen. Fynn aber macht aus dieser ungewohnt „reizarmen“ Umgebung das beste. Er schmiedet Pläne für die Reise über das Meer mit einem selbstgebauten Schiff. Dazu macht er sich am Strand auf die Suche nach geeignetem Baumaterial – und das Meer schwemmt ihm viele brauchbare Dinge an. Als Fynn eine schöne, glitzernde Feder entgegenfliegt, betrachtet er sie kurz und wirft sie dann weg. Zum Schiffebauen kann man Federn nicht gebrauchen. Nachts träumt Fynn von seiner ersten Fahrt mit seinem neuen Schiff -einem alten Surfbrett mit Stuhl obendrauf, als Segel dient ihm ein zerfetzter Regenschirm und als Paddel ein alter Tennisschläger – aber es versinkt inmitten der hohen Wellen. Fynn denkt jedoch nicht ans Aufgeben und baut ein neues Boot mit Dingen, die das Meer über Nacht an den Strand gespült hat.

Mit einer wunderschönen, hell leuchtenden Feder taucht schließlich ein rothaariges Mädchen auf und stellt sich ihm als Felicitas vor. Sie wohnt im Leuchtturm neben dem Haus auf den Dünen. Fynn fragt sie, was sie mit der Feder anfangen will und sie gibt ihm zur Antwort, dass sie sie sammle – weil sie ihr Glück brächten und sie beschützten. Fynn kann sich zunächst keinen Reim auf die Antwort machen. Er will keine Federn sammeln er will Abenteuer erleben.

Aber auch mit diesem Boot erleidet Fynn in der Nacht Schiffbruch und muß wieder von vorn anfangen. Während er am nächsten Tag dies und das zusammenträgt, fragt sich Fynn, wo Felicitas wohl sein mag. Schließlich aber ist am Ende des Tages das Werk vollendet. Das neue Schiff sieht in seinem Traum schon sehr viel seetüchtiger aus als seine klapperigen Vorgänger. Nachdem die Reise in der Nacht so hoffnungsvoll begonnen hat, wird Fynn jedoch von Piraten angegriffen und muß die Flucht ergreifen.

Der nächste Tag ist trüb. Nicht nur die Stimmung ist Grau in Grau – auch das Wetter lässt sehr zu wünschen übrig. Als es an der Tür klopft, steht Felicitas vor der Tür und hält ihm eine glitzernde Feder entgegen. Sie will sie ihm bringen und auf Fynns Frage hin, was es mit der Feder auf sich hat, antwortet Felicitas nur, dass es ein Geheimnis sei. Fynn darf in dieser Nacht bei ihr im Leuchtturm schlafen. Oben in Felicitas „Vogelnest-Zimmer“ angekommen, zeigt Felicitas Fynn ihre gesammelten Schätze -nicht nur die vielen glitzernden Federn, sondern auch getrockenete Krebse, Seepferdchen, Seesternde und vieles mehr – die sie von ihren Nachtreisen mitgebracht hat.

In dieser Nacht gehen beide gemeinsam an den Strand und sammeln Schätze. Fynn fragt Felicitas, ob sie niemals Angst hätte, wenn sie draußen auf dem Meer unterwegs wäre. Aber Felicitas lächelt nur und zeigt auf die Feder, die Fynn in Händen hält. Als sie mit großem Segel und unter funkelnden Sternen in See stechen, ist Fynn endlich Kapitän auf hoher See. Jetzt stellt Felicitas erneut die Frage, warum sie wohl keine Angst zu haben bräuchten. Fynn antwortet ihr, dass sie ja nun zu zweit seien. „Und weil wir zwei unsichtbare Begleiter haben,“ ergänzt Felicitas worauf Fynn nur sagt: „Ich weiß“ und dabei betrachtet er glücklich die Glitzerfeder.

Der Autor Dirk Walbrecker erzählt mit „Kleiner Engel, wo bist du?“ eine Gesichte voller Symbolik und betritt dabei zwei verschiedene Bewußtseinsebenen, die beide für den Hauptdarsteller wahrhaftig und real zu sein scheinen. Traum und Realität wechseln sich im Tag- und Nachtrythmus ab, so dass wir bald verstehen können, dass Fynn in der Nacht von seinen Missgeschicken auf See nur geträumt hat. Am Tag erlebt er die reale Welt, die ihn umgibt.

Die Weite, die Natur und die Fremdheit, da ihm nichts von diesem entlegenen Ort inmittten des Meeres vertraut zu sein scheint. Fynn fühlt sich einsam in dieser Fremdheit und ihm fehlen zwei Dinge, um sich wieder sicher und verankert zu fühlen: Einen Freund und seinen Glauben an seinen Schutzengel, der ihn auch bis hier her begleitet hat und ihm mit der Glitzerfeder zeigen will, dass er da wäre. Aber Fynn möchte

lieber agieren, statt auf die Situation zu reagieren. Er will Abenteuer erleben und träumt in jeder Nacht, dass ihm doch einiges fehlt, um das große weite Meer zu besegeln. Ihm fehlt der Mut, die Zuversicht und der Glaube an dem Gelingen seines Planes. Ohne Sicherheit und mit der daraus entstehenden Angst hilft ihm nicht einmal das seetüchtigste Schiff.

Denn wenn die grimmigen Piraten an Bord kommen, können ihn auch die kleinen freundlichen Fische nicht beschützen und Fynn muß flüchten.

Als ihn Felicitas, „die Glückliche“, schließlich in ihren Leuchtturm mitnimmt, begreift Fynn. Er scheint dort oben auf dem Leuchtturm einen besseren Überblick zu haben und lässt sich in die Sicherheit der beginnenden Freundschaft fallen. Er vertraut Felicitas und interessiert sich nun dafür, woher die schönen Federn stammen. Ohne viele Erklärungen begreift Fynn, welche himmlische Unterstützung er erlangen kann, wenn er nur an seinen kleinen Schutzengel glaubt. Und als Beweis dafür treten die beiden Freunde eine große, nächtliche Fahrt an und fühlen sich mit ihren unsichtbaren Begleitern absolut sicher.

Nur allzu schwer wird es Kindern fallen, die mutmaßliche Intention des Buches zu erfassen. Zu verwoben und Nebulös sind Dirk Walbreckers Andeutungen durch Träume, glitzernde Federn und nicht zuletzt durch den ausgewählten, einsamen Aufenthaltsort des kleinen Jungen. Soll er dort bleiben? Sind er und seine Eltern nur für eine gewisse Zeit dort? Einige Indizien deuten darauf hin, wie zum Beispiel der noch nicht angeschlossene Fernseher, dass es sich wohl um einen Aufenthalt auf Dauer handelt. Kommt Fynn aus einer Großstadt, die hektisch und laut seine kindlichen Antennen betäubt hat? Die Information, dass Fynn auf der Insel keinerlei Verkehrsmittel aber auch keine elektronsichen Medien um sich hat, könnte auch ein Hinweis darauf sein. Warum kommen in der Geschichte keine Eltern vor? Lassen sie den Jungen in dieser fremden Umgebung vollkommen auf sich gestellt, oder spielen sie für Fynn in dieser Zeit nur keine so wichtige Rolle? – Seine Albträume und seine Ängste sprechen allerdings gegen letzteres. So vieles wird in der Geschichte nicht ausdrücklich ausgesprochen, bleibt mit einem Fragezeichen versehen, so dass Kinder sich nur wenig mit der dargestellten Situation identifizieren können.

Die Aquarellzeichnungen von Martina Mair zeigen eine heile, maritime Welt mit hellem Sandstrand und grünem Dünengras. Im Hintergrund das ewige Blau des Meeres und des Himmels. Ihre kleinen Details und die kleinen tierischen Begleiter machen ihre Bilder sehr sympathisch und lassen trotz der sehr ebenmäßigen Landschaft Leben aufkommen. In hren Strandbildern spürt der Betrachter den stetig wehenden Wind und die herbe Luft des Meeres. Farblich deutlichere Akzente setzt Martina Mair in der Darstellung der beiden Kinder, wobei es jedoch nicht gelingt, sie mit einer gewissen Ausstrahlung auszustatten. Aber auch der rotweiße Leuchtturm verfehlt in kaum einer Zeichnung seine Symbolik.

In Fynns Träumen dominiert das dunkle Blau des Meers und der Nacht. Diese Szenerien sind weniger harmonisch, sondern eher von Schrecken und grotesken Wesen geprägt, wie man sie aus Albträumen kennt. Immer wieder fallen Martina Mairs teilweise putzigen Fische auf, die sich zunächst über Fynn wundern, ihm Rettung zukommen lasse wollen, sich schließlich ebenso ängstlich an ihn klammern und mit ihm über Bord gehen, als die Piraten kommen. (Dabei verbleiben zwei verdutzt dreinblickende Fische an Bord, wobei einer das Messer ängstlich hoch hält und der andere von seinem Fernglas aufschaut, während Fynn gerade das Weite sucht.) Sehr schön und dezent gelungen sind die Glitzereffekte an den Federn und anderen Details – wie auf dem Schlußbild, hier funkeln die kleinen Schutzengel sowieMond und Sterne. Schade nur, dass die besagten Federn nicht auf allen Illustrationen mit diesem Effekt versehen wurden.

Fazit:

Eine Traumreise auf hoher See mit Fischen, Ungeheuern, Piraten und nicht unbedingt seetüchtigen Taumbooten. Durch diese verwirrende Welt findet Fynn schließlich zu einer Freundin und zu seinem Schutzengel zurück. Ein Buch, das schöne Illustrationen liefert und viele sympathische Details zeigt, aber in seiner Geschichte so wenig eindeutig ist wie ein Traum.

Stefanie Eckmann-Schmechta

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